Der Kopf­bahn­hof der Lie­ben­den

Rheinische Post Goch - - Kultur - VON WOLF­RAM GOERTZ

STUTT­GART Oh­ne sich in die Ge­men­ge­la­ge der Stutt­gar­ter Par­tei­en und die Geiß­ler­schen Sch­lich­tungs­ver­su­che ein­mi­schen zu wol­len: Die Neu­bau-Geg­ner von „Stutt­gart 21“ ha­ben in ih­rer Ar­gu­men­ta­ti­on den so­zio-emo­tio­na­len Aspekt bis­lang nicht stark ge­nug ver­foch­ten. Der Kopf­bahn­hof ist der Bahn­hof der Lie­ben­den, des Wie­der­se­hens, der un­ge­trüb­tes­ten Be­geg­nun­gen.

Wer hat nicht je ge­lit­ten, sich den Kopf fast aus­ge­renkt, auf Ze­hen ge­stan­den, den Bahn­steig wirr mit Bli­cken er­forscht, wenn er et­wa an den Düs­sel­dor­fer ICE-Glei­sen ei­nen sehr, sehr lie­ben Men­schen er­war­te­te. Da die­se Zü­ge ei­ne ge­wis­se Län­ge auf­wei­sen und der er­war­te­te Rei­sen­de nie ei­ne Sitz­platz­re­ser­vie­rung löst, mit der er ei­ner be­stimm­ten Wa­gen­num­mer zu­zu­ord­nen wä­re, konn­te er in den Be­rei­chen A, C oder E aus­stei­gen – man wuss­te es nie. Dann stand man dumm da, bis plötz­lich das Han­dy bim­mel­te: „Wo bist du denn ei­gent­lich? Ich ste­he hier mit ei­nem schwe­ren Kof­fer! Hast du mich et­wa ver­ges­sen?“ Man spür­te den ver­ständ­li­chen Zorn der An­ru­fe­rin so­gleich und schrie ge­gen den Lärm der Men­schen an: „Nein, ich bin doch hier oben, ste­he gleich an der Würst­chen­bu­de, wo bist du denn aus­ge­stie­gen? - - - Ach, jetzt se­he ich dich.“

Auch die An­kunfts­be­rei­che von Flug­hä­fen sind heut­zu­ta­ge eher un­über­sicht­lich. Ent­we­der kom­men al­le an ei­nem zen­tra­len „Exit“ an, und man muss un­ter Um­stän­den Tau­sen­de von Köp­fen an­gu­cken, um den ei­nen er­sehn­ten zu iden­ti­fi­zie­ren, oder sie kön­nen nach Ab­ho­lung des Ge­päcks ei­nen von meh­re­ren Aus­gän­gen wäh­len. Man kennt den an­ge­wi­der­ten Blick des Ge­schäfts­rei­sen­den, der am Nach­bar­ge­päck­band des Flie­gers mit 270 Bal­ler­mann-Tou­ris­ten auf­schlägt und mit ih­nen den­sel­ben Aus­gang tei­len muss; für man­chen ei­ne fins­te­re Vor­stel­lung. Er nimmt dann et­wa in Düsseldorf Aus­gang 7 statt Aus­gang 8. Zu dumm, dass bei Aus­gang 7 auf­ge­bre­zelt die Ehe­frau steht, die ihn über­ra­schen will.

Im Kopf­bahn­hof kann das nicht pas­sie­ren. Dort fin­den sich al­le, die sich fin­den wol­len und sol­len. Al­le, die ei­nen Zug ver­las­sen, ge­hen in die­sel­be Rich­tung – hin zum Kopf. Dort wer­den sie von ei­nem Grüpp­chen er­war­tet, über das man fast ei­ne klei­ne Stu­die an­stel­len könn­te. Der Knirps mit Bril­le und Gi­tar­ren­kas­ten, der wohl auf ein Band­mit­glied war­tet. Der Herr im Zwei­rei­her mit dem Schild „Herr Dr. Mai­er, Fir­ma But­zig“ vorm Bauch. Die jün­ge­re Frau mit Ro­se, Par­füm­wol­ke und auf­fäl­lig kur­zem Rock, die ih­ren Liebs­ten her­bei­sehnt.

Wer es in die­sem Pulk von 20, 30 War­ten­den nicht aus­hält, der geht oder läuft dem Er­war­te­ten ent­ge­gen, wenn er ihn in 150 Me­tern Ent­fer­nung mit gu­tem Au­ge er­blickt oder er­ahnt hat. Aber er kann sich auch in der Kunst des Aus­hal­tens üben. Das führt zu lan­gen Bli­cken: Man sieht dem Kom­men­den ge­hend in die Au­gen, lacht, zwin­kert oder guckt ernst, un­durch­dring­lich. No­ta­be­ne wer­den hier auch Macht­spiel­chen aus­ge­tra­gen: Wer hält es als Ers­te(r) von zwei­en vor Sehn­sucht nicht aus und will dem/ der Liebs­ten in die Ar­me fal­len?

Con­ten­an­ce hin oder her: Wer nie an ei­nem Kopf­bahn­hof ab­ge­holt wur­de oder ab­ge­holt hat, weiß nicht, wie schön Wie­der­se­hens­freu­de sein kann.

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