Der deut­sche Er­folg

Deutsch­land hat so rasch wie kein an­de­res Land die Kri­se über­wun­den. Das liegt am Ar­beits­markt und der Ex­port­wirt­schaft, die vom chi­ne­si­schen Boom pro­fi­tiert. Für die Zu­kunft birgt das auch Ri­si­ken.

Rheinische Post Goch - - Stimme Des Westens - VON ANTJE HÖNING

DÜSSELDORF So schnell kann es ge­hen: Im ver­gan­ge­nen Jahr war die deut­sche Wirt­schaft um dra­ma­ti­sche fünf Pro­zent ge­schrumpft, 1,4 Mil­lio­nen Be­schäf­tig­te wa­ren in Kurz­ar­beit. Nun ist das Land wie­der da: Das So­zi­al­pro­dukt wird in die­sem Jahr um 3,5 Pro­zent zu­le­gen, die Zahl der Ar­beits­lo­sen fällt auf 2,9 Mil­lio­nen. „Deutsch­land ist un­ter den gro­ßen In­dus­trie­län­dern das Land, das sich am schnells­ten aus der Kri­se her­aus­ge­ar­bei­tet hat“, sagt Hol­ger Sand­te, Chef-

Je­de zehn­te Ma­schi­ne,

die Deutsch­land ex­por­tiert, geht nach

Chi­na

Volks­wirt der Wes­tLB. Er sieht da­für vie­le Grün­de: die star­ke Ex­port­ori­en­tie­rung, die zu­rück­hal­ten­de Lohn­po­li­tik, die Ar­beits­markt-Re­for­men. Ex­port­ori­en­tie­rung Die deut­sche Wirt­schaft muss­te zwar im ver­gan­ge­nen Jahr den Ti­tel des Ex­port-Welt­meis­ters an Chi­na ab­ge­ben. Doch wei­ter­hin ist die Ex­port­wirt­schaft die trei­ben­de Kraft in Deutsch­land. Je­den zwei­ten Eu­ro er­löst die deut­sche Wirt­schaft im Aus­land. Das be­weist ein­mal mehr, dass man auf Öko­no­men nicht hö­ren darf, die dem Lan in der Kri­se ein neu­es Wirt­schafts­mo­dell – we­ni­ger Ex­por­te, mehr Bin­nen­wirt­schaft – emp­fah­len.

Weil vie­le Un­ter­neh­men in Chi­na ak­tiv sind, kön­nen sie auch be­son­ders vom dor­ti­gen Boom pro­fi­tie­ren. Das gilt vor al­lem für die Ma­schi­nen-und Au­to­bau­er. Je­de zehn­te Ma­schi­ne, die deut­sche Un­ter­neh­men ex­por­tie­ren, geht nach Chi­na. Aber auch in an­de­ren asia­ti­schen Län­dern wie In­di­en ma­chen die Un­ter­neh­men gu­te Ge­schäf­te. Die Fol­ge: Die Aus­fuh­ren nach Asi­en, die 14 Pro­zent der ge­sam­ten deut­schen Ex­por­te aus­ma­chen, leg­ten um ein Fünf­tel zu. Zum Ver­gleich: Die Aus­fuh­ren in die USA, in die zehn Pro­zent der deut­schen Ex­por­te ge­hen, lie­gen noch im­mer un­ter dem Vor-Kri­sen-Ni­veau. Da sich aber auch die Aus­fuh­ren in an­de­re eu­ro­päi­sche Län­der sta­bi­li­siert ha­ben, ver­kau­fen die deut­schen Fir­men nun ins­ge­samt be­reits wie­der so viel ins Aus­land wie vor der Kri­se 2008. Lohn-Zu­rück­hal­tung Die deut­schen Un­ter­neh­men ha­ben nicht nur auf die rich­ti­gen Märk­te und Pro­duk­te ge­setzt. Sie kön­nen ih­re Wa­ren in­zwi­schen auch zu güns­ti­gen Prei­sen an­bie­ten. Denn die Ge­werk­schaf­ten ha­ben Zu­rück­hal­tung ge­übt. In den bei­den ver­gan­ge­nen Jah­ren leg­ten die Brut­to­löh­ne nur um zwei Pro­zent zu. Da die Mit­ar­bei­ter zu­gleich pro­duk­ti­ver wur­den und in glei­cher Zeit mehr her­stell­ten, blei­ben die Lohn­stück­kos­ten kon­stant. In an­de­ren Län­dern stie­gen die Lohn­stück­kos­ten da­ge­gen. Da­mit hat sich die Po­si­ti­on der deut­schen Un­ter­neh­men ins­ge­samt ver­bes­sert. In die­sem Jahr kam hilf­reich da­zu, dass der Eu­ro fiel und Wa­ren „ma­de in Ger­ma­ny“ in Asi­en oder den USA noch bil­li­ger wur­den. Und wie steht es mit den Leis­tun­gen der Po­li­tik? Ar­beits­markt-Re­for­men Po­li­tik kann kei­ne Trends um­keh­ren und in der Kri­se ei­nen Auf­schwung her­bei­zau­bern. Doch Po­li­tik kann lau­fen­de Ent­wick­lun­gen ver­stär­ken. An­hal­tend po­si­tiv wir­ken sich die Hart­zRe­for­men aus, die die rot-grü­ne Re­gie­rung un­ter Gerhard Schröder star­te­te. Die Ar­beits­lo­sen-Hil­fe, die Ar­beits­lo­sen gut 50 Pro­zent des letz­ten Net­to­ein­kom­mens ein Le­ben lang be­scher­te, wur­de ab­ge­schafft und durch das meist viel ge­rin­ge Ar­beits­lo­sen­geld II (der­zeit 364 Eu­ro für ei­nen Al­lein­ste­hen­den) er­setzt. Zu­gleich wur­de die Be­zugs­dau­er für das Ar­beits­lo­sen­geld I ge­kürzt, wenn auch in­zwi­schen lei­der wie­der ver­län­gert. Ins­ge­samt ha­ben Ar­beits­lo­se heu­te ei­nen viel stär­ke­ren An­reiz, sich rasch ei­ne neue Stel­le zu su­chen.

Auch die Mer­kel-Re­gie­run­gen ha­ben dem Ar­beits­markt ge­hol­fen. Nicht durch ih­re Kon­junk­tur­pa­ke­te, die zu spät ka­men und erst jetzt, im Boom, ih­re Wir­kung ent­fal­ten. Wohl aber durch groß­zü­gi­ge Kurz­ar­bei­ter-Re­ge­lun­gen. Die Re­gie­rung sorg­te da­für, dass Be­trie­be ih­re Mit­ar­bei­ter mit Hil­fe der Bun­des­agen­tur für Ar­beit für bis zu 24 Mo­na­te nach Hau­se schi­cken konn­ten. Auf dem Hö­he­punkt der Kri­se wa­ren 1,4 Mil­lio­nen be­schäf­tig­te in Kurz­ar­beit. Vie­len konn­te so die Ent­las­sung er­spart wer­den. Da­her stieg die Ar­beits­lo­sig­keit trotz des dra­ma­ti­schen Wirt­schafts­ein­bruchs nur et­was, näm­lich auf vier Mil­lio­nen an. Die Höchst­mar­ke von fünf Mil- lio­nen Ar­beits­lo­sen, die Deutsch­land im Win­ter 2005 zähl­te, wur­de zur Über­ra­schung vie­ler 2009 nicht mehr er­reicht. Die bri­ti­sche Wirt­schafts­zei­tung „Eco­no­mist“ sprach vom „Ger­man Mi­ra­cle“, dem deut­schen Wun­der am Ar­beits­markt. Aus­sich­ten Bis­her ver­läuft der Auf­schwung nach ei­nem klas­si­schen Mus­ter. In die­sem Jahr zie­hen die Ex­por­te die deut­sche Wirt­schaft. 2011 wer­den die In­ves­ti­ti­ons­gü­ter-Nach­fra­ge der Fir­men und der pri­va­te Kon­sum den Auf­schwung tra­gen, die ihr al­tes Ni­veau noch nicht er­reicht ha­ben. Da­her liegt die ge­sam­te Wirt­schafts­leis­tung der­zeit erst bei bei 80 Pro­zent des Vor-Kri­sen-Ni­veaus, sagt Michael Hüt­her, Prä­si­dent des In­sti­tuts der deut­schen Wirt­schaft. Im Lau­fe des nächs­ten Jah­res wür­den wir aber 100 Pro­zent wie­der er­rei­chen.

Un­term Strich er­war­ten die For­scher, dass sich das Wachs­tum et­was ab­schwächt. Die meis­ten ge­hen für 2011 von ei­nem Wirt­schafts­wachs­tum von zwei Pro­zent aus. Denn auch die Welt­wirt­schaft wächst lang­sa­mer. Und kei­ner weiß, wie lan­ge der Boom in Asi­en noch an­hält, auch dort lau­fen Kon­junk­tur­pro­gram­me aus. „Un­se­re star­ke Ex­port-Ori­en­tie­rung bie­tet uns gro­ße Chan­cen, aber auch Ri­si­ken“, sagt Hol­ger Sand­te. Oh­ne Al­ter­na­ti­ve ist sie al­le­mal.

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