Der Kampf um den Eu­ro

Die Kanz­le­rin will, dass Staa­ten kon­trol­liert plei­te­ge­hen kön­nen. Um hier­für Frank­reichs Zu­stim­mung zu be­kom­men, gab sie viel auf. Ein ge­fähr­li­cher De­al, den Rest-Eu­ro­pa nicht mit­macht.

Rheinische Post Goch - - Stimme Des Westens - VON ANTJE HÖNING UND AN­JA INGENRIETH

LU­XEM­BURG Dem Eu­ro geht es gut. Er steht bei 1,40 Dol­lar, nach­dem er vor we­ni­gen Mo­na­ten noch un­ter 1,20 Dol­lar ge­stürzt war. Doch die Ge­fahr von Staats­plei­ten ist nicht ge­bannt. Nach Grie­chen­land kämp­fen auch Län­der wie Ir­land und Spa­ni­en mit Über­schul­dung. Und der 750-Mil­li­ar­den-Ret­tungs­schirm läuft 2012 aus. Da­her ist es ver­ständ­lich, dass An­ge­la Mer­kel sich um ei­ne dau­er­haf­te Lö­sung sorgt. Doch wie in der ge­sam­ten Eu­ro-Kri­se hat sie da­bei kei­ne glück­li­che Hand.

Die Kanz­le­rin will ein In­sol­venz­recht für Staa­ten schaf­fen. Dies soll es Län­dern wie Grie­chen­land er­mög­li­chen, ge­ord­net in die Plei­te zu ge­hen. Das hat gleich zwei Vor­tei­le: Im Fall ei­ner Plei­te wer­den ers­tens nicht nur die Steu­er­zah­ler zur Kas­se ge­be­ten, son­dern auch die pri­va­ten Gläu­bi­ger müss­ten auf ei­nen Teil ih­rer For­de­run­gen ver­zich­ten. Und zwei­tens kommt es vi­el­leicht auch gar nicht so weit, weil die pri­va­ten In­ves­to­ren es sich ge­nau­er über­le­gen, ob sie ein Land über­haupt wei­ter in die Ver­schul­dung trei­ben wol­len.

Um ein sol­ches In­sol­venz­recht zu ver­an­kern, müs­sen aber die EU-Ver­trä­ge ge­än­dert wer­den – und da­für braucht Mer­kel als ers­tes die Un­ter­stüt­zung Frank­reichs. Die hat sie nun auch be­kom­men: Im fran­zö­si­schen See­bad De­au­vil­le si­cher­te ihr Frank­reichs Prä­si­dent Nicolas Sar­ko­zy jüngst Hil­fe zu. Al­ler­dings ist der Preis, den Mer­kel da­für zah­len muss, hoch. Zu hoch, sa­gen vie­le Kri­ti­ker. „Es wird sich zei­gen, ob Deutsch­land nicht die Tau­be aus der Hand ge­ge­ben hat für den Spat­zen auf dem Dach“, sagt Ot­mar Is­sing, der ehe­ma­li­ge Chef­volks­wirt der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank.

Denn im Ge­gen­zug zum wol­ki­gen Ver­spre­chen, sich für ein In­sol­venz­recht ein­zu­set­zen, sag­te Mer­kel zu, ge­mein­sam mit Paris die EU-Kom­mis­si­on zu stop­pen. Die­se will ei­gent­lich den Sta­bi­li­täts­pakt ver­schär­fen und künf­tig au­to­ma­tisch Sank­tio­nen ge­gen ein Land ver­hän­gen, das den Sta­bi­li­täts­pakt (Neu­ver­schul­dung ma­xi­mal drei Pro­zent des So­zi­al­pro­dukts) ver­letzt. Frank­reich will da­ge­gen, dass wei­ter der Rat der Fi­nanz­mi­nis­ter ent­schei­det, ob ein Land be­straft wird. Dies hat bis­lang da­zu ge­führt, dass noch kein ein­zi­ger Schul­den-Sün­der je ei­ne Stra­fe an­tre­ten muss­te, auch Deutsch­land nicht. Und nun will auch Mer­kel, dass es da­bei bleibt. „Wei­ter sol­len Sün­der über sich selbst rich­ten“, kri­ti­siert Tor­ge Mid­den­dorf, Eu­roEx­per­te der Wes­tLB.

Mehr noch: Deutsch­land will nun of­fen­bar auch noch den be­rühm­ten Ar­ti­kel 125 des Lis­s­a­bon-Ver­trags kip­pen, wo­nach EU-Staa­ten nicht für die Schul­den an­de­rer Staa­ten haf­ten dür­fen (Non-Bailout-Klau­sel). Hin­ter die­sem An­sin­nen steht Mer­kels gro­ße Sor­ge, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die frag­wür­di­ge Ret­tungs­po­li­tik un­ter­sagt. Schon für die Ret­tung Grie­chen­lands war ei­ne aben­teu­er­li­che Kon­struk­ti­on ge­fun­den wor­den, in­dem die Mil­li­ar­den-Sprit­ze als frei­wil­li­ge bi­la­te­ra­le Hil­fe de­kla­riert wur­de. Das Ver­fas­sungs­ge­richt hat, an­ge­ru­fen un­ter an­de­rem durch den frü­he­ren Thys­senChef Die­ter Speth­mann, schon da­mals ge­warnt: So et­was sei nur aus­nahms­wei­se und als Mit­tel letz­ter Wahl zu­läs­sig.

Mer­kel hat in der Eu­ro-Kri­se stets ei­ne schlech­te Fi­gur ge­macht. Aus par­tei­tak­ti­schen Grün­den hat­te sie die nö­ti­ge Hil­fe vor der NRW-Wahl im Früh­jahr ver­zö­gert. Nun hat sie sich auf ein Spiel mit Sar­ko­zy ein­ge­las­sen, bei dem sie nur ver­lie­ren kann. Die Än­de­rung des EU-Ver­trags wird sie nicht durch­set­zen kön­nen (sie­he un­ten). Die­ses Fass will kaum ein Land auf­ma­chen, zu vie­le Re­gie­run­gen wur­den schon durch Volks­ab­stim­mun­gen über den Start des Ver­trags aus dem Sat­tel ge­wor­fen. Dem weich­ge­spül­ten Sta­bi­li­täts­pakt aber hat Mer­kel ver­gan­ge­ne Wo­che be­reits zu­stim­men las­sen. Ein gu­tes Ge­schäft für Sar­ko­zy.

FO­TO; AFP

Frank­reichs Prä­si­dent Nicolas Sar­ko­zy und Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel am Strand von De­au­vil­le. Hier schlos­sen sie Mit­te Ok­to­ber ei­nen um­strit­te­nen De­al.

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