Wann darf ich klat­schen?

Der Gei­ger Da­ni­el Ho­pe, selbst ei­ner der Stars des in­ter­na­tio­na­len Mu­sik­be­triebs, hat ei­nen hüb­schen „Weg­wei­ser für Kon­zert­gän­ger“ ge­schrie­ben. Er bie­tet al­ler­lei Wis­sens­wer­tes und Über­ra­schen­des. Neu­lin­ge im Kon­zert­saal, aber auch Alt­ein­ge­ses­se­ne kön­nen

Rheinische Post Goch - - Kultur - VON WOLF­RAM GOERTZ

DÜSSELDORF Es reißt ihn hoch, er fin­det es rie­sig, ge­wal­tig, die­ser Beet­ho­ven ist so et­was von scharf, Ta-ta­ta-taaa, oft ge­hört, jetzt aber live, das Orches­ter spielt mit Wucht, und kaum ist der Satz vor­bei, drängt es ihn zum Ju­beln, zum Klat­schen, zur Be­frei­ung. Da merkt er pein­lich be­rührt, dass er in die­sem Mo­ment der ein­zi­ge Klat­scher im Saal ist. An­de­re Leu­te zi­schen ihn streng an, fuch­teln mit dem Zei­ge­fin­ger, wer­fen ihm fins­te­re Bli­cke zu. Er ist zum ers­ten Mal in ei­nem Sin­fo­nie­kon­zert, und wie­der­kom­men wird er ver­mut­lich nicht.

Wie man sich in ei­nem Kon­zert­saal ord­nungs­ge­mäß zu ver­hal­ten hat, wis­sen vie­le Leu­te trotz des Ver­wei­ses auf nie­der­schwel­li­ge Zu­gangs­mo­da­li­tä­ten nicht ge­nau. Bei­fall ist in der Mu­sik­wis­sen­schaft ei­ne weit­hin un­er­forsch­te Zo­ne, da­bei ist un­strit­tig, dass frü­he­re Ge-

Die bes­ten Plät­ze im Kon­zert­saal: Par­kett Mit­te, Rei­he 7 bis 12

ne­ra­tio­nen und vor al­lem die Kom­po­nis­ten selbst die Sa­che le­ger sa­hen. Bei der Urauf­füh­rung von Beet­ho­vens Ne­un­ter muss nach je­dem Satz der Teu­fel los ge­we­sen sein, und An­tonín Dvor­ˇák freu­te sich wie ein Kind, dass schon nach dem Kopf­satz „mei­ner neu­en Sin­fo­nie stark ap­plau­diert wur­de“.

Der welt­be­rühm­te Gei­ger Da­ni­el Ho­pe (1974 in Dur­ban, Süd­afri­ka, ge­bo­ren), der trotz sei­ner Mu­si­ka­li­tät und Vir­tuo­si­tät eher zu den le­ge­ren und ent­spann­ten Meis­tern sei­nes Fachs zählt, be­ant­wor­tet in sei­nem hüb­schen Buch „Wann darf ich klat­schen?“ ei­nen er­kleck­li­chen Teil je­ner Fra­gen, die mit den für Au­ßen­ste­hen­de un­kla­ren Ri­tua­len des klas­si­schen Kon­zert­le­bens ein­her­ge­hen. Im Un­ter­ti­tel heißt das hand­li­che Bänd­chen, das man nicht oh­ne Ge­winn schnell liest, „Weg­wei­ser für Kon­zert­gän­ger“. Es wen­det sich al­so an Ex­per­ten, die ih­re ei­ge­nen Ge­pflo­gen­hei­ten noch ein­mal jus­tie­ren wol­len, und an No­vi­zen, die sich akri­bisch vor­be­rei­ten möch­ten auf ih­ren ers­ten oder zwei­ten Zu­tritt zum Tem­pel und dort nur ja kei­nen Faux­pas be­ge­hen wol­len. Was den Ap­plaus an­langt: Ho­pe plä­diert für Li­be­ra­li­tät. Es müs­se aber be­ach­tet wer­den, dass Ge­joh­le die Stim­mung zwi­schen zwei Sät­zen zer­stö­ren kann.

Der Ton­fall des Au­tors ist sehr freund­lich, weil er mit sei­nem Le­se­pu­bli­kum und mit den Groß­kop­fe­ten der Bran­che ins Ge­spräch kom­men will. Er sagt nicht: „Neue Mu­sik soll­te grund­sätz­lich mo­de­riert wer­den!“ Son­dern: „Lei­der gibt es Er­klä­run­gen für die Mu­sik im­mer noch viel zu sel­ten.“ Kann sein, dass sei­ne de­zen­te­re Darstel­lung erst recht Ge­hör fin­det. Kann auch sein, dass sie zu be­lie­big klingt.

Hopes Buch nimmt den Le­ser bei der Hand, in­dem es sys­te­ma­tisch den Weg ei­nes Men­schen in ei­nen Kon­zert­saal be­schreibt. Wie be­rei­tet er sich vor? Was zieht er an? In sei­nem „Schnell­kurs in Mu­sik­ge­schich­te“ kratzt Ho­pe na­tür­lich an der Ober­flä­che, trotz­dem kann er ein­leuch­tend feh­ler­frei ver­mit­teln, was die Prin­zi­pi­en von Klas­sik und Ro­man­tik sind, die ja im­mer noch ge­fühl­te 95 Pro­zent un­se­res Kon­zert­le­bens aus­ma­chen.

Die wich­ti­ge Fra­ge, wo man am bes­ten sitzt und hört, be­ant­wor­tet Ho­pe sehr ein­deu­tig: Par­kett Mit­te, Rei­he 7 bis 12. Klar – nur sind die­se Plät­ze meis­tens von Leu­ten, die das auch schon vor­her wuss­ten, be­reits be­setzt oder so­wie­so im Abon­ne­ment ver­ge­ben. Gott­lob weist Ho­pe dar­auf hin, dass die be­glü­ckends­ten Kon­zert­er­leb­nis­se sel­ten vom Sitz­platz ab­hän­gig sind, son­dern auch von per­sön­li­cher Stim­mung oder der Ver­fas­sung der Liebs­ten.

Be­son­ders köst­lich sind die Be­schrei­bun­gen aus der Mu­si­ker­sicht – wer wann aus wel­chem Ver­schlag auf die Büh­ne darf, wie die Blu­men­fra­ge ge­re­gelt ist oder wel­che Sä­le sich welt­weit in tou­ris­ti­sche Be­dürf­nis­se in­te­grie­ren las­sen.

Lei­der ist sich Mr. Ho­pe am En­de für die ob­li­ga­to­ri­sche Kri­ti­ker­be­schimp­fung nicht zu scha­de. In­des ehrt es ihn, dass er den scharf­zün­gi­gen Kol­le­gen vom „Bos­ton Glo­be“ zitiert. Der hat­te in ei­ner Re­zen­si­on ei­nes Kon­zerts, in dem Ho­pe mehr­fach aus lau­ter Lei­den­schaft mit dem Fuß auf­ge­stampft hat­te, ei­nen Chir­ur­gen her­bei­ge­sehnt, der ei­ne so­for­ti­ge Am­pu­ta­ti­on des Fu­ßes hät­te durch­füh­ren sol­len. Beim nächs­ten Kon­zert spiel­te Ho­pe lei­ser. Na al­so, ging doch.

FO­TO: LAIF

Schön, wenn man da­bei ge­we­sen: Ari­en­abend der So­pra­nis­tin Re­na­ta Te­bal­di in der Mai­län­der Sca­la im Jahr 1974. Ein Ba­n­au­se, wer da nicht ju­bel­te.

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