Che­mie will Dia­log mit Geg­nern

Selbst­kri­tik von Po­li­tik und In­dus­trie for­dert heu­te Klaus En­gel, Prä­si­dent des Ver­ban­des der Che­mi­schen In­dus­trie. Die Re­de liegt un­se­rer Zei­tung schon vor. Sei­ne War­nung: Öko­pro­tes­te kön­nen gan­ze In­dus­tri­en ver­trei­ben.

Rheinische Post Goch - - Wirtschaft - VON ANTJE HÖNING

DÜSSELDORF Evo­nik-Chef Klaus En­gel for­dert die Po­li­tik auf, mehr für In­dus­trie­pro­jek­te zu kämp­fen. „Un­ter­neh­men ha­ben ei­nen An­spruch auf Pla­nungs­si­cher­heit“, sagt En­gel, der zu­gleich auch Prä­si­dent des Ver­ban­des der che­mi­schen In­dus­trie ist, heu­te bei ei­nem Vor­trag an der Uni­ver­si­tät Bochum. „Wenn ver­bind­li­che Re­gie­rungs­zu­sa­gen und so­gar Bun­des­ge­set­ze plötz­lich in Fra­ge ge­stellt wer­den, wa­ckelt die Grund­la­ge für jeg­li­ches wirt­schaft­li­ches Han­deln“, heißt es im Re­de­Ma­nu­skript, das un­se­rer Zei­tung vor­liegt. Da­mit be­zieht En­gel sich un­ter an­de­rem auf das Bahn­pro­jekt Stutt­gart 21 und das dro­hen­de vor­zei­ti­ge Aus für die deut­schen Ze­chen.

In Deutsch­land sei­en von 37 Kraft­werks­pro­jek­ten der­zeit nur neun im Bau. „Der Rest stockt, weil ent­we­der die Ge­neh­mi­gun­gen ver­sagt wur­den oder Un­ter­neh­men ih­re In­ves­ti­tio­nen we­gen hin­hal­ten­den Wi­der­stands auf­ge­ge­ben ha­ben.“

Mit Sor­ge be­trach­tet der Che­miePrä­si­dent die neu­en Pro­test­be­we­gun­gen. „Die Pro­test­kul­tur der 70er und 80er Jah­re fei­ert im bür­ger­li­chen Ge­wand wie­der skur­ri­le Au­fer­ste­hung.“ Ob­wohl der Ge­dan­ke der Öko­lo­gie und Nach­hal­tig­keit längst auch in der In­dus­trie Ein­zug ge­hal­ten ha­be, wür­de pro­tes­tiert. „Der Ges­tus der ri­go­ro­sen Ab­leh­nung neu­er In­dus­trie­pro­jek­te und der hem­mungs­lo­sen Em­pö­rungs­kul­tur fin­det im­mer neue An­hän­ger“, so En­gel. Auch der Streit um das Ener­gie­kon­zept zei­ge, wie weit ir­ra­tio­na­le und il­lu­sio­nä­re Denk­wei­sen sich bis weit in die bür­ger­li­che Mit­te vor­ge­scho­ben hät­ten.

Zu­gleich mahnt En­gel die Wirt­schaft, kon­struk­ti­ver mit den Pro­tes­ten um­zu­ge­hen. „Die Be­für­wor­ter von Groß­pro­jek­ten kön­nen im­mer gut be­grün­de­te Ar­gu­men­te vor­tra­gen. Trotz­dem ver­ste­hen sie oft ein­fach nicht die Tie­fe der Ängs­te. Es ist zu oft ein Kampf der In­ge­nieu­re ge­gen die Theo­lo­gen.“ Und die­sen Kampf ver­lie­ren oft die In­ge­nieu­re, meint der Evo­nik-Chef, der selbst Che­mie in Bochum stu­diert hat. Er for­dert: „Die In­dus­trie muss selbst­kri­ti­scher in den Dia­log mit den Kri­ti­kern ein­tre­ten.“Ge­ra­de die che­mi­sche In­dus­trie, die in den 70er Jah­ren am Um­welt-Pran­ger ge­stan­den ha­be, müs­se zu­ge­ben, dass sie den Um­welt­schutz oh­ne den ge­sell­schaft­li­chen Druck nicht so weit vor­an­ge­trie­ben hät­te.

Der Evo­nik-Chef warnt die deut­sche Ge­sell­schaft da­vor, zu leicht­fer­tig ih­re In­dus­trie auf­zu­ge­ben. Sie sei Mo­tor der ak­tu­el­len Er­ho­lung. Und der Auf­bau von in­dus­tri­el­len Kom­pe­ten­zen daue­re Jahr­zehn­te. „Was ein­mal weg ist, ist prak­tisch für im­mer weg.“ Die­se Er­fah­rung ha­be Deutsch­land in ei­ni­gen In­dus­trie­zwei­gen ma­chen müs­sen, al­len vor­an in der Un­ter­hal­tungs­elek­tro­nik, die bis auf we­ni­ge nost­al­gi­sche Res­te ver­schwun­den sei. Nun müs­se man auf­pas­sen, dass es an­de­ren Zwei­gen nicht ähn­lich ge­he. Auch die che­mi­sche In­dus­trie stel­le sich welt­weit neu auf. „Die An­la­gen, die in den nächs­ten fünf bis zehn Jah­ren am Golf und in Asi­en in Be­trieb ge­hen, ha­ben ei­ni­ge Wett­be­werbs­vor­tei­le.“ Sie sei­en nä­her an den Ab­satz­märk­ten und nä­her an den Roh­stof­fen.

En­gel mahnt ei­ne Re­nais­sance der „Old Eco­no­my“ an. Längst ha­be sich her­aus­ge­stellt, dass Di­enst­leis­tun­gen oh­ne ei­ne in­dus­tri­el­le Ba­sis die struk­tu­rel­len Pro­ble­me nicht lö­sen kön­nen. „Die Krea­tiv­wirt­schaft mag chic sein, aber das Gros an Ge­wer­be­steu­er zahlt die In­dus­trie“, so der Che­mie-Prä­si­dent.

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