Spu­ren­si­che­rung im Dschun­gel

Ei­ne Spe­zi­al­ein­heit der ko­lum­bia­ni­schen Po­li­zei ver­sucht, die Op­fer po­li­ti­scher Ge­walt­ta­ten zu iden­ti­fi­zie­ren. Ge­gen die Zu­si­che­rung von Straf­min­de­rung ge­ben die Tä­ter die ent­schei­den­den Hin­wei­se auf seit vie­len Jah­ren un­ge­klär­te Mor­de. Deutsch­land un­ter

Rheinische Post Goch - - Weitsicht - VON TO­BI­AS KÄU­FER

BO­GO­TÁ Die Wahr­heit kommt über ei­ne Sa­tel­li­ten­schüs­sel: Auf dem wei­ßen Kas­ten­wa­gen, der auf dem Park­platz der Ge­ne­ral­staats­an­walt­schaft in Bo­go­tá steht, ist ei­ne gro­ße An­ten­ne an­ge­bracht. Was mit ih­rer Hil­fe aus den ent­le­gens­ten Re­gio­nen Ko­lum­bi­ens auf die Fern­seh­bild­schir­me ge­sen­det wird, ist für die Zu­schau­er al­les an­de­re als leich­te Un­ter­hal­tungs­kost. Über­tra­gen wer­den Ge­ständ­nis­se grau­sa­mer po­li­ti­scher Mor­de und bru­ta­ler Ver­bre­chen, die bis heu­te un­ge­sühnt sind.

Die ko­lum­bia­ni­sche Re­gie­rung be­gann vor acht Jah­ren da­mit, die pa­ra­mi­li­tä­ri­schen Ver­bän­de zu ent­waff­nen. Im Rah­men die­ses Ent­mi­li­ta­ri­sie­rungs­pro­zes­ses der il­le­ga­len Grup­pen ver­ab­schie­de­te das Land 2005 das Ge­setz „Justi­cia y

Fast 300 000 Op­fer von Ge­walt sind von den Be­hör­den re­gis­triert

Paz“ (Ge­rech­tig­keit und Frie­den). Da­mit wur­de der ju­ris­ti­sche Rah­men für ei­ne Au­f­ar­bei­tung der zahl­rei­chen Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen sei­tens der Pa­ra­mi­li­tärs ge­schaf­fen. Die Idee klingt ein­fach: Die Tä­ter zahl­rei­cher, po­li­tisch mo­ti­vier­ter Ge­walt­ta­ten soll­ten ein um­fas­sen­des Ge­ständ­nis ab­le­gen. Nur wenn sie nichts ver­schwei­gen und den Op­fern ei­ne Wie­der­gut­ma­chungs­zah­lung leis­ten, greift für sie ei­ne Son­der­re­ge­lung, die ei­ne Höchst­stra­fe von acht Jah­ren vor­sieht. Das kri­ti­sie­ren Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen frei­lich als viel zu ge­ring. Selbst Mas­sen­mör­der oder Mas­sen­ver­ge­wal­ti­ger könn­ten so mit ei­ner ver­gleichs­wei­se ge­rin­gen Stra­fe da­von­kom­men.

Mit den „mo­bi­len An­hö­rungs­ein­hei­ten“ un­ter­stützt Deutsch­land be­reits seit mehr als drei Jah­ren ein ehr­gei­zi­ges Frie­dens­pro­jekt in Ko­lum­bi­en. Das vom Aus­wär­ti­gen Amt mit ins­ge­samt acht Mil­lio­nen Eu­ro fi­nan­zier­te Un­ter­neh­men, das die Deut­sche Ge­sell­schaft für Tech­ni­sche Zu­sam­men­ar­beit (GTZ) vor Ort um­setzt, soll mit­hel­fen, mehr als 10 000 Ein­zel­schick­sa­le auf­zu­klä­ren, Tä­ter zu ver­ur­tei­len und zu­gleich Wie­der­gut­ma­chung zu leis­ten. „Ein­zig­ar­tig“ nennt der deut­sche Be­ra­ter Da­ni­el Mou­qué das Pro­jekt vor al­lem des­halb, weil Ko­lum­bi­en als ei­nes der we­ni­gen la­tein­ame­ri­ka­ni­schen Län­der ver­sucht, sich sei­ner blu­ti­gen Ver­gan­gen­heit zu stel­len. Die drei Schlüs­sel­wor­te des „Pro­Fis“ ab­ge­kürz­ten Pro­jekts hei­ßen Wahr­heit, Wie­der­gut­ma­chung und Ver­söh­nung.

Die jahr­zehn­te­lan­gen Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen, ver­übt von links­ge­rich­te­ten Gue­ril­la­ein­hei­ten, rech­ten Pa­ra­mi­li­tärs, Dro- gen­ma­fia und aus dem Ru­der ge­lau­fe­nen re­gu­lä­ren Ar­mee­an­ge­hö­ri­gen zer­stör­ten das Ver­trau­en in staat­li­che Be­hör­den. Die­ses Ver­trau­en in die ei­ge­ne Jus­tiz zu­rück­zu­ge­win­nen, ist die größ­te Her­aus­for­de­rung für das Land. Doch die Um­set­zung des ehr­gei­zi­gen Vor­ha­bens ist für die ko­lum­bia­ni­sche Ge­ne­ral­staats­an­walt­schaft kaum zu rea­li­sie­ren. Seit 2002 ha­ben sich laut of­fi­zi­el­len An­ga­ben über mehr als 35 000 Pa­ra­mi­li­tärs ent­waff­nen las­sen. Et­wa 3400 die­ser Kämp­fer wol­len im Rah­men des Ge­set­zes „Justi­cia y Paz“ aus­sa­gen oder ha­ben be­reits Ge­ständ­nis­se ab­ge­legt.

Die An­zahl der De­lik­te ist im­mens: Bis vor we­ni­gen Wo­chen re­gis­trier­ten die Be­hör­den fast 300 000 Op­fer. Und längst nicht al­le Be­trof­fe­nen wa­gen den Gang zu den Be­hör­den, um die oft grau­sa­men Ver­bre­chen wie Fol­te­run­gen, Ver­ge­wal­ti­gung oder Mord an­zu­zei­gen. Nach Be­rech­nung von Ex­per­ten wird die Be­ar­bei­tung al­ler Fäl­le noch Jahr­zehn­te in An­spruch neh­men. Er­schwert wird die Ar­beit der Er­mitt­ler auch da­durch, dass in den Re­gio­nen, in de­nen sich pa­ra­mi­li­tä­ri­sche Ver­bän­de zur Ent­waff­nung be­reit­er­klär­ten, neue Grup­pie­run­gen auf­ge­taucht sind und Angst und Schre­cken ver­brei­ten.

Deut­sche Fach­kräf­te be­ra­ten die ko­lum­bia­ni­schen Be­hör­den bei der Au­f­ar­bei­tung der Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen. So wie der deut­sche Kri­mi­nal­be­am­te Karl Heinz Dud­de. „Das En­ga­ge­ment der Er­mitt­lungs­be­am­ten ist enorm“, sagt der weiß- haa­ri­ge Po­li­zist aus dem Rhein­land. „Und das ist um­so be­mer­kens­wer­ter, weil die Ar­bei­ten oft in schwer zu­gäng­li­chem Ge­län­de durch­zu­füh­ren sind.“ Der Job ist schwie­rig und un­dank­bar, weil das Sto­chern in der un­be­que­men Ver­gan­gen­heit kei­ne neu­en Freun­de schafft, son­dern erst ein­mal al­te Wun­den auf­reißt. „Trotz­dem sind die Ko­lum­bia­ner mit gro­ßem Ehr­geiz da­bei, weil sie spü­ren, dass die­se Ar­beit wich­tig für die Zu­kunft ih­res Lan­des ist“, sagt Dud­de.

Ge­mor­det wur­de von den Pa­ra­mi­li­tärs vor al­lem weit au­ßer­halb der gro­ßen Städ­te Bo­go­tá und Me­del­lín. Oft müs­sen die Be­am­ten al­len Mut zu­sam­men­neh­men, um sich ih­ren Weg durch den Dschun­gel zu bah­nen. Manch­mal füh­ren nur ki­lo­me­ter­lan­ge Fuß­mär­sche zu den Tat­or­ten, schon die An­rei­se ist ein klei­nes Aben­teu­er. Doch der Ehr­geiz zahlt sich aus: Die Iden­ti­fi­zie­rungs­quo­te der ex­hu­mier­ten To­ten wur­de in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten von 18,5 auf 35 Pro­zent ge­stei­gert. Mehr als 1000 Fa­mi­li­en ha­ben nun end­lich Ge­wiss­heit, was mit ei­nem spur­los ver­schwun­de­nen An­ge­hö­ri­gen pas­siert ist. Und sie kön­nen nun ei­nen Ver­wand­ten wür­de­voll be­er­di­gen.

Die ko­lum­bia­ni­schen Er­mitt­ler ge­hen da­bei ge­zielt vor. Die Tä­ter, die sich dem Ge­setz un­ter­wer­fen, ver­pflich­ten sich um­fas­send aus-

Oft füh­ren ki­lo­me­ter­lan­ge Fuß­mär­sche durch den

Ur­wald zum Tat­ort

zu­sa­gen. Sie müs­sen die Be­am­ten ge­le­gent­lich so­gar selbst zu Schau­plät­zen ih­rer grau­sa­men Mas­sa­ker füh­ren. Vor Ort über­prü­fen die Er­mitt­ler dann die An­ga­ben, die auch nach Jahr­zehn­ten noch über­ra­schend ge­nau sind.

Auch Ma­ria Ro­d­ri­guez, die ih­ren rich­ti­gen Na­men aus Angst nicht nen­nen will, hört bei ei­ner der An­hö­run­gen via Bild­schirm zu und hofft auf Aus­kunft über den Ver­bleib ih­res vor zehn Jah­ren er­mor­de­ten Soh­nes. „Mein An­walt hat mir ge­sagt, dass es heu­te vi­el­leicht ei­nen Hin­weis gibt.“ Am En­de des Ta­ges gibt es wirk­lich Hoff­nung, denn der Mann auf dem Bild­schirm hat Aus­sa­gen ge­macht, die die Ver­mu­tung na­he­le­gen, dass es sich bei ei­nem der ver­scharr­ten Op­fer um den da­mals 16 Jah­re al­ten Jun­gen han­delt. „Ich will, dass er end­lich auf ei­nem Fried­hof sei­ne Ru­he fin­den kann“, sagt Ma­ria Ro­d­ri­guez mit Trä­nen in den Au­gen. In den nächs­ten Mo­na­ten wer­den die Er­mitt­ler ver­su­chen die Lei­che zu fin­den und zu iden­ti­fi­zie­ren.

Bei al­lem Auf­wand, den die Re­gie­rung in den ers­ten fünf Jah­ren nach Er­lass des Ge­set­zes bis­lang ge­trie­ben trieb, blei­ben die Er­geb­nis­se frei­lich bis­her über­schau­bar. Erst vor we­ni­gen Wo­chen konn­ten die ers­ten Ur­tei­le ge­gen ge­stän­di­ge Pa­ra­mi­li­tärs ge­fällt wer­den. Auch auf Ent­schä­di­gungs­zah­lun­gen war­ten die An­ge­hö­ri­gen der Op­fer bis­lang ver­geb­lich. Und den­noch lohnt sich aus ih­rer Sicht der Ver­such, das un­fass­ba­re Grau­en auf­zu­ar­bei­ten. „Je­de Rei­se be­ginnt mit dem ers­ten Schritt“, sagt die lei­den­de Mut­ter Mar­ta Ro­d­ri­guez. „Wir wer­den uns ir­gend­wann auch ein­mal ver­söh­nen müs­sen.“

FO­TOS: PRO-FIS

Ein ver­gilb­tes Pass­fo­to ist manch­mal der ein­zi­ge Hin­weis auf die To­ten: Bei ih­rer Su­che nach den teil­wei­se vor vie­len Jah­ren ver­scharr­ten Op­fern von To­des­schwa­dro­nen und lin­ken Gue­ril­la-Grup­pen sind die ko­lum­bia­ni­schen Po­li­zei-Ex­per­ten vor al­lem auf die Aus­sa­gen der Tä­ter an­ge­wie­sen.

Ei­ne Lei­che wird iden­ti­fi­ziert: Zehn­tau­sen­de ko­lum­bia­ni­sche Fa­mi­li­en war­ten wei­ter auf Ge­wiss­heit über das Schick­sal von ver­schwun­de­nen An­ge­hö­ri­gen.

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