Lo­ve­pa­ra­de – 100 Ta­ge da­nach

100 Ta­ge nach der Duis­bur­ger Lo­ve­pa­ra­de-Ka­ta­stro­phe lei­den im­mer noch vie­le Be­trof­fe­ne un­ter den Er­leb­nis­sen. Mit Span­nung wird an die­sem Wo­che­n­en­de ein Be­richt der Es­se­ner Po­li­zei er­war­tet. In dem Pa­pier soll die Rol­le der Ein­satz­be­am­ten bei dem Un­glück

Rheinische Post Goch - - Land & Leute - VON CHRIS­TI­AN SCHWERDTFE­GER UND JÜR­GEN STOCK

DUIS­BURG In der dunk­len Un­ter­füh­rung an der Duis­bur­ger Karl-LehrStra­ße bren­nen im­mer noch Ker­zen. Auf ei­ner St­ein­plat­te sind die Fo­tos der 21 To­des­op­fer der Lo­ve­pa­ra­de an­ge­bracht. Dar­über steht „Duis­burg ge­denkt der Op­fer der Lo­ve­pa­ra­de“. 100 Ta­ge ist es an die­sem Wo­che­n­en­de her, dass auf der Zu­gangs­ram­pe zum Fes­ti­val­ge­län­de ei­ne Mas­sen­pa­nik aus­brach. 21 Men­schen star­ben, mehr als 500 wur­den ver­letzt.

„Es ist es un­er­träg­lich, dass noch kei­ner Ver­ant­wor­tung

über­nom­men hat“

Wer ist ver­ant­wort­lich für das Un­glück? Noch im­mer ist die Fra­ge un­ge­klärt. Ver­an­stal­ter, die Stadt Duis­burg und die Po­li­zei scho­ben sich den Schwar­zen Pe­ter ge­gen­sei­tig zu. Bis mor­gen will die Po­li­zei Es­sen ei­nen Ab­schluss­be­richt vor­le­gen. NRW-In­nen­mi­nis­ter Ralf Jä­ger (SPD) hat­te die Be­hör­de be­auf­tragt, den Ein­satz aus po­li­zei­li­cher Sicht zu be­wer­ten.

Doch ein Ur­teil über das Ge­samt­ge­sche­hen wird erst der Be­richt der Köl­ner Po­li­zei er­mög­li­chen. Mit der Si­sy­phus­ar­beit wur­de Kri­mi­nal­di­rek­tor Ste­phan Be­cker (49) be­traut. Sein 81-köp­fi­ges Er­mitt­ler­team muss sich durch 50 Te­ra­byte elek­tro­ni­scher Da­ten, tau­send St­un­den Vi­deo­auf­zeich­nun­gen und un­ge­zähl­te Ak­ten­ord­ner wüh­len. Ei­ne An­kla­ge­er­he­bung durch die Duis­bur­ger Staats­an­walt­schaft, die vier Be­am­te für den Fall ab­ge­stellt hat, ist nicht in Sicht. Trotz­dem ist Be­cker zu­ver­sicht­lich. „Wir ha­ben schon mehr als tau­send Per­so­nen ver­nom­men. Die Er­mitt­lun­gen kom­men gut vor­an“, sagt er.

Wolf­gang Riot­te, ehe­ma­li­ger Staats­se­kre­tär, be­treut als Om­buds- mann die Hin­ter­blie­be­nen und Ver­letz­ten der Ka­ta­stro­phe. Ei­ne sei­ner Auf­ga­ben: Er soll die Gel­der aus ei­nem Son­der­fonds ver­tei­len. Riot­te: „Bis­lang ha­ben sich 30 Hin­ter­blie­be­ne und 75 Ver­letz­te bei uns ge­mel­det. In 52 Fäl­len wur­den Sum­men zwi­schen 1000 und 20000 Eu­ro über­wie­sen.“ Zehn An­trä­ge wür­den noch be­ar­bei­tet, zehn sei­en ab­ge­lehnt wor­den. In ei­ni­gen Fäl­len sei­en die Fra­ge­bö­gen wie­der zu­rück­ge­kom­men, weil die Adres­se an­schei­nend nicht ge­stimmt ha­be. Ins­ge­samt sei­en mehr als 800 000 Eu­ro aus­ge­zahlt wor­den.

Vie­le der Ver­letz­ten hät­ten blei­ben­de Schä­den er­lit­ten: „Da gibt es Men­schen, die ihr Bein nie wie­der ge­ra­de stre­cken kön­nen, an­de­re ha­ben ei­ne blei­ben­de Fehl­stel­lung des Ar­mes.“ Et­wa zehn Men­schen wür­den we­gen psy­chi­scher Pro­ble­me im­mer noch sta­tio­när in Kli­ni­ken be­han­delt.

Do­mi­nik Pa­vo­ne (26) und sei­ne Freun­din Yvon­ne Schro­eder (20) ge­hö­ren zu den Men­schen, die die Ka­ta­stro­phe über­leb­ten. Ges­tern ka­men sie an den Un­glücks­ort zu­rück. Den Schock ha­ben sie mit Hil­fe ei­nes Psych­ia­ters über­wun­den. Ge­blie­ben ist Wut: „Für die Hin­ter­blie­be­nen und Op­fer ist es un­er­träg­lich, dass im­mer noch kei­ner Ver­ant­wor­tung für die Ka­ta­stro­phe über­nom­men und sich nie­mand öf­fent­lich ent­schul­digt hat“, sagt der 26-Jäh­ri­ge.

Der Duis­bur­ger Jür­gen Ha­ge­mann (47) setzt sich mit sei­ner Initia­ti­ve „Lo­ve­pa­ra­de-Sam­mel­ver­fah­ren.de“ für die trau­ma­ti­sier­ten Op­fer ein. Zu Al­ler­hei­li­gen ruft er die Duis­bur­ger auf, Ker­zen für die To­ten ins Fens­ter zu stel­len. Sei­ne Toch­ter war wäh­rend der Mas­sen­pa­nik schwer ver­letzt wor­den.

Um 200 der Trau­ma­ti­sier­ten und Trau­ern­den küm­mert sich bis heu­te ein Team von 25 Not­fall­seel­sor­gern, das die So­lin­ger Re­li­gi­ons­päd­ago­gin Jutta Un­ruh ko­or­di­niert. 100 Ta­ge nach der Ka­ta­stro­phe

FO­TO: REUTERS

24. Ju­li 2010: Po­li­zis­ten und Hel­fer zie­hen in Duis­burg ei­ne schwer ver­letz­te jun­ge Frau aus der Men­ge.

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