„Manch­mal bin ich zu aus­ge­gli­chen“

Ti­mo Boll, der 13-ma­li­ge Tisch­ten­nis-Eu­ro­pa­meis­ter aus Düsseldorf, ist Zwei­ter der Welt­rang­lis­te hin­ter dem Chi­ne­sen Ma Long. Wenn es die Zeit er­laubt, geht er auf den Golf­platz, und im Oden­wald fährt er mit dem Moun­tain­bike. Im Fern­se­hen schaut er sich g

Rheinische Post Goch - - Sport / Roman - VON FRIED­HELM KÖRNER

DÜSSELDORF Ti­mo Boll sitzt im Bis­tro des Deut­schen Tisch­ten­nis-Zen­trums in Düsseldorf, als ihn drei Jun­gen um ein Au­to­gramm bit­ten. Nach­dem er mit dem Filz­schrei­ber sei­nen Na­men auf Schlä­ger­ta­sche oder Sport­hemd ge­schrie­ben hat, ver­lässt ei­ner der Knirp­se den Ort vol­ler Stolz mit ei­nem wah­ren Tri­umph­schrei. Boll, Idol für un­ge­zähl­te Spie­ler und Fans, er­lebt in die­sen Au­gen­bli­cken haut­nah, wie glück­lich ein Sport­star Ju­gend­li­che ma­chen kann, wenn er ein Herz für die klei­nen Jä­ger hat. „Das ge­hört da­zu“, sagt er. „Ich war frü­her auch so wie die Jungs, aber ich ha­be mich fast nie ge­traut. Es kos­te­te mich ei­ne Rie­sen­über­win­dung.“

Ge­klappt hat es mal, als er acht oder neun Jah­re alt war und Schwe­dens ehe­ma­li­ger Eu­ro­pa­meis­ter Jör­gen Pers­son ihm ein Au­to­gramm gab. Aus­ge­rech­net bei sei­nem gro­ßen Vor­bild je­doch, Deutsch­lands lang­jäh­ri­ger Num­mer eins, Jörg Roß­kopf, hat­te er ein­mal kei­nen Er­folg. „Weil Ros­si vor ei­nem Match war und sich auf­ge­wärmt hat“, wie Boll sich er­in­nert. „Da war ich ent­täuscht, aber jetzt kann ich ver­ste­hen, dass er in die­sem Mo­ment sei­ne Ru­he ha­ben woll­te.“

Et­wa ein Vier­tel des Jah­res, so schätzt er, lebt Ti­mo Boll in sei­ner Woh­nung im Düs­sel­dor­fer Stadt­teil Ger­res­heim. Ein an­de­res Vier­tel ist er in sei­nem ei­gent­li­chen Zu­hau­se, im hes­si­schen Oden­wald­städt­chen Höchst, wo er auf­ge­wach­sen ist. Der Rest des Jah­res be­steht aus Rei- sen. Nicht sel­ten nach Fer­n­ost. Als er Mit­te Sep­tem­ber in Tsche­chi­en drei­fa­cher Eu­ro­pa­meis­ter ge­wor­den war und mit sei­nen Kol­le­gen in den Mon­tag hin­ein die Er­fol­ge ge­fei­ert hat­te, rief gleich in der Nacht wie­der die Pflicht. Über Frank­furt ging die Rei­se nach Schang­hai, wo er am Düs­sel­dor­fer Pa­vil­lon der Welt­aus­stel­lung diens­tags mit 100 Kin­dern ei­nen Re­kord im Rund­lauf für das Guin­ness-Buch auf­stell­te und so­fort wie­der den Rück­flug nach Deutsch­land an­trat, weil am Frei­tag, zwei Ta­ge nach der Rück­kehr, ein Cham­pi­ons-Le­ague-Spiel mit Bo­rus­sia Düsseldorf zu be­strei­ten war. „Dann aber bin ich krank ge­wor­den und war ei­ne Wo­che er­käl­tet“, er­zählt er. Der Ter­min­stress hat­te wohl sei­nen Tri­but ge­for­dert.

Boll kennt die Tricks, mit de­nen er bei solch wei­ten Rei­sen den Kampf ge­gen den Jet­lag zu be­strei­ten hat. „Im Flie­ger darf man dann nicht zu viel schla­fen, und am Tag da­nach ist Mit­tags­schlaf ta­bu. Egal, wie mü­de man ist, muss man auf­blei­ben, dann schläft man in der Nacht wie im Ko­ma.“

Die Frei­zeit ist für den er­folg­reichs­ten deut­schen Spie­ler al­ler Zei­ten, Num­mer zwei der Welt­rang­lis­te, eng be­mes­sen. Sie gilt vor al­lem der Fa­mi­lie – Ro­de­lia, mit der er seit sie­ben Jah­ren ver­hei­ra­tet ist, und den El­tern im Oden­wald. Und na­tür­lich Car­ry, ei­ner Par­son-JackRus­sell-Hün­din, die am Elf­ten im Elf­ten sechs Jah­re alt wird. Ab und zu darf Car­ry Herr­chen zu Sport­ver­an­stal­tun­gen be­glei­ten, wenn Boll mit dem Au­to fah­ren kann und sei­ne Frau da­bei ist. „Aber manch­mal gibt es Pro­ble­me mit dem Haus­meis­ter. Nicht über­all ist es er­laubt, den Hund mit­zu­neh­men. Dann blei­ben die bei­den im Ho­tel oder fah­ren gar nicht erst mit.“ Car­ry ist ei­ne Jagd­hün­din. „Sehr schnell und oh­ne Furcht“, er­klärt der 29-Jäh­ri­ge. „Aber wir ha­ben ihr den Jagd­trieb ein biss­chen aus­ge­trie­ben.“ Was Car­ry be­son­ders liebt: Mit Herr­chen Fris­bee spie­len.

Wenn es die Zeit er­laubt, geht Boll auf den Golf­platz. Er hat Han­di­cap 22. Im Oden­wald lockt das drit­te Hob­by, es ist eben­falls ein sport­li­ches und kommt der Kon­di­ti­on zu­gu­te: Moun­tain­bi­ke­fah­ren. Vom Rad ge­fal­len ist er öf­ter, gibt er zu, aber es ist da­bei nie Schlim­mes pas­siert. „Meist bin ich ge­stürzt, wenn ich zu stei­le Ber­ge hoch fuhr, das Gleich­ge­wicht ver­lor und nicht aus den Klick­pe­da­len her­aus­kam.“ Rad­fah­ren ist des­halb für den Re­kord­eu­ro­pa­meis­ter (13 Ti­tel) so wich­tig, weil er we­gen der An­fäl­lig- keit des Rü­ckens nicht jog­gen soll. „In Höchst ist al­les ru­hi­ger und länd­li­cher, in Düsseldorf hat man das Stadt­le­ben. Das ist ein netter Mix“, ver­gleicht Boll. Er ist kein gro­ßer Dis­co­gän­ger, und mit Al­ko­hol hält er sich zu­rück. „Ein Geg­ner des Al­ko­hols bin ich nicht, nur wenn Leu­te so viel trin­ken, dass sie sich nicht mehr un­ter Kon­trol­le ha­ben und ag­gres­siv wer­den. Ich trin­ke we­nig Al­ko­hol. Für ei­nen Sport­ler ist er auch hin­der­lich. Und wenn ich zwei, drei Bier trin­ke, spü­re ich das am nächs­ten oder auch am über­nächs­ten Tag noch.“ Rau­chen ist für ihn völ­lig ta­bu.

Beim Tisch­ten­nis muss Boll die Of­fen­si­ve be­herr­schen, das An­griffs­spiel. Da­heim, im Haus­halt, er­laubt er sich, wenn man so will, eher die De­fen­si­ve. Zum Staub­sau­ger grei­fen, den Müll weg­brin­gen, da hilft er schon mit. Das Ko­chen über­lässt er lie­ber sei­ner Frau. „Aber ich schaue ganz gern Koch­sen­dun­gen“, ver­rät er. „Ich es­se für mein Le­ben gern. Und dann sa­ge ich zu De­li: ,So et­was könn­ten wir ja auch mal pro­bie­ren.’ Ich sa­ge dann ,wir’ – und mei­ne da­bei nur sie.“

Freund­lich­keit, Ehr­lich­keit, Fair­ness sind, wie er nach kur­zer Über­le­gung be­tont, Wer­te, die für ihn be­son­ders wich­tig sind. Wer­te, die ihm die El­tern ver­mit­telt ha­ben. „Sie ha­ben mich am Bo­den ge­hal­ten“, sagt Boll. Man er­lebt ihn im­mer aus­ge­gli­chen, er ruht in sich und ver­liert nie die Fas­sung. Hat er denn kei­ne Schwä­che? „Manch­mal bin ich vi­el­leicht zu aus­ge­gli­chen. Dann bin ich so ru­hig und zu­frie­den mit al­lem, dass ich ir­gend­wel­che Sa­chen ver­ges­se.“ Den Pass für die Rei­sen hat er noch nie ver­ges­sen. „Ich be­kom­me die Ta­sche auch von mei­ner Frau ge­packt.“

Ist er nicht doch ein­mal nei­disch auf an­de­re Sport­ler, Gol­fer et­wa, die noch sehr viel mehr ver­die­nen kön­nen als ein er­folg­rei­cher Tisch­ten­nis­pro­fi? „Es gibt sehr viel mehr, die we­ni­ger ver­die­nen, da soll­te ich mich nicht be­schwe­ren“, sagt Boll. „An­de­re, die ge­nau­so viel leis­ten wie ich, ge­nau­so viel trai­nie­ren und nicht so viel be­kom­men. Und Men­schen im nor­ma­len Be­rufs­le­ben, die hart für ihr Geld ar­bei­ten müs­sen.“ Auch in sei­ner Be­schei­den­heit, die ihm trotz al­ler Er­fol­ge nicht ver­lo­ren ging, ist „King Pong“, wie ihn der Bou­le­vard ge­nannt hat, ein Vor­bild. Nicht nur für die Jun­gen und Mäd­chen, die er mit Au­to­gram­men glück­lich macht. Und die manch­mal auch gleich in Scha­ren auf ihn zu­strö­men, wenn er in der Halle ge­ra­de ein Match ge­spielt hat.

FO­TO. HORSTMÜLLER

Ti­mo Bolls treu­er Be­glei­ter: Car­ry, ein Par­son-Jack-Rus­sell, be­glei­tet den Tisch­ten­nis­pro­fi so­gar manch­mal auf Wett­kampf­rei­sen.

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