Be­such in der Fa­mi­li­en­höl­le

Re­gie als To­des­ver­kün­di­gung: Andrea Breth hat die Oper „Kat­ja Ka­ba­no­wa“ von Leo­sˇ Janácˇek am Théât­re de la Mon­naie in Brüssel in­sze­niert. Wie­der hat die Haus­re­gis­seu­rin des Wie­ner Burg­thea­ters an den ver­kap­sel­ten see­li­schen Tie­fen der Fi­gu­ren ge­ar­bei­tet.

Rheinische Post Goch - - Kultur - VON WOLF­RAM GOERTZ

BRÜSSEL Ou­ver­tü­ren sind oft Spaß­ma­cher, sie spru­deln ins Ver­gnü­gen hin­ein und las­sen uns ein paar mu­si­ka­li­sche Mo­ti­ve der Oper ah­nen, die in we­ni­gen Mi­nu­ten be­ginnt. So­gar bei düs­te­ren Wer­ken wie Ver­dis „Mac­beth“ ist am An­fang noch al­les le­ben­dig. Was aber ist mit dem Vor­spiel in Leo­sˇ Janácˇeks Oper „Kat­ja Ka­ba­no­wa“? Hier, sagt die Re­gis­seu­rin Andrea Breth, ist be­reits je­mand ge­stor­ben.

Al­so be­ginnt ei­ne der ein­dring­lichs­ten, wüs­tes­ten und fins­ters­ten Opern­auf­füh­run­gen seit lan­gem mit dem Tod, be­ginnt in b-Moll, der Ton­art, die über Fried­hö­fe weht. Aber den Tod sieht man nicht, man spürt ihn nur; die Breth ist so sub­til, dass sie nicht zum ers­ten Takt ei­nen Sarg auf die Büh­ne rollt. Nein, sie zeigt uns Kat­ja als we­hes, zu­sam­men­ge­klapp­tes Stück Mensch in ei­nem of­fe­nen Kühl­schrank. Es ist ge­nau die­se Kat­ja, die in der Oper am

An die­sem Abend ist die Wol­ga als Ort von Kat­jas

Selbst­mord ab­we­send

En­de aus Ver­zweif­lung über ei­ne Lie­be, die nicht ge­lebt, und über ihr Le­ben, des­sen Sün­de nicht ge­sühnt wer­den kann, in die Wol­ga springt.

Bei Andrea Breth am Brüs­se­ler Théât­re de la Mon­naie ist die Wol­ga sehr fern; was die­ser Abend an Was­ser be­nö­tigt, wird auf der Büh­ne in ei­nem an­de­ren Ag­gre­gat­zu­stand be­reit­ste­hen. Der Kühl­schrank. Die al­te Ba­de­wan­ne. Der ver­zink­te Wasch­zu­ber. Der Nie­sel­re­gen im Wohn­zim­mer. Und die Feuch­tig­keit an den Wän­den. Annette Mur­schetz hat ei­nen schau­rig-wun­der­vol­len End­zeit-Ort ent­wor­fen, an dem Breth, die Haus­re­gis­seu­rin des Wie­ner Burg­thea­ters, ei­ne ih­rer be­rühm­ten wun­der­vol­len To­des­ver­kün­di­gun­gen ent­wirft.

Schon häu­fig hat Andrea Breth Schau­spiel und Oper als Thea­ter der Er­in­ne­rung be­gan­gen. In ih­rer Gra­zer „Car­men“-Ins­ze­nie­rung steck­te sie Don Jo­sé gleich zu Be­ginn in ei­ne To­des­zel­le, wo er auf die Hin­rich­tung we­gen Mor­des war­te­te. Die Zu­schau­er er­leb­ten die Oper dann mit Jo­sés Au­gen: die Re­tro­spek­ti­ve ei­nes Tod­ge­weih­ten als Film, den ei­ner nicht mehr aus dem Ge­dächt­nis be­kommt.

In die­ser „Kat­ja“ ist das ähn­lich, aber hier ist die Sze­ne nicht so mi­li­tant und ag­gres­siv wie in „Car­men“ oder so pro­le­ten­haft wie die Ge­sell­schaft in Breths Salz­bur­ger „Eu­gen One­gin“-Ins­ze­nie­rung. Die Welt der Kat­ja ist ei­ne Fa­mi­li­en­höl­le, ein Lei­chen­schau­haus, in dem die Verb­li­che­nen für die Dau­er ei­ner Oper auf­er­ste­hen und über die Büh­ne schlei­chen. Die­se al­ten Frau­en mit ih­ren zit­tern­den Hän­den und ih­ren wol­le­nen schwar­zen Kut­ten! Die­se un­be­darf­ten Män­ner, die an Frau­en vor al­lem der run­ter­ge­las­se­ne Rock in­ter­es­siert! War­wa­ra, Kat­jas Freun­din, möch­te von Ku­drjasch nicht nur auf der Ma­trat­ze be­gehrt wer­den, sie möch­te die­sen Mann lie­ben. Er aber ist ein pie­fi­ger Leh­rer mit Kunst­le­der­ja­cke und träumt da­von, dass er die­ser rus­si­schen Pro­vinz ei­nes Ta­ges nach Mos­kau ent­kom­men kann. Träum wei­ter, Ku­drjasch!

Ein­mal sitzt Kat­ja mit Fa­mi­lie und Schwie­ger­mut­ter, der bö­sen, bi­got­ten Ka­ba­nicha, bei der Sup­pe. Es ist ein Löf­feln und Gie­ren, dann schla­fen die Frau­en ein. Ih­re Au­gen sind mü­de von der Wirk­lich­keit. Auch Kat­jas Au­gen ha­ben im Le­ben noch we­nig Lie­bes er­lebt. Sie muss­te die­sen Wurm Ti­chon hei­ra­ten, der noch jetzt von sei­ner Mut­ter im Zu­ber ge­schrubbt wird (was für ein schmer­zens­ko­mi­sches Bild!), und ih­re heim­li­che Lie­be zu Bo­ris kann sie nicht ge­nie­ßen, denn da ist die Vi­si­on der Sün­de – und ir­gend­wann an die­sem Abend wird Kat­ja, nun als klei­nes Mäd­chen, brav mit dem Pries­ter über die Büh­ne ge­hen, als sei es Nacht­wan­de­lei. So ge­ra­ten rea­le und sur­rea­le Bil­der in Ver­stri­ckung. Ganz nächt­lich ist die Ker­zen­sze­ne, als sei die­ses Wohn­zim­mer in der Pro­vinz ein Gna­den­al­tar für die Mut­ter­got­tes von Ka­san.

Das En­de ist ziem­lich trost­los und nackt, so nackt wie Kat­jas Un­ter­ar­me, über die sie ein Mes­ser zieht, dass es in die Ba­de­wan­ne tropft. Man kann da nicht hel­fen. Aber man hät­te es so gern ge­tan, denn Eve­lyn Her­lit­zi­us ist als Kat­ja ei­ne Of­fen­ba­rung, die nach Er­bar­men schreit. So drin in die­ser Fi­gur, so ra­di­kal par­tei­isch für de­ren Emp­fin­dun­gen, so wahr, so glü­hend, sich ver­schen­kend an ei­ne Büh­nen­spra­che, die aus dem In­nen al­les nach au­ßen holt. Ihr So­pran lo­dert, aber er laugt sich nicht aus. Das gan­ze En­sem­ble ist fa­bel­haft.

Mit Her­lit­zi­us hat Breth so hin­ge­bungs­voll ge­ar­bei­tet, als sei Re­gie- füh­ren et­was The­ra­peu­ti­sches. In der Tat sind die see­li­schen Un­ter­strö­mun­gen thea­tra­li­scher Fi­gu­ren oft nur für je­man­den vor­stell­bar, der ein ge­nau­es Ge­spür für die Tie­fe des Emp­fin­dens be­sitzt und da­für, wie die­ses Emp­fin­den ei­nen an­fas­sen und fres­sen kann. Die 59-jäh­ri­ge Andrea Breth war ei­ne Zeit­lang ge­han­di­capt durch ei­ne psy­chi­sche Stö­rung, die man frü­her ma­nisch­de­pres­siv nann­te; sie hat dar­über in ei­nem In­ter­view be­rich­tet. Die­se Ab­wei­chung vom Re­gel­kreis der Nor­ma­li­tät macht sie als Künst­le­rin aber sen­si­bel für das Un­er­kann­te, das in je­dem von uns geis­tert.

Die­ser Brüs­se­ler Abend ist kei­ne Opern­auf­füh­rung, son­dern ei­ne ex­pres­sio­nis­ti­sche Bal­la­de. Leo Hus­sain di­ri­giert sie so. Er be­tet die Mu­sik nicht an, er for­ciert ih­re Ge­wit­ter, streicht ih­re Fal­ten, küsst ih­re Wan­gen. Es ist frag­los ei­ne Mu­sik der Lie­ben­den. Aber mehr noch des To­des.

FO­TO: BERND UH­LIG

Eve­lyn Her­lit­zi­us als Kat­ja im Re­gen – Sze­ne aus Andrea Breths Brüs­se­ler Ins­ze­nie­rung von Leo­sˇ Janácˇeks Oper „Kat­ja Ka­ba­no­wa“.

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