CSU sehnt sich nach Gut­ten­berg

Auf dem Par­tei­tag be­mü­hen sich die Christ­so­zia­len, die De­bat­te um Par­tei­chef Horst See­ho­fer zu ver­ta­gen. Doch an­ge­sichts schlech­ter Um­fra­ge­wer­te steigt die Ner­vo­si­tät – und die Hoff­nung auf ei­nen Par­tei­chef Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg. Die Kanz­le­rin als G

Rheinische Post Goch - - Politik - VON REIN­HOLD MICHELS

MÜNCHEN Par­tei­tag der seit zwei Jah­ren bei Wah­len und Um­fra­gen schrump­fen­den baye­ri­schen CSU: Der ge­wähl­te, aber nicht ge­lieb­te Vor­sit­zen­de Horst See­ho­fer sitzt in Rei­he 1. Der nicht ge­wähl­te, aber er­sehn­te Vor­sit­zen­de Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg nimmt in Rei­he 2 Platz. 1000 Par­tei­tags­de­le­gier­te in Mün­chens Mes­se­hal­le C1 ver­su­chen, das Bild zu deu­ten, und fra­gen sich: Hat See­ho­fer nun Gut­ten­berg hin­ter sich, oder sitzt die­ser je­nem im Na­cken?

„Ein Schmarrn ist das.

Wir ha­ben ei­nen Vor­sit­zen­den“

Die Hin-und Her­ge­ris­se­nen trös­te­ten sich da­mit, dass sie sich dies­mal noch nicht zwi­schen dem 61-jäh­ri­gen See­ho­fer, dem mo­men­tan al­le Win­de ins Ge­sicht bla­sen, und dem 38-jäh­ri­gen Frei­herrn zu Gut­ten­berg, der vom schein­bar ewi­gen Auf­wind em­por­ge­tra­gen wird, ent­schei­den müs­sen. Wah­len zum Par­tei­vor­stand fin­den erst 2011 statt. Die Sa­che mit dem Par­tei­vor­sit­zen­den See­ho­fer ist auf­ge­scho­ben; auf­ge­ho­ben ist sie nicht.

Die De­bat­te, ob die CSU 2013 bei der Land­tags­wahl in Bay­ern und bei der Bun­des­tags­wahl mit Horst See­ho­fer aus dem nur für CSU-Ver­hält­nis­se tie­fen 40-Pro­zent-Loch her­aus­fin­den kann, be­schäf­tigt nicht erst seit ges­tern die Fan­ta­sie der Mit­glie­der und Man­dats­trä­ger – Letz­te­re auch aus ego­is­ti­schen Mo­ti­ven. Ein er­fah­re­ner CSU­ler, der schon die glor­rei­chen Zei­ten mit und un­ter Franz Jo­sef Strauß mit­er­lebt hat, sag­te es ges­tern so: Die Frak­ti­on wer­de lang­sam ner­vös, da hät­ten vie­le Angst um ih­re Man­da­te in drei Jah­ren.

Wann im­mer die Angst um­geht in der CSU, ist die St­un­de von Bay­erns In­nen­mi­nis­ter Joa­chim Herr­mann ge­kom­men, der Ru­he in Per­son. Herr­mann riet zur Ge­las­sen­heit. Nicht dass der an­ge­se­he­ne Franke wie Gut­ten­berg sag­te, See­ho­fer sei ein sehr gu­ter Par­tei­chef; Herr- mann mein­te viel­mehr: „Ei­ne Per­so­nal­de­bat­te brau­chen wir nicht, wol­len wir nicht.“ Zum de­mo­sko­pi­schen Hö­hen­flug sei­nes Par­tei­kol­le­gen Gut­ten­berg sag­te Herr­mann, den sich man­che CSU­ler auch als Mi­nis­ter­prä­si­den­ten-Kan­di­da­ten 2013 vor­stel­len kön­nen: „Der Kar­lTheo­dor weiß, dass die­se Über­trei­bun­gen für ihn nicht gut sind.“ Der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Hans-Pe­ter Uhl raun­te mit Blick auf 2011: „Wer weiß, ob der Vor­sit­zen­de See­ho­fer dann noch ein­mal an­tritt?“ Im Üb­ri­gen müs­se Gut­ten­berg noch sein Bun­des­wehr­re­for­mMeis­ter­stück ab­lie­fern.

Kul­tus­mi­nis­ter a.D. Hans Ze­het­mair, ein CSU-Gran­de, war so ehr­lich, es als är­ger­lich zu be­zeich­nen, dass je­mand der ge­wähl­te Vor­sit­zen­de sei, ein an­de­rer in­des mehr ge­schätzt wer­de. Mit wis­sen­dem Lä­cheln setz­te Ze­het­mair hin­zu, Gut­ten­berg sei loy­al – aus ei­ge­nem In­ter­es­se, denn: „Wir brau­chen ihn noch lan­ge nach See­ho­fer.“ Auch dies gab er dem vi­el­leicht Vor­sit­zen­den in spe mit auf den Weg: „Wenn der Karl-Theo­dor dann mal ganz oben ist, geht’s ihm wie je­dem dort – er steht in der all­ge­mei­nen Kri­tik.“ Prä­si­di­ums­mit­glied Bernd Pos­selt är­ger­te sich über die See­ho­fer-Gut­ten­berg-De­bat­te: „Ein Schmarrn ist das. Wir ha­ben ei­nen Vor­sit­zen­den.“ Er be­ton­te das „ei­nen“. „Der an­de­re“, so Pos­selt mit Blick auf Gut­ten­berg, „der ist Zu­kunfts­hoff­nung.“

Gut­ten­berg er­weck­te ges­tern den Ein­druck, als wi­de­re ihn das Ge­re­de über sei­ne Taug­lich­keit für al­le, auch höchs­te po­li­ti­sche Auf­ga­ben im­mer mehr an. Es klang nach ei­nem Ta­ges­be­fehl des Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ters. Die Per­so­nal­de­bat­te sei ganz und gar nicht dien­lich: „Wir ha­ben zu ar­bei­ten.“ Und See­ho­fer? Wie re­agier­te der?

Seit sei­ner le­bens­ge­fähr­li­chen Herz­mus­kel­er­kran­kung vor Jah­ren ver­sucht er, Auf­ge­regt­hei­ten zu igno­rie­ren. Die ei­nen nen­nen das Wursch­tig­keit, die an­de­ren Ner­ven­stär­ke. See­ho­fer dimm­te das grel­le Licht her­un­ter, das ihn und Gut­ten­berg trifft. Das Gan­ze sei ein Lu­xus­pro­blem, mit dem er als Par­tei­chef gut le­ben kön­ne. „Angst vor ei­ner Per­so­nal­de­bat­te? - Nein!“

Kanz­le­rin und CDU-Che­fin An­ge­la Mer­kel und Gut­ten­berg ge­lang es, die zu­vor ge­drück­te Kon­gres­sS­tim­mung zu ent­kramp­fen. Mer­kel warb mit Pfiff und Charme für die an­schlie­ßend aus­führ­lich de­bat­tier­te und in ge­hei­mer Ab­stim­mung be­schlos­se­ne 40-Pro­zen­tFrau­en­quo­te in Lan­des-und Be­zirks­vor­stän­den der CSU: „Man nimmt ja Rat­schlä­ge von der grö­ße­ren Schwes­ter un­gern an, aber ich emp­feh­le Ih­nen Mut zu Neu­em. In der CDU ist nichts zu­sam­men­ge­bro­chen durch die Frau­en­quo­te. Im Ge­gen­teil.“ Be­frei­en­des Ge­läch­ter.

Und dann der „Schatz der Uni­on“ (Schäu­b­le über Gut­ten­berg): Der sprach den „lie­ben Horst See­ho­fer“ di­rekt an und sag­te, es kom­me auf den Zu­sam­men­halt in der CSU und nicht auf dep­per­te Per­so­nal­de­bat­ten an. Die be­geis­ter­ten De­le­gier­ten ap­plau­dier­ten hef­tig. Man­che dach­ten sich nach der Zwölf-Mi­nu­ten-Re­de (See­ho­fer: „Wir hö­ren dir auch stun­den­lang zu“) über die Bun­des­wehr-Re­form wohl: „Der kann war­ten, und wir müs­sen es.“

FO­TO: DPA

Hat CSU-Chef Horst See­ho­fer (l.) Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg hin­ter sich? Zu­min­dest die Sitz­ord­nung beim Par­tei­tag leg­te das na­he.

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