Zet­tels Traum als rich­ti­ges Buch

Rheinische Post Goch - - Kultur - VON LOTHAR SCHRÖDER

DÜSSELDORF Die ers­te Fra­ge, mit der man sich die­sem Sie­ben-Ki­loMon­strum ein biss­chen ein­ge­schüch­tert nä­hert: Wer soll das le­sen? Aber auch da­zu hat die nach wie vor um­trie­bi­ge Arno-Schmid­tFor­schung die pas­sen­de Ant­wort pa­rat: Über­wie­gend Män­ner sei­en es, die sich „Zet­tels Traum“ wid­me­ten, dar­un­ter größ­ten­teils In­ge­nieu­re und Ma­the­ma­ti­ker.

Es ist al­so aus­ge­rech­net die Grup­pe ver­meint­li­cher Nicht­le­ser, die mit dem ei­gent­lich un­les­ba­ren Haupt­werk des Au­tors Arno Schmidt zum Buch fin­den, ach was: zu ur­sprüng­lich 1334 Schreib­ma­schi­nen­sei­ten, ver­se­hen und ver­ziert mit un­zäh­li­gen Rand­glos­sen und Strei­chun­gen, die nur von ei­nem ein­zi­gen Tag des Jah­res 1968 han­deln, mal er­zäh­lend, mal theo­re­ti­sie­rend, mal über Ed­gar Al­lan Poe, ein an­de­res Mal über Karl May und auch über sich selbst.

Und aus die­sem wun­der­li­chen Text ist jetzt ein nicht min­der wun­der­li­ches rich­ti­ges Buch ge­wor­den, nach­dem es 1970 erst­mals als Ty­po­skript er­schien. 20 Jah­re hat Ty­po­graph Fried­rich Fors­s­man an der Buch­ent­ste­hung ge­ses­sen, ei­ne Zeit, in der auch die tech­ni­sche Ent­wick­lung die Ar­beit be­ein­fluss­te: Mit ei­ner Ber­tolt-Setz­ma­schi­ne hat­te Fors­s­mann be­gon­nen, am App­le-Com­pu­ter wur­de sein Werk be­en­det.

Es ist jetzt „leich­ter les­bar“, be­haup­tet Her­aus­ge­be­rin Su­san­ne Schmidt, die „Zet­tels Traum“ mehr­fach kom­plett ge­le­sen hat und mit die­ser Lek­tü­re­er­fah­rung wohl ei­nen Son­der­sta­tus auf die­ser Welt für sich be­an­spru­chen darf. Denn ei­ne ge­wis­se „Kom­ple­xi­tät“ hat das Opus ma­gnum wei­ter­hin. Schon der An­fang er­for­dert vom Le­ser ein recht auf­ge­schlos­se­nes Ge­müt. Nach vie­len X-en ist dort auf Sei­te 1 zu le­sen: „Ne­bel sche­men­zünf­tich. I ers­ter Dia­nenSchlag; (Ler­chenP­rik­kel)“. Und links da­von ist rand­stän­dig ver­merkt: „: >An­na Muh=Muh!< –“; rechts hin­ge­gen: „(? : NOAH PO­KE? (oder fu=?))“. Und so ähn­lich geht es wei­ter.

All die Rand­be­mer­kun­gen sind aber kei­ne zu­sätz­li­chen oder zu­fäl­li­gen No­ta­te, es sind Ne­ben-und Ab­we­ge sei­nes Schrei­bens und Den­kens. Es zieht poe­ti­sche Spu­ren, die we­gen sei­ner son­der­ba­ren Gestal­tung vi­el­leicht optisch bes­ser als tat­säch­lich le­send zu er­fas­sen sind. „Zet­tels Traum“ ist ein rie­si­ges Wor­tel­a­bor, in dem Arno Schmidt (1914–1979) sich selbst und sei­ne Spra­che er­prob­te. Wer ein we­nig dar­in blät­tert und auch liest, wird zu­min­dest mit dem Ge­fühl be­lohnt, in der Schreib­werk­statt des Schrift­stel­lers ge­ses­sen zu ha­ben.

Und das ist jetzt ein or­dent­lich ge­setz­tes Buch, bei dem frei­lich die hart­ge­sot­te­nen Schmidt-Fans die Au­ra des Hand­werk­li­chen und Un­voll­stän­di­gen ver­mis­sen. Aber vi­el­leicht fin­den sich für die 8000 Ex­em­pla­re der neu­en Aus­ga­ben jetzt noch ganz an­de­re Le­ser als Ma­the­ma­ti­ker und In­ge­nieu­re. Info „Zet­tels Traum“. Suhr­kamp, 1536 Sei­ten, 298 Eu­ro; als Ta­schen­buch: 198 Eu­ro; als Vor­zugs­aus­ga­be: 448 Eu­ro; au­ßer­dem ver­an­stal­tet die Ar­noSchmidt-Stif­tung Le­sun­gen aus dem Buch: am 18. No­vem­ber im Bon­ner Kunst­ver­ein, 20 Uhr; am 19. No­vem­ber im Es­se­ner Folk­wang­mu­se­um, 20 Uhr; und am 4. Fe­bru­ar 2011 in Meer­busch.

FO­TO: SCHMIDT-STIF­TUNG

Traum oder Alp­traum: der Zet­tel-Kas­ten des Arno Schmidt.

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