Schweiß­mäu­se und di­cke Aa­le

Der ers­te Go­cher Flachs­markt des Jah­res zog wie­der tau­sen­de Men­schen an und lock­te eben­so mit Klas­si­kern wie mit „sen­sa­tio­nel­len Welt­neu­hei­ten“. Ge­ra­de die flie­gen­den Händ­ler sorg­ten für gu­te Lau­ne bei den Mas­sen.

Rheinische Post Goch - - Grenzland Post - VON MICHAEL BAERS

GOCH Dem Go­cher Flachs­markt wohnt ein Zau­ber in­ne. Wie in der „Win­kel­gas­se“, je­nem Ein­kaufs­vier­tel für He­xen und Zau­be­rer à la Har­ry Pot­ter, be­geg­net man hier ei­ner wun­der­ba­ren Wa­ren­welt und teils au­ßer­ge­wöhn­li­chen Ge­stal­ten. Ge­ra­de­zu ma­gisch geht es zu zwi­schen Schmuck, Strümp­fen und Stof­fen. Und es be­darf schon ei­nes Ex­per­ten, ei­nes wah­ren Groß­meis­ters des Flachs­mark­tes, hier den Über­blick zu be­hal­ten.

Denn sind es nun eher die So­cken mit „Pre­mi­um-“ oder doch je­ne mit „Mar­ken­qua­li­tät“, die die Fü­ße wirk­lich vom win­ter­li­chen Frös­teln ab­hal­ten wer­den? Wo liegt der Un­ter­schied zwi­schen der „Mes­se­Neu­heit: ka­na­di­sche Müt­ze“ und je­ner bis ins De­tail ex­akt gleich aus­se­hen­den „Ori­gi­nal Win­ter­fleece­müt­ze“ nur zwei Stra­ßen­ecken wei­ter? Gibt es beim Kauf zwei­er „Heiz­kör­per­bürs­ten aus ech­tem Zie­gen­haar“ und ei­nem Ho­sen­trä­ger „Mo­tiv: All­gäu“ vi­el­leicht so­gar ei­nen Kü­chen­kit­tel (dun­kel­blau) gra­tis?

Die Wa­ren­na­men spre­chen für sich

Ei­ne Ver­käu­fe­rin bürgt laut über­di­men­sio­na­ler Ur­kun­de für die Qua­li­tät des von ihr an­ge­bo­te­nen Rei­ni­gers gar mit dem ei­ge­nen Na­men – nur le­sen kann man ihn nir­gends. Der Na­me des Pro­dukts al­ler­dings spricht trotz des Tei­langli­zis­mus ei­ne auch für den bo­den­stän­di­gen Nie­der­rhei­ner ein­deu­ti­ge und ver­kaufs­för­dern­de Spra­che: „Nof­leck“ – da weiß man, woran man ist.

Ge­gen­über der laut­stark und un­wi­der­spro­chen vor­ge­tra­gen­den Kü­chen­hel­fer­vi­ta ali­as „Wer­de­gang ei­ner ech­ten Stahl­sche­re aus So­lin­gen“, sorgt ei­ne Au­to­po­li­tur „mit Lo­tus­ef­fekt“ glei­cher­ma­ßen für glän­zen­de Hau­ben und Au­gen. Zau­ber­haf­te Kur­ven ver­spricht ei­ne „Push-up-Strumpf­ho­se“, der Trend bei Nacht­hem­den geht in die­ser Sai­son klar zu ro­sa und apri­ko­sen­far­ben, ge­bet­tet wird sich of­fen­sicht­lich nach wie vor auf den Flachs­markt-Klas­si­kern wie „Edel­fla­nell“ oder „Mi­kro­fa­ser“.

Der aus dem Ver­kaufs­fern­se­hen be­kann­te Ge­mü­se-Schnei­der ver­spricht im­mer noch „Trä­nen-frei­es Zwie­bel­schnei­den“, die „Ar­mee­so­cken“ ziert ein Sol­dat mit Pi­ckel­hau­be. Und der zu­fäl­lig aus der Mas­se auf­ge­tauch­te Nach­bar kom­men­tiert den Sei­fen-Groß­ein­kauf la­ko­nisch mit „wird auch Zeit“, lacht und ver­schwin­det wie­der.

Doch bei al­ler Ma­gie mach­te auch die Ban­ken-und Wirt­schafts­kri­se vor dem größ­ten Flachs­markt der Re­gi­on nicht Halt: „Kre­dit nur an 80-Jäh­ri­ge in Be­glei­tung ih­rer El­tern“, war da war­nend auf dem Schild des Schuh­put­zers zu le­sen, des­sen Stand ge­nau vor der Volks­bank zu fin­den war.

„Aal-Vol­ker“ aus Ham­burg hin­ge­gen war in Ge­ber­lau­ne: „Ich bin so gut drauf, ich könn­te mit blo­ßen Hän­den Te­le­fon­rech­nun­gen zer­rei­ßen – komm her Schatz, für dich gibt’s den ex­tra di­cken Aal.“ Und auch das letz­te Mys­te­ri­um des Flachs­mark­tes konn­te noch auf­ge­löst wer­den. Denn mit der un­glaub­li­chen „Schweiß­maus“ war nicht et­wa ein wohl­duf­ten­der und stets griff­be­rei­ter Hy­gie­ne­ar­ti­kel für be­son­ders hei­ße Ta­ge ge­meint, son­dern ein hand­li­ches Ge­rät, das ge­öff­ne­te Tü­ten luft­dicht ver­schließt. Ers­te­res gibt es dann aber si­cher spä­tes­tens beim nächs­ten Flachs­markt En­de No­vem­ber. In­ter­net Mehr Bil­der vom Flachs­markt auf www.rp-on­line.de/goch

RP-FO­TOS (3): GOTT­FRIED EVERS

Rund ums Rat­haus zo­gen sich die Stän­de durch die gan­ze Stadt.

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