Wor­über der EU-Gip­fel strei­tet

In Brüssel soll der Eu­ro-Sta­bi­li­täts­pakt ver­schärft wer­den, um die Ein­heits­wäh­rung künf­tig bes­ser zu schüt­zen. Deutsch­land will ei­nen Kri­sen­me­cha­nis­mus für über­schul­de­te EU-Län­der ein­rich­ten und die­sen im EU-Ver­trag ver­an­kern. Da­ge­gen gibt es hef­ti­gen Wid

Rheinische Post Goch - - Politik - VON AN­JA INGENRIETH

BRÜSSEL Beim Gip­fel der 27 EUStaats-und Re­gie­rungs­chefs zeich­ne­te sich ges­tern Abend ein har­tes Rin­gen um die um­strit­te­ne deut­sche For­de­rung nach ei­ner Än­de­rung der EU-Ver­trä­ge ab. Berlin möch­te auf die­se Wei­se ge­ord­ne­te Staats­in­sol­ven­zen und den Ent­zug von Stimm­rech­ten für no­to­ri­sche De­fi­zit­sün­der er­mög­li­chen. Wir be­ant­wor­ten die wich­tigs­ten Fra­gen. War­um be­steht die Kanz­le­rin auf Ver­trags­än­de­run­gen? Nur so lässt sich ein dau­er­haf­ter Kri­sen­me­cha­nis­mus für über­schul­de­te Län­der ver­an­kern, mit des­sen Hil­fe künf­tig un­ter an­de­rem auch Ban­ken und an­de­re pri­va­te Gläu­bi­ger bei ei­ner dro­hen­den Staats­plei­te zur Kas­se ge­be­ten wer­den kön­nen. Der im Früh­jahr be­schlos­se­ne Ret­tungs­schirm von 750 Mil­li­ar­den Eu­ro ist nur ei­ne Not­lö­sung und läuft 2013 aus. Da­nach hät­te die EU kei­ne In­stru­men­te, um mit wei­te­ren Kri­sen­fäl­len fer­tig­zu­wer­den. Neue Spe­ku­la­ti­on­s­at­ta­cken auf den Eu­ro sind aber nicht aus­zu­schlie­ßen, da bis da­hin kaum al­le ge­fähr­de­ten Län­der ih­re Schul­den­pro­ble­me ge­löst ha­ben. Wie­so wird der Eu­ro-Ret­tungs­schirm nicht ein­fach ver­län­gert? Berlin lehnt dies ab: Ers­tens hat der Bun­des­tag ein Aus­lau­fen des Schirms 2013 be­schlos­sen. Zwei­tens fürch­tet die Kanz­le­rin ein Ve­to des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, da der kurz­fris­tig in­stal­lier­te Ret­tungs­schirm recht­lich nur als tem­po­rä­re Not­lö­sung im aku­ten Kri­sen­fall zu be­grün­den war. Au­ßer­dem möch­te Mer­kel ver­hin­dern, dass die Eu­ro­Zo­ne zur Trans­fer­uni­on zu­guns­ten ver­schul­de­ter Staa­ten mu­tiert, was vor al­lem Deutsch­land zu be­zah­len hät­te. Wie­so ist der Wi­der­stand ge­gen Ver­trags­än­de­run­gen so groß? Ei­ne Rei­he von EU-Staa­ten und die EU-Kom­mis­si­on ha­ben mas­si­ve Vor­be­hal­te. Denn Ver­trags­än­de- run­gen müs­sen von al­len 27 EUStaa­ten ein­stim­mig an­ge­nom­men und in den na­tio­na­len Par­la­men­ten so­wie in ei­ni­gen Staa­ten so­gar per Volks­ab­stim­mung ra­ti­fi­ziert wer­den. In Brüssel hat nie­mand ver­ges­sen, in wel­che Kri­se der Ra­ti­fi­zie­rungs­pro­zess des Lis­s­a­bon-Ver­trags die EU ge­stürzt hat. Hin­zu kommt: Der Al­lein­gang Frank­reichs und Deutsch­lands in Sa­chen Ver­trags­än­de­rung hat vie­le EU-Part­ner er­bost und den Wi­der­stand eher ver­stärkt. Sie füh­len sich er­presst. Ist ein Kom­pro­miss mög­lich? Ja. Denk­bar wä­re ei­ne Mi­ni-Ver­trags­än­de­rung: Stel­len die recht­li­chen Re­ge­lun­gen zum Kri­sen­me­cha­nis­mus kei­ne Über­tra­gung na­tio­na­ler Kom­pe­ten­zen an die EU dar, könn­ten ris­kan­te Re­fe­ren­den – et­wa in Ir­land, den Nie­der­lan­den und Groß­bri­tan­ni­en – ver­mie­den wer­den. Das wür­de vie­len Staa­ten die Zu­stim­mung zu Ver­trags­än­de­run­gen er­leich­tern. Dann müss­te Deutsch­land aber sei­ne For­de­rung nach ei­nem Stimm­rechts­ent­zug auf­ge­ben, weil ein sol­cher Ein­griff zwei­fel­los ei­ne Kom­pe­tenz­über­tra­gung dar­stellt. Wie sä­he der Fahr­plan für ei­ne Ver­trags­än­de­rung aus? Nach den Plä­nen der Kanz­le­rin soll der EU-Gip­fel ein Man­dat an EURats­prä­si­dent Her­man Van Rom­puy er­tei­len, bis März 2011 Vor­schlä­ge für be­grenz­te Ver­trags­än­de­run­gen aus­zu­ar­bei­ten. Bis zum Aus­lau­fen des jet­zi­gen Eu­ro-Ret­tungs­schirms 2013 sol­len dann al­le 27 Mit­glieds­län­der die­se Än­de­run­gen in ih­ren Par­la­men­ten ra­ti­fi­ziert ha­ben – mög­li­cher­wei­se in ei­nem Zug mit dem be­reits fer­ti­gen Bei­tritts­ver­trag für Kroa­ti­en. Mög­lich ist aber, dass der Gip­fel Van Rom­puy zu­nächst nur ei­nen Prüf­auf­trag gibt und da­mit die kon­kre­te Ent­schei­dung über Ver­trags­än­de­run­gen zu­nächst ver­scho­ben wird. Mer­kel hat­te ih­re Zu­stim­mung zur Re­form des Sta­bi­li­täts­pak­tes vor dem Gip­fel al­ler­dings mehr­fach da­von ab­hän­gig ge­macht, dass ein kla­res Man­dat für Ver­trags­än­de­run­gen zu­stan­de kommt. Wo­rum dreht sich der Streit über au­to­ma­ti­sche Sank­tio­nen? Bei den bis­he­ri­gen 22 De­fi­zit­ver­fah­ren wur­de noch nie ein Schul­den­sün­der be­straft. Grund: Der Fi­nanz­mi­nis­ter­rat be­schließt die Sank­tio­nen, und dort rich­ten Sün­der über sich selbst. Die EU-Kom- mis­si­on plan­te ur­sprüng­lich, dies zu än­dern. Sie woll­te künf­tig nach ei­nem Be­schluss der Fi­nanz­mi­nis­ter zum Start ei­nes De­fi­zit­ver­fah­rens selbst Sank­tio­nen ver­hän­gen, die von den Mit­glieds­staa­ten nur mit qua­li­fi­zier­ter Mehr­heit hät­ten ge­stoppt wer­den kön­nen. Deutsch­land und Frank­reich hat­ten sich letz­te Wo­che al­ler­dings dar­auf ver­stän­digt, dies zu ver­hin­dern. Sank­tio­nen soll es dem­nach erst ge­ben, wenn die Fi­nanz­mi­nis­ter die­sen in ei­nem zwei­ten Schritt zu­stim­men. Muss auch Deutsch­land durch die Re­form EU-Stra­fen fürch­ten? Ja. Künf­tig wird auch der Ge­samt­schul­den­stand (Bund, Län­der, Kom­mu­nen) be­rück­sich­tigt. Auch Staa­ten mit ei­ner Ge­samt­ver­schul­dung deut­lich über den er­laub­ten 60 Pro­zent des BIP kön­nen künf­tig zu Spar­maß­nah­men ge­zwun­gen wer­den. Das könn­te auch Deutsch­land tref­fen, wo die Staats­ver­schul­dung laut Brüs­se­ler Pro­gno­se 2011 über 80 Pro­zent steigt.

FO­TO: AP

Tref­fen des Eu­ro­päi­schen Ra­tes: An­ge­la Mer­kel (Mit­te rechts) beugt sich vor Be­ginn des Gip­fels zu Finn­lands Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Ma­ri Ki­vi­nie­mi her­über.

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