Weis­heits­zäh­ne im­mer zie­hen?

Weis­heits­zäh­ne schlum­mern nicht sel­ten schmerz­los im Kie­fer und be­rei­ten auch spä­ter kei­ne Be­schwer­den. Trotz­dem wer­den sie von man­chen Zahn­ärz­ten und Kie­fer­chir­ur­gen vor­sorg­lich ge­zo­gen. Das sei oft nicht sinn­voll, meint ein nor­we­gi­scher Zahn­me­di­zi­ner im

Rheinische Post Goch - - Gesundheit - VON JÖRG ZITTLAU

DÜSSELDORF Aus evo­lu­tio­nä­rer Sicht sind sie ei­gent­lich auf dem Rück­zug: die Weis­heits­zäh­ne. Der Mund-und Kie­fer­raum des Men­schen ist zu klein für sie ge­wor­den, wes­we­gen sie sich in der hin­ters­ten Ecke durch­quet­schen müs­sen – oder aber, wie es bei 80 Pro­zent al­ler Eu­ro­pä­er der Fall ist, gar nicht erst durch­bre­chen kön­nen. Zahn­me­di­zi­ner spre­chen dann von ei­nem re­ti­nier­ten Weis­heits­zahn – und zie­hen ihn meis­tens her­aus, da­mit er kei­ne Pro­ble­me mehr be­rei­ten kann.

„Mit über ei­ner Mil­li­on chir­ur­gi­schen Ein­grif­fen pro Jahr zählt die Weis­heits­zah­nent­fer­nung zu den in Deutsch­land am häu­figs­ten durch­ge­führ­ten Ope­ra­tio­nen“, be­rich­tet Pro­fes­sor Mar­tin Kun­kel, Kie­fer­chir­urg der Ruhr-Uni­ver­si­tät Bochum. Sie sind auf­wän­dig, teu­er und oft pro­ble­ma­tisch, wes­we­gen die kri­ti­schen Stim­men Kri­tik an der vor­beu­gen­den Ent­fer­nung der „Ach­ten“, wie sie auf­grund ih­rer Po­si­ti-

Vor­beu­gen­de Ex­trak­ti­on –

manch­mal vor al­lem „ein lu­kra­ti­ves Ge­schäft

on im Kie­fer auch ge­nannt wer­den, im­mer lau­ter wer­den.

Ei­ne die­ser Stim­men ge­hört dem nor­we­gi­schen Zahn­me­di­zi­ner Lars Hend­rick­son von der Uni­ver­si­täts­kli­nik in Ber­gen. In sei­nem Buch „Zahn­arzt­lü­gen. Wie Sie Ihr Zahn­arzt krank be­han­delt“ warnt er, dass die meis­ten ge­sund­heit­li­chen Kom­pli­ka­tio­nen im Zu­sam­men­hang mit re­ti­nier­ten Weis­heits­zäh­nen nicht vor, son­dern nach ih­rer Ex­trak­ti­on auf­trä­ten. Denn die­ser Ein­griff könn­te zu In­fek­tio­nen oder Ge­sichts­läh­mun­gen füh­ren, wäh­rend um­ge­kehrt die meis­ten Weis­heits­zäh­ne fried­lich im Kie­fer schlum­mern wür­den, wenn man sie nur lie­ße. Hend­rick­son sieht da­her in ih­rer vor­beu­gen­den Ex­trak­ti­on eher „ein lu­kra­ti­ves Ge­schäft für Zahn­ärz­te und Kie­fer­chir­ur­gen“ als ei­nen me­di­zi­ni­schen Se­gen.

Der streit­ba­re Zahn­me­di­zi­ner be­män­gelt auch das Lieb­lings­ar­gu­ment sei­ner Kol­le­gen, wo­nach man ver­steck­te Weis­heits­zäh­ne al­lein des­halb ent­fer­nen müs­se, da­mit sie nicht die Front­zäh­ne ver­schie­ben könn­ten. „Für die­se The­se fehlt je­de wis­sen­schaft­li­che Grund­la­ge“, so Hend­rick­son. Bis­her sei kei­nes­falls be­legt, dass Weis­heits­zäh­ne durch das ei­ge­ne Wachs­tum über­haupt an­de­re Zäh­ne ver­schie­ben könn- ten. Es sei von da­her auch kein Wun­der, dass bis­her lang­fris­tig an­ge­leg­te Ver­gleichs­stu­di­en da­zu fehl­ten, ob das Ent­fer­nen ei­nes Ach­ten tat­säch­lich ir­gend­wel­che Vor­tei­le ge­gen­über sei­nem Ver­bleib im Kie­fer hät­te.

Pro­fes­sor Kun­kel be­stä­tigt, dass die wis­sen­schaft­li­che Da­ten­la­ge zum Zie­hen oder Be­las­sen der Weis­heits­zäh­ne eher lü­cken­haft ist. Er gibt al­ler­dings auch zu be­den­ken, wie ex­trem schwie­rig ent­spre­chen­de Stu­di­en durch­zu­füh­ren sei­en. Denn aus ei­ge­nen Un­ter­su­chun­gen weiß er, dass „Kom­pli­ka­tio­nen be­las­se­ner Weis­heits­zäh­ne bis ins ho­he Al­ter auf­tre­ten“. Man müss­te al­so die Stu­di­en mit ex­trem lan­gen Nach­be­ob­ach­tungs­zei­ten von 20 oder so­gar noch mehr Jah­ren aus­stat­ten – und so et­was sei im Wis­sen­schafts­be­trieb kaum rea­li­sier­bar.

Nichts­des­to­we­ni­ger wur­de un­ter Kun­kels Fe­der­füh­rung im Jahr 2006 ei­ne Leit­li­nie zum Ope­rie­ren von Weis­heits­zäh­nen ver­öf­fent­licht. Es ist ein Kon­sens-Pa­pier, al­so ei­ne

Die wis­sen­schaft­li­che Da­ten­la­ge zum Zie­hen der Weis­heits­zäh­ne ist schwach

Lis­te von Emp­feh­lun­gen, auf die sich deut­sche Ex­per­ten und Fach­ge­sell­schaf­ten der Zahn-und Kie­fer­heil­kun­de ver­stän­digt ha­ben. Dar­in wird bei­spiels­wei­se zur Ope­ra­ti­on ge­ra­ten, wenn ei­ne Par­odon­to­se be­han­delt wird oder sich Hin­wei­se dar­auf er­ge­ben, dass der Zahn Schmer­zen ver­ur­sacht. Ab­ge­ra­ten wird hin­ge­gen, wenn zu er­war­ten ist, dass sich die Weis­heits­zäh­ne pro­blem­los ins Ge­biss ein­rei­hen.

Doch ge­ra­de in die­ser Hin­sicht klaf­fen of­fen­bar zahn­ärzt­li­ches Ur­teil und Rea­li­tät oft aus­ein­an­der. In ei­ner neu­see­län­di­schen Stu­die bra­chen 30 Pro­zent der Weis­heits­zäh­ne, die von ei­nem Zahn­arzt zum Ent­fer­nen vor­ge­se­hen, aber dann doch nicht ope­riert wor­den wa­ren, spä­ter durch das Zahn­fleisch, oh­ne ir­gend­wel­che Pro­ble­me zu ma­chen.

Un­strit­tig ist dem­ge­gen­über, dass die Ope­ra­ti­on von ei­ner An­ti­bio­ti­ka-The­ra­pie be­glei­tet sein soll­te, um das In­fek­ti­ons­ri­si­ko für die Wun­de zu sen­ken. „Ent­schei­dend ist hier­bei, dass mit der Ga­be des Mit­tels schon vor dem Ein­griff be­gon­nen wird“, so Kun­kel. Bei der an­schlie­ßen­den Schmerz­be­hand­lung rei­che hin­ge­gen das harm­lo­se Par­acet­amol. WASHINGTON (dapd) Schlech­te Nach­rich­ten im Kampf ge­gen Mala­ria: Die Mü­cken­art Ano­phe­les gam­biae sen­su stric­to, die zu den Haupt­über­trä­gern zählt, steht of­fen­sicht­lich kurz vor ei­ner Auf­spal­tung in zwei ver­schie­de­ne Ar­ten. Zu die­sem Schluss kom­men zwei wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en. Die bei­den For­scher­teams hat­ten un­ter an­de­rem das Erb­gut von zwei Ano­phe­les-gam­bia­eStäm­men ver­gli­chen, die rein phy­sio­lo­gisch be­trach­tet iden­tisch sind. Da­bei stell­ten sie je­doch der­art um­fas­sen­de ge­ne­ti­sche Un­ter­schie­de fest, dass sie ei­ne be­vor­ste­hen­de Auf­spal­tung in zwei neue Ar­ten vor­her­sa­gen. In­sek­ten­gif­te müs­sen dar­auf­hin über­prüft wer­den, ob sie ge­gen bei­de Mü­cken­stäm­me hel­fen, hieß es jetzt im Fach­ma­ga­zin „Sci­ence“.

FO­TO: VI­SUM

Ano­phe­les-Mü­cke

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