Je­lineks „Rech­nitz“: Em­pö­rung ist ver­pufft

Rheinische Post Goch - - Kultur - VON WERNER SCHWERTER

DÜSSELDORF Die Zu­schau­er­re­ak­ti­on auf die Büh­nen­fas­sung von El­frie­de Je­lineks „Rech­nitz“-Text in der Spiel­stät­te Cen­tral des Düs­sel­dor­fer Schau­spiel­hau­ses hat sich ver­än­dert. Bei der drit­ten Auf­füh­rung nach der Pre­mie­re war nichts mehr von Em­pö­rung und Eklat zu spü­ren. In kaum drei Wo­chen ist al­ler Zorn ver­pufft und ei­ner be­däch­ti­gen, ab­wä­gen­den Neu­gier ge­wi­chen. So die Es­senz ei­ner Dis­kus­si­on, die Re­gis­seur Her­mann Schmidt-Rah­mer, Dra­ma­turg Ste­phan Wet­zel und das En­sem­ble zum Aus­klang ei­nes Dis­kus­si­ons­abends mit dem Pu­bli­kum führ­ten.

Die deut­lichs­te Kri­tik am Spiel kam von den Thea­ter­leu­ten selbst. Ei­ne Stra­te­gie des Ent­ge­gen­kom­mens gleich­sam nach dem Mot­to „Wir ha­ben Ver­ständ­nis, aber...“. Sie ga­ben al­les zu. Dass der Text als rau­schen­de Flut von Wort­spie­len kein Por­trät, kei­ne Ana­ly­se von NSMör­dern ist. Dass Un­be­greif­li­ches in ge­spens­tisch dif­fu­ser Gestalt dar­ge­bo­ten wird und ein sol­cher Ver­such Un­wohl­sein aus­lö­sen kann. Dass es ei­ne Zu­mu­tung ist, wenn Je­linek ein kol­lek­ti­ves re­flex­ar­ti­ges Bü­ßen in der Ver­gan­gen- heits­be­wäl­ti­gung po­le­misch auf­spießt. Und un­ge­heu­er­lich, wenn das abs­trak­te Wör­ter­ge­mäl­de als Po­in­te ei­nen tat­säch­li­chen, do­ku­men­ta­risch be­leg­ten Kan­ni­ba­lis­mus-Dia­log (als kur­ze Ton­ein­spie­lung) an­ge­hängt be­kommt.

Darstel­ler Da­ni­el Chris­ten­sen meint, das Stück sei so ver­stö­rend, weil es ei­nen ins Un­be­greif­li­che sau­ge: „Und zum Schluss kann man sich gar nicht mehr dem Sog ent­zie­hen.“ – „Im Ge­gen­teil“, er­wi­dert ei­ne Zu­schaue­rin, „denn die Fra­ge ist doch im­mer noch, ob ich selbst un­ter da­ma­li­gen Um­stän­den zur Tä­te­rin ge­wor­den wä­re. Nicht dass Kan­ni­ba­lis­mus zitiert wird, ist hei­kel, son­dern dass mir da­mit die Mög­lich­keit er­öff­net wird, mich be­quem zu dis­tan­zie­ren.“

Schmidt-Rah­mer zitiert den Fa­ta­lis­mus Je­lineks: „Ich weiß, dass es sinn­los ist, dar­über zu re­den, aber ich tue es trotz­dem.“ Er hat­te sich of­fen­bar für ein wü­ten­des Ge­fecht ge­wapp­net – und auf ein­mal kei­ne Fein­de mehr. Zu­letzt ap­plau­dier­te das En­sem­ble für sein Pu­bli­kum. Ter­mi­ne: Heu­te und mor­gen, 19.30 Uhr, im Cen­tral, Wor­rin­ger Stra­ße 140, Düsseldorf. Ein­füh­rung um 19 Uhr. Da­nach wie­der am 16. und 17. No­vem­ber.

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