„Wir müs­sen Ar­muts­löh­ne stop­pen“

SPD-Par­tei­chef Sig­mar Gabriel über Hartz IV, Ar­muts­löh­ne, Bil­dung und die Grü­nen

Rheinische Post Goch - - Politik -

Un­ter wel­chen Be­din­gun­gen wird die SPD im Bun­des­rat der Neu­re­ge­lung der Hartz-IV-Ge­set­ze zu­stim­men? Gabriel Die In­fra­struk­tur für Bil­dung muss für al­le Kin­der deut­lich ver­bes­sert wer­den. Es ist ein Feh­ler, nur ein klei­nes Päck­chen al­lein für die Kin­der aus Hartz-IV-Fa­mi­li­en und Be­zie­her des Kin­der­zu­schlags zu schnü­ren. Un­se­re zwei­te Be­din­gung ist, dass Ar­muts­löh­ne nicht aus­ge­wei­tet wer­den, was die Ko­ali­ti­on durch die Än­de­rung der Hin­zu­ver­dienst­gren­zen vor­hat. Ar­beit muss sich loh­nen und nicht Ar­beits­lo­sig­keit mit Zu­ver­dienst. CDU/CSU und FDP set­zen im­mer mehr An­rei­ze, um nor­ma­le Ar­beits­plät­ze in Bil­lig­lohn-Jobs um­zu­wan­deln, bei de­nen die Men­schen hin­ter­her zum So­zi­al­amt ge­hen, um we­nigs­tens die Mie­te be­zah­len zu kön­nen. Das heißt, Sie for­dern mehr Geld von der Re­gie­rung für den Aus­bau von Ganz­tags­schu­len und Ki­tas? Gabriel Die För­de­rung der re­gio­na­len Bil­dungs-und In­te­gra­ti­ons­struk­tu­ren muss ei­ne Ge­mein­schafts­auf­ga­be von Bund, Län­dern und Kom­mu­nen wer­den. Das läuft dann so: Der Bund stellt das Geld zur Ver­fü­gung und ei­nigt sich mit Län­dern und Kom­mu­nen, wo­für es aus­ge­ge­ben wird, in die­sem Fall für Bil­dungs-und In­te­gra­ti­ons­auf­ga­ben, al­so bei­spiels­wei­se für die Sprach­för­de­rung, Fa­mi­li­en­bil­dungs­zen­tren in so­zia­len Brenn- punk­ten und vor al­lem für Ganz­tags­schu­len. Wie und wo die Län­der und Kom­mu­nen das Geld im De­tail ein­set­zen, ist ih­re An­ge­le­gen­heit. Wie viel Geld muss der Bund ein­set­zen? Gabriel Not­wen­dig wä­re ein Pro­gramm des Bun­des von et­wa zwei Mil­li­ar­den Eu­ro mehr pro Jahr für die nächs­ten fünf Jah­re. Wir wol­len in den Ver­hand­lun­gen mit der Bun­des­re­gie­rung we­nigs­tens den Ein­stieg in ein sol­ches gro­ßes Bil­dungs­pro­gramm schaf­fen, zum Bei­spiel mit der Fi­nan­zie­rung von So­zi­al­ar­bei­tern für al­le Schu­len in so­zia­len Brenn­punk­ten und bei der In­te­gra­ti­on von Aus­län­der­kin­dern.

Wäh­len die­je­ni­gen, die frü­her zu Ger- hard Schrö­ders neu­er Mit­te ge­hör­ten, heu­te Grün? Gabriel Die Grü­nen sind die Pro­fi­teu­re des Nie­der­gangs der FDP und zum Teil auch der CDU. Die Grü­nen sind das, was die FDP 2009 war: ei­ne gro­ße Pro­jek­ti­ons­flä­che. Ehr­lich ge­sagt, ist es mir lie­ber, die Grü­nen sind ei­ne sol­che Pro­jek­ti­ons­flä­che als die FDP. Die Grü­nen ha­ben sich zu ei­ner links­li­be­ra­len Par­tei ent­wi­ckelt. Wel­che Wäh­ler blei­ben dann für die SPD üb­rig? Gabriel Die SPD muss sich stär­ker um die Men­schen küm­mern, die sich von der Po­li­tik ganz ab­wen­den. Die Wahl­for­scher sa­gen, dass es uns ge­lun­gen ist, seit der Bun­des­tags­wahl rund 1,7 Mil­lio­nen Nicht­Wäh­ler zu­rück­zu­ho­len. Wir sa­gen: Fort­schritt ge­lingt, wenn man drei Din­ge zu­sam­men­bringt – wirt­schaft­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit, so­zia­le Si­cher­heit und öko­lo­gi­sche Ver­ant­wor­tung. Für die Grü­nen steht nur die Öko­lo­gie im Mit­tel­punkt, al­les an­de­re wird da­von ab­ge­lei­tet. Das ist für das größ­te In­dus­trie­land Eu­ro­pas aber zu we­nig. Müs­sen Sie sich wie­der mehr Rich­tung Mit­te be­we­gen? Gabriel Die Mit­te selbst hat sich be­wegt, und zwar nach links. Das sa­gen auch al­le Wahl­ana­ly­sen. Un­ser Po­li­tik­an­ge­bot muss sich an die rich­ten, die den Ein­druck ha­ben, dass Po­li­tik sie ver­las­sen hat, sich nicht um sie küm­mert. Das geht quer­beet durch die Ge­sell­schaft. In Ba­den-Würt­tem­berg und in Berlin könn­ten die Grü­nen 2011 bei den Land­tags­wah­len vor der SPD lie­gen. Wird die SPD dann Ju­ni­or­part­ner in ei­ner grün-ro­ten Ko­ali­ti­on? Gabriel In Berlin wird das ga­ran­tiert nicht pas­sie­ren. Und in Ba­denWürt­tem­berg kämpft die SPD dar­um, stär­ker zu wer­den als die Grü­nen. War­um soll­te das nicht klap­pen? Schlie­ßen Sie es aus, dass es in Ba­den-Würt­tem­berg oder Berlin zu ei­ner grün-ro­ten Ko­ali­ti­on kommt? Gabriel Ich bin si­cher: Die SPD wird am Wahl­abend stär­ker sein. Noch ei­ne Aus­schluss-Fra­ge: Schlie­ßen Sie aus, dass Sie Kanz­ler­kan­di­dat wer­den? Gabriel Vor ei­nem Jahr ha­ben Sie aus­ge­schlos­sen, dass es sich über­haupt loh­nen wür­de, in der SPD über ei­nen Kanz­ler­kan­di­da­ten nach­zu­den­ken. Jetzt wol­len Sie schon wie­der wis­sen, wer es wird. Ich fin­de das ei­ne schö­ne Ent­wick­lung. Ist Herr St­ein­brück als Kanz­ler­kan­di­dat noch im Ren­nen? Gabriel Je­der ist im Ren­nen, wenn er es will. Michael Bröcker und Eva Quadbeck führ­ten das Ge­spräch.

FO­TO: DPA

Sig­mar Gabriel, ge­bo­ren 1959 in Gos­lar, aus­ge­bil­de­ter Gym­na­si­al­leh­rer, war von 1999 bis 2003 nie­der­säch­si­scher Mi­nis­ter­prä­si­dent. Seit 2009 ist er SPD-Chef.

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