Le­ben mit und oh­ne Hartz IV

Die Bun­des­re­gie­rung hat die Er­hö­hung der Hartz-IV-Leis­tun­gen be­schlos­sen. Doch rei­chen die neu­en Sät­ze zum Le­ben? Zwei al­lein­er­zie­hen­de Müt­ter ha­ben ei­ne Wo­che für un­se­re Zei­tung Haus­halts­buch ge­führt. Die ei­ne be­kommt Hartz IV, die an­de­re ist Ge­ring­ver­di

Rheinische Post Goch - - Politik - VON LESLIE BROOK VON KAT­HA­RI­NA SCHMÜLLING

DÜSSELDORF An­ja Sei­del* weiß ge­nau, wann es im Su­per­markt An­ge­bo­te gibt, wann das Ben­zin güns­tig ist und wel­che Schwimm­bä­der Er­mä­ßi­gun­gen an­bie­ten. Die 32-Jäh­ri­ge ist Hartz-IV-Emp­fän­ge­rin, al­lein­er­zie­hend und Mut­ter zwei­er klei­ner Kin­der. „Gut or­ga­ni­sie­ren zu kön­nen, ist das Wich­tigs­te“, sagt die Düs­sel­dor­fe­rin. „Ich konn­te das zum Glück auch vor­her schon.“

Mit „vor­her“ meint An­ja Sei­del die Zeit, als sie als Zahn­tech­ni­ke­rin ar­bei­te­te und noch kei­ne Kin­der hat­te. Das ist jetzt vier Jah­re her. 1330 Eu­ro brut­to, 930 Eu­ro net­to ver­dien­te sie nach der drei­jäh­ri­gen Aus­bil­dung zur Zahn­tech­ni­ke­rin. „Ei­gent­lich ein Witz“, sagt sie heu­te. So sei der An­reiz für ei­ni­ge Emp­fän­ger von Ar­beits­lo­sen­geld II, sich Ar­beit zu su­chen, nicht groß ge­nug.

Als Hartz-IV-Emp­fän­ge­rin be­kommt die jun­ge Mut­ter heu­te mo­nat­lich mehr: 1115 Eu­ro für ih­re drei­köp­fi­ge Fa­mi­lie plus die Warm­mie­te ih­rer Drei-Zim­mer-Woh­nung von 638 Eu­ro, die die Ar­ge di­rekt an ih­ren Ver­mie­ter über­weist. „Ich kom­me mit dem Geld aus, mal bes­ser und mal schlech­ter“, sagt Sei­del. „Es darf eben nichts ka­putt­ge­hen“, fügt sie hin­zu und lässt den Blick durch ih­re Kü­che schwei­fen.

Klei­dung und Spiel­zeug kauft Sei­del aus­schließ­lich auf dem Floh­markt. Sie geht je­des Wo­che­n­en­de zu ei­nem der Märk­te in Düsseldorf. Ei­ne Ho­se für zwei Eu­ro für ih­ren Sohn und ei­ne gro­ße Kis­te Le­go für zehn Eu­ro hat sie in die­ser Wo­che er­stan­den. „20 Eu­ro für ei­ne neue Kin­der­ho­se im Ge­schäft sind ein­fach zu viel. Ich kau­fe auch jetzt schon Weih­nachts­ge­schen­ke auf dem Floh­markt.“ Fri­sches Obst und Ge­mü­se be­kommt sie ein­mal pro Wo­che bei der Le­bens­mit­tel-Aus­ga­be der Dia­ko­nie Düsseldorf. „Das ist ein klei­ner Lu­xus für mich.“ Auf dem Kü­chen­tisch steht ei­ne blaue Glas­scha­le mit Oran­gen und an­de­ren tro­pi­schen Früch­ten. Das Obst hat sie in die­ser Wo­che be­kom­men. Ih­re Schwes­ter leiht ihr das Au­to. „Für die­se Un­ter­stüt­zung bin ich dank­bar“, sagt die 32-Jäh­ri­ge.

An­ja Sei­del ist ei­ne aus­ge­gli­che­ne jun­ge Frau – nur zwei Din­ge är­gern sie wirk­lich: Hartz-IV-Emp­fän­ger, die es sich be­quem ge­macht ha­ben und nicht vor­ha­ben, wie­der ar­bei­ten zu ge­hen, und der zu ge­rin­ge Lohn für Ge­ring­ver­die­ner. „Die Löh­ne bei ei­ni­gen Be­rufs­grup­pen müss­ten drin­gend an­ge­ho­ben wer­den“, meint die Düs­sel­dor­fe­rin. Sie selbst will wie­der ar­bei­ten ge­hen, „so­bald mei­ne Toch­ter in den Kin- der­gar­ten geht“. Al­so in et­wa ei­nem Jahr. „Mo­men­tan bin ich nicht so fle­xi­bel, wie Ar­beit­ge­ber sich das wün­schen. Sie ver­lan­gen schon bei Teil­zeit­stel­len ab­so­lu­te Fle­xi­bi­li­tät – das ist mit zwei klei­nen Kin­dern nicht drin.“ An­ja Sei­del will, dass ih­re Kin­der am so­zia­len Le­ben teil­neh­men. Sie geht mit ih­nen ein­mal wö­chent­lich zum Sport­ver­ein, zum Schwim­men und in die Mu­sik­schu­le. Mit dem Düs­sel-Pass gibt es in städ­ti­schen Ein­rich­tun­gen 50 Pro­zent Ra­batt.

Von der Bun­des­re­gie­rung wünscht Sei­del sich ei­ne Re­form, die nicht auf Geld, son­dern auf Gut­schei­ne kon­zen­triert ist. „Die fünf Eu­ro mehr im Mo­nat, um­ge­rech­net 17 Cent pro Tag, hel­fen nicht.“ Zweck­ge­bun­de­ne Gut­schei­ne für Kin­der oder für Bil­dungs­an­ge­bo­te hält sie für deut­lich bes­ser. Denn: „Es gibt lei­der vie­le Hartz-IV-Fa­mi­li­en, die das Geld nicht für die Kin­der in­ves­tie­ren wür­den, son­dern lie­ber ei­nen Flach­bild­fern­se­her oder ei­ne Spie­le­kon­so­le da­von kau­fen wer­den.“ *Na­me ge­än­dert DÜSSELDORF Sein Hig­htech-Han­dy hat er im­mer ge­hü­tet wie ei­nen Schatz. Und trotz­dem ist es pas­siert: Das Ge­rät, das Oma und Opa dem 15-Jäh­ri­gen ge­schenkt ha­ben und auf das er so stolz war, ist in der Schu­le ge­stoh­len wor­den. „Das sind so Mo­men­te, in de­nen ich mei­nem Sohn ger­ne sa­gen wür­de: Komm, du kannst nichts da­für, ich kauf’ dir ein neu­es“, sagt Brit­ta Richards*. „Aber das ist ein­fach nicht drin.“ Und das tue ihr dann „in der See­le weh“.

Brit­ta Richards tut al­les da­für, sich und ih­ren Sohn über Was­ser zu

„Kau­fe ich den Li­ter Milch, oder gibt es et­was Drin­gen­de­res?“

hal­ten. 1200 Eu­ro ver­dient sie im Mo­nat. Die 46-Jäh­ri­ge ar­bei­tet 27 St­un­den in der Wo­che in ei­nem Kin­der­gar­ten. Da­von muss sie den Le­bens­un­ter­halt für sich und ih­ren Sohn be­strei­ten. Ei­ne Wo­che lang hat sie für un­se­re Zei­tung al­le Aus­ga­ben in ei­nem Haus­halts­buch auf­ge­lis­tet. Zu­sam­men mit den mo­nat­li­chen Aus­ga­ben ist so ein Über­blick ent­stan­den, wie sie mit ih­rem Geld aus­kommt. Na­tür­lich wür­de sie auch gern auf ei­ne vol­le Stel­le auf­sto­cken – das ist der­zeit aber nicht mög­lich.

Und so muss sie mit dem Geld aus­kom­men, das sie mit der Ar­beit im Kin­der­gar­ten ver­dient. Zu­sätz­lich be­kommt sie Kin­der­geld. „Ich ha­be auch mal ver­sucht, Wohn­geld zu be­an­tra­gen, aber da­für ver­die­ne ich wie­der zu viel“, sagt sie. Da hilft nur ei­nes: Spa­ren an al­len Ecken und En­den – und vor al­lem: güns­tig ein­kau­fen, die Son­der­an­ge­bo­te im­mer im Blick be­hal­ten. Le­ben kann sie mit ih­rem Sohn in ei­ner Woh­nung, die ih­ren El­tern ge­hört – das senkt die Miet­kos­ten. Um Fahrt­kos­ten zu spa­ren, fährt Brit­ta Richards mit ei­nem Mo­tor­rol­ler zur Ar­beit. Das ist güns­ti­ger als ein Mo­nat­sti­cket für öf­fent­li­che Ver­kehrs­mit­tel.

Ei­nen Com­pu­ter hat Fa­mi­lie Richards erst seit Ja­nu­ar – der Sohn braucht schließ­lich für vie­le Schul­auf­ga­ben ei­nen In­ter­net­an­schluss. „Für ei­nen Dru­cker spa­ren wir noch“, sagt die Mut­ter. Bis zum Mo­nats­en­de mit dem Geld durch­zu­kom­men, be­deu­tet für Brit­ta Richards oft ge­schick­tes Jon­glie­ren. „Wenn drei Ta­ge vor Mo­nats­en­de manch­mal nur noch fünf Eu­ro da sind, muss ich ge­nau über­le­gen: Kau­fe ich jetzt den Li­ter Milch, oder gibt es et­was, das wir noch drin­gen­der brau­chen?“, sagt sie.

Stolz ist die Al­lein­er­zie­hen­de vor al­lem auf ih­ren Sohn. „Ich den­ke nicht, dass er un­ter der Si­tua­ti­on lei­det, denn er ist sehr be­schei­den“, sagt sie über den Ne­unt­kläss­ler. Ei­ne gro­ße Hil­fe sind auch die El­tern der al­lein­er­zie­hen­den Mut­ter. „Gro­ße, kost­spie­li­ge­re Wün­sche, zum Bei­spiel ei­ne Spiel­kon­so­le, er­fül­len mei­ne El­tern mei­nem Sohn zu Weih­nach­ten oder zum Ge­burts­tag“, sagt Richards. Sie ist froh, dass ihr Jun­ge des­halb nicht auf al­les ver­zich­ten muss, von dem sei­ne Freun­de und Mit­schü­ler auf dem Schul­hof schwär­men. Richards selbst ist oft auf ih­ren Freund an­ge­wie­sen, wenn sie mal es­sen oder ins Ki­no ge­hen möch­te. „Ich bin dank­bar, dass es die­se Mög­lich­kei­ten noch gibt“, sagt sie. Trotz al­lem denkt sie po­si­tiv: „Ich bin froh, dass ich Ar­beit ha­be und nicht auf Hartz IV an­ge­wie­sen bin.“

Na­tür­lich wurmt es Brit­ta Richards, dass sie trotz an­stren­gen­der Ar­beit je­den Cent zwei­mal um­dre­hen muss. Aber ein­mal im Jahr muss sie sich so rich­tig är­gern: „Im­mer im Ja­nu­ar kommt ein Brief vom Ju­gend­amt. Dar­in steht, dass uns et­wa 370 Eu­ro Un­ter­halt im Mo­nat vom Va­ter mei­nes Soh­nes zu­stün­den“, sagt sie. 370 Eu­ro, die Mut­ter und Sohn sehr gut ge­brau­chen könn­ten. „Aber der Va­ter zahlt nicht und ist auch nicht auf­find­bar.“

*Na­me ge­än­dert In­ter­net Al­le Än­de­run­gen bei Hartz IV auf ei­nen Blick un­ter www.rp-on­line.de/wirt­schaft

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