Pri­va­te Kriegs­flot­te ge­gen Pi­ra­ten

Mit un­ge­wöhn­li­chen Mit­teln wol­len bri­ti­sche Schiffs­ver­si­che­rer und Ree­der die See­räu­be­rei vor So­ma­lia be­kämp­fen: Sie pla­nen den Kauf von 20 be­waff­ne­ten Schnell­boo­ten, die vor Afri­ka pa­trouil­lie­ren sol­len. Ihr Ein­satz sei preis­wer­ter als die Lö­se­geld­zah­lun

Rheinische Post Goch - - Politik - VON HELMUT MICHELIS

See­räu­ber nut­zen Su­per­tan­ker als schwim­men­de Ba­sis

LONDON/HAM­BURG Die welt­weit ers­te pri­va­te Ma­ri­ne kos­tet nach den Be­rech­nun­gen Lon­do­ner Ver­si­che­run­gen knapp zwölf Mil­lio­nen Eu­ro jähr­lich. Die Ver­lus­te der in­ter­na­tio­na­len Schiff­fahrt durch die See­räu­be­rei be­tra­gen da­ge­gen rund 115 Mil­lio­nen Eu­ro. Auf die­ser sim­plen Rech­nung fußt die Idee der bri­ti­schen Ver­si­che­rer und Schiffs­eig­ner, ei­ne ei­ge­ne Flot­te ge­gen die so­ma­li­schen Pi­ra­ten auf­zu­stel­len.

Wie die Lon­do­ner Zei­tung „The In­de­pen­dent“ wei­ter be­rich­tet, sei­en die bri­ti­sche Re­gie­rung und die Ma­ri­ne über den be­reits weit ge­die­he­nen Plan in­for­miert. Of­fen­bar gibt es kei­ne ent­schei­den­den Ein­wän­de. Die Zei­tung zitiert Se­an Woo­ler­son von der Ver­si­che­rungs­grup­pe Jar­di­ne Lloyd Thomp­son: „Wir wol­len un­se­re Be­gleit­boo­te un­ter das Kom­man­do der mul­ti­na­tio­na­len See­streit­kräf­te vor So­ma­lia stel­len.“ Die hoch­see­tüch­ti­gen Schnell­boo­te sol­len die Han­dels­schif­fe durch die Ge­fah­ren­zo­nen be­glei­ten. Das sei als deut­li­ches Si­gnal an die So­ma­lis ge­dacht, dass sie lie­ber nicht an­grei­fen soll­ten, er­gänz­te Woo­ler­son.

Beim Ver­band Deut­scher Ree­der (VDR) in Ham­burg sto­ßen die bri­ti­schen Plä­ne auf gro­ße Skep­sis: „Wir hal­ten das nicht für klug, pri­va­te Ar­me­en auf die of­fe­ne See zu schi­cken“, sag­te VDR-Spre­cher Max Johns un­se­rer Zei­tung. „Zu­dem ge­hen wir da­von aus, dass ei­ne sol­che Ak­ti­on nicht durch das in­ter­na­tio­na­le See­recht ge­deckt ist.“ Selbst wenn pri­va­te Kriegs­schif­fe als Er­gän­zung der staat­li­chen Ma­ri­nen, im kon­kre­ten Fall So­ma­lia, sinn­voll sein könn­ten, wür­de ein ge­fähr­li­cher Prä­ze­denz­fall ge­schaf­fen. Johns: „Wer weiß, wer sich dann mit Ver­weis dar­auf eben­falls sol­che Flot­ten an­schafft?“

Zur­zeit sind ver­mut­lich 20 Schif­fe mit rund 500 See­leu­ten in der Ge­walt so­ma­li­scher Pi­ra­ten. In­zwi- schen sei­en die Lö­se­geld­for­de­run­gen auf 4,5 Mil­lio­nen Eu­ro pro Schiff ver­dop­pelt wor­den, heißt es; die Tan­ker und Frach­ter be­fän­den sich im Schnitt je 117 Ta­ge in der Ge­walt der See­räu­ber.

Die neu­es­te Be­dro­hung ist ein Pi­ra­ten­schiff grö­ßer als ein Flug­zeug­trä­ger: Die Na­to warnt die Ka­pi­tä­ne vor dem ge­ka­per­ten Su­per­tan­ker „Sam­ho Dream“. Er wer­de von den See­räu­bern als Mut­ter­schiff be­nutzt, um weit ent­fernt von der Küs­te im In­di­schen Oze­an Schif­fe ab­fan­gen zu kön­nen.

Die bri­ti­schen Ree­der er­hof­fen sich von der neu­en Pri­vat-Ma­ri­ne auch ei­ne Sen­kung der ho­hen Ver­si­che­rungs­sum­men, die mitt­ler­wei­le bei 55 000 Eu­ro pro Fahrt lä­gen. Ein Su­per­tan­ker müs­se gar mit mehr als 300 000 Eu­ro pro Tour ver­si­chert wer­den. Trotz­dem ist das of- ges­tern ein Ver­fah­ren ge­gen die un­be­kann­ten Ent­füh­rer des grie­chi­schen Flüs­sig­gas-Tan­kers „York“ ein­ge­lei­tet. Die Be­hör­de er­mit­telt, weil der Ka­pi­tän (70) des vor Afri­ka ge­ka­per­ten Schiffs aus Ham­burg stammt. Am Mon­tag hat­te ei­ne bri­ti­sche Fre­gat­te Pi­ra­ten in die Flucht ge­schla­gen, die den Bre­mer Frach­ter „Be­lu­ga For­tu­ne“ ge­en­tert hat­ten. Die in­ter­na­tio­na­len Kriegs­schif­fe im Golf von Aden und vor So­ma­lia, dar­un­ter die deut­sche Fre­gat­te „Köln“, ha­ben zwar Atta­cken ab­weh­ren kön­nen. Ins­ge­samt aber wer­den sie der Pi­ra­ten­pla­ge in dem See­ge­biet 22 Mal so groß wie Deutsch­land nicht Herr. Fast täg­lich wird ein Über­fall ge­mel­det.

Im Ju­ni hat­te des­halb mit der Ham­bur­ger Ree­de­rei Kom­row­ski erst­mals ein deut­scher Ree­der ein Han­dels­schiff zum Schutz vor Pi­ra­ten mit ei­ner be­waff­ne­ten Wach­mann­schaft aus­ge­stat­tet. Es han­del­te sich um den Con­tai­ner-Frach­ter „Tai­pan“, der am 5. April vor der so­ma­li­schen Küs­te von zehn See­räu­bern über­fal­len und von nie­der­län­di­schen Sol­da­ten in ei­ner spek­ta­ku­lä­ren Ak­ti­on wie­der be­freit wor­den war. Um deut­sches Recht nicht zu ver­let­zen, fährt die „Tai­pan“ nun un­ter der Flag­ge von Li­be­ria. Die vier Wach­leu­te „aus­län­di­scher Her­kunft“ sei­en mit Ge­weh­ren be­waff­net.

Die „Tai­pan“ ist kein Son­der­fall. Die Mehr­heit der Schiffs­eig­ner be­schäf­tigt mitt­ler­wei­se sol­che pri­va­ten Wach­diens­te an Bord, schweigt aber öf­fent­lich dar­über. Die drei größ­ten Ree­de­rei­en der Welt, Ma­ersk, MSC und CMA-CGM, ha­ben kürz­lich Ge­sprä­che über den be­waff­ne­ten Schutz ih­rer Schif­fe ge­führt. Das Er­geb­nis: Zwei der drei Groß­ree­de­rei­en füh­ren ihn ein.

Der Ver­band Deut­scher Ree­der bit­tet die Bun­des­re­gie­rung seit Län­ge­rem dar­um, dass klei­ne Kom­man­dos be­waff­ne­ter Sol­da­ten oder Bun­des­po­li­zis­ten deut­sche Han­dels­schif­fe in ge­fähr­li­chen Ge­bie­ten be­glei­ten – bis­lang ver­geb­lich. Max Johns: „Die Po­li­zei ist zu­stän­dig, kann es aber nicht. Die Bun­des­wehr kann es, darf es aber nicht.“ In­ter­net War­um der Kampf ge­gen die Pi­ra­ten so schwie­rig ist. Mehr un­ter www.rp-on­line.de/po­li­tik DÜSSELDORF (kas) Die ira­ni­sche Frie­dens­no­bel­preis­trä­ge­rin von 2003, Shi­rin Eba­di, hat sich ge­gen das Pro­gramm für Kern­ener­gie ih­res Lan­des aus­ge­spro­chen. Ges­tern war be­kannt ge­wor­den, dass der Iran da­mit be­gon­nen hat, sein Atom­kraft­werk Bu­schehr mit Brenn­stoff aus­zu­rüs­ten. Teheran be­haup­te zwar stets, dass die Kern­ener­gie nur für fried­li­che Zwe­cke, et­wa zur Strom­er­zeu­gung, ge­nutzt wer­den sol­le. „Auch wenn das wahr ist, hal­te ich es für falsch“, sag­te Eba­di bei ei­nem Be­such im Düs­sel­dor­fer Land­tag. „An­statt Gel­der für die Kern­ener­gie be­reit­zu­stel­len, soll­te die ira­ni­sche Re­gie­rung in er­neu­er­ba­re Ener­gi­en in­ves­tie­ren“, sag­te sie. Ar­min La­schet, der sich der­zeit um den Lan­des­vor­sitz der CDU be­wirbt, hat­te Eba­di ein­ge­la­den, um sie „im Kampf um De­mo­kra­tie in ih­rer Hei­mat zu un­ter­stüt­zen“.

FO­TO: NA­TO

Bri­ti­sche Ma­ri­ne­sol­da­ten der An­ti-Pi­ra­ten-Mis­si­on „Atalan­ta“ der Na­to mit Schlauch­boot im Golf von Aden.

FO­TO: GETTY IMAGES

Shi­rin Eba­di

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