At­lan­ta setzt auf Geld, Gott und Co­ca-Co­la

ver­steht sich als Mek­ka der schwar­zen Mit­tel­klas­se, als Boom­town, noch ame­ri­ka­ni­scher als der Rest Ame­ri­kas. Frü­her als an­de­re Städ­te des Sü­dens mach­te sich At­lan­ta frei vom Ras­sis­mus. Kaum ei­ne US-Me­tro­po­le wuchs in den ver­gan­ge­nen Jah­ren schnel­ler, nirg

Rheinische Post Goch - - Weitsicht - VON FRANK HERR­MANN

AT­LAN­TA Wenn Her­man J. Rus­sell aus sei­nem Bü­ro­fens­ter schaut, hoch auf ei­nem Hü­gel über der Stadt, dann schaut er auf ein klei­nes Man­hat­tan. Wol­ken­krat­zer reiht sich an Wol­ken­krat­zer, glei­ßend un­ter der süd­li­chen Son­ne. Der Turm der Bank of Ame­ri­ca, 312 Me­ter hoch, ragt aus der Sky­line At­lan­tas her­aus wie das Em­pi­re Sta­te Buil­ding aus den Stra­ßen­schluch­ten New Yorks. Das kreis­run­de Pe­ach­tree-Ho­tel lässt an ei­nen Stroh­halm den­ken. Je­de ame­ri­ka­ni­sche Groß­stadt hat so ei­ne Sil­hou­et­te. Rus­sell aber sieht das al­les mit an­de­ren Au­gen. Er blickt auf sein Le­bens­werk.

Der al­te Mann ist ein Bau­lö­we, ein klas­si­scher Self­made­man. Vom Tel­ler­wä­scher zum Mil­lio­när. Doch bei ihm hat die Ge­schich­te ei­nen be­son­de­ren Dreh. Dass er mit elf bei sei­nem Va­ter lern­te, wie man Sand und Ze­ment im rich­ti­gen Ver­hält­nis mischt, ge­hört zu die­ser Sto­ry. Das Be­son­de­re ist, dass er al­lein

Ge­schäf­te wa­ren den Stadt­vä­tern wich­ti­ger

als die Haut­far­be

we­gen sei­ner Haut­far­be Hür­den zu neh­men hat­te, wie sie kei­nem Wei­ßen in den Weg ge­stellt wur­den. Als Rus­sell sei­ne Fir­ma 1952 grün­de­te, wur­den im Sü­den schwar­ze Ame­ri­ka­ner nicht mal in den Hot­dog-Bu­den be­dient, ge­schwei­ge denn in fei­nen Re­stau­rants. Im Ki­no muss­ten sie un­term Dach sit­zen, im Bus auf den hin­te­ren Plät­zen. 1968 war Rus­sell der ers­te Afro­ame­ri­ka­ner, der die Schall­mau­er sei­ner Bran­che durch­brach.

Die Han­dels­kam­mer At­lan­tas nahm ihn auf, „war wohl ein Irr­tum“, wit­zelt er und lä­chelt ein schel­mi­sches Lä­cheln. „Die wuss­ten of­fen­bar nicht, dass ich schwarz bin. Schwar­ze Un­ter­neh­mer gab’s in ih­rer Welt nicht. Sie sa­hen mei­ne Bi­lan­zen und lu­den mich ein. Na ja, und als ich dann kam, konn­ten sie mich schlecht wie­der aus­la­den.“ Rus­sell kann­te noch Mar­tin Lu­ther King, den Pre­di­ger, der mit flam­men­den Re­den den Ruf At­lan­tas be­grün­de­te, die Wie­ge der Bür­ger­rechts­be­we­gung zu sein. „Oh­ne Mar­tin“, sagt der Al­te, „wä­re das al­les noch im­mer ein Traum.“

Schön ist At­lan­ta nicht. Die zen­tra­le Pe­ach­tree Street: mehr Be­ton­schlucht als Fla­nier­mei­le. Tou­ris­ten mü­hen sich ver­ge­bens ab, das Flair des Ro­mans „Vom Win­de ver­weht“ zu fin­den, Mar­ga­ret Mit­chells al­ten Süd­staa­ten­charme. At­lan­ta ist Boom­town. Kom­merz. Kaum ei­ne US-Me­tro­po­le wuchs schnel­ler, je­den­falls be­vor mit der Fi­nanz­kri­se ei­ne Del­le folg­te. Von 2000 bis 2007 stieg die Be­völ­ke­rung im Bal­lungs­raum Grea­ter At­lan­ta um 23 Pro­zent auf über fünf Mil­lio­nen Ein­woh­ner. Aus At­lan­ta kom­men Co­ca-Co­la, CNN, der Bau­markt­rie­se Ho­me De­pot. Der Flug­ha­fen zählt zu den größ­ten der Welt.

Schon Wil­li­am Harts­field, von 1937 bis 1961 Bür­ger­meis­ter, präg­te den Spruch von der Stadt, die zu be­schäf­tigt sei, um zu has­sen: „A ci­ty too bu­sy to ha­te“. In Ala­ba­ma stell­te sich Gou­ver­neur Ge­or­ge Wal­lace zur sel­ben Zeit persönlich vor Schul­tü­ren, um zu ver­hin­dern, dass schwar­ze und wei­ße Schü­ler im sel­ben Klas­sen­zim­mer sit­zen. Die klü­ge­ren Lo­kal­po­li­ti­ker At­lan­tas, kon­ser­va­tiv, aber nicht ver­bohrt, stell­ten die Wei­chen an­ders.

Jah­re spä­ter mach­te der Spruch vom „schwar­zen Mek­ka“ die Run­de. „Na, Mek­ka wür­de ich nicht sa­gen“, meint Ka­sim Reed. „Aber nir­gend­wo sonst emp­fängt man afro­ame­ri­ka­ni­sches Bu­si­ness mit so of­fe­nen Ar­men“, sagt Reed und er­zählt die Ge­schich­te zwei­er Ri­va­len. Die Stahl­stadt Bir­ming­ham, ne­ben­an in Ala­ba­ma, war be­deu­ten­der als At­lan­ta. Als der Ku Klux Klan in Kir­chen von Schwar­zen Spreng­stoff zün­de­te, wur­de sie „Bom­bing­ham“; bis heu­te hat sie zu knab­bern an ih­rem mi­se­ra­blen Image.

Bäs­se wum­mern, ein Gos­pel­chor singt ro­cki­ge Lie­der. Dann schrei­tet Cre­flo Dol­lar mit him­mel­blau­er Kra­wat­te ins Schein­werf­licht. Be­vor er sei­ne Pre­digt be­ginnt, lässt er den „in­crea­se“ ein­sam­meln. Wer glaubt, dass er bes­se­re Ge­schäf­te macht, weil er auf ihn hört, auf Dr. Cre­flo A. Dol­lar, der soll nach vorn kom­men und ei­nen Teil sei­nes Ge­winns spen­den, de­zent im Ku­vert, ver­steht sich. Der Pfar­rer pre­digt das Wohl­stands-Evan­ge­li­um, wo­nach Geld und Glau­be Hand in Hand ge­hen. Wer Geld macht, ist au­to­ma­tisch got­tes­fürch­tig. Und um­ge­kehrt. Was der Pas­tor nicht lei­den kann, ist Selbst­mit­leid. „Ach, sie ha­ben mich ge­feu­ert, weil sie mich nicht lei­den kön­nen“, imi­tiert er ei­nen, den er ei­nen no­to­ri­schen Ver­lie­rer nennt. „Sie ha­ben mich ge­feu­ert, weil sie Schwar­ze nicht mö­gen. Sie ha­ben mich ge­feu­ert we­gen all ih­rer Vor­ur­tei­le.“ Es folgt ei­ne Kunst­pau­se, dann wird der ima­gi­nä­re Ver­lie­rer zu­sam­men­ge­staucht. „Hör auf, hör auf, hör auf! Wenn du gut bist bei dem, was du machst, küm­mert es kei­nen, wel­che Haut­far­be du hast. Nie­mand will wis­sen, wo­her du kommst.“

Kru­zi­fi­xe sucht man ver­ge­bens in der World Chan­gers Church. Den Al­tar ziert ei­ne Erd­ku­gel, 8500 Men­schen pas­sen ins Halb­rund der Are­na, zwei Lein­wän­de zei­gen den Pre­di­ger über­le­bens­groß wie ei­nen Rock­star beim Kon­zert. Cre­flo Dol­lar, Sohn ei­nes Po­li­zis­ten und ei­ner Kö­chin, war 24, als sei­ne Foot­bal­lKar­rie­re mit ei­ner Ver­let­zung zu En­de ging und er in der Schul­kan­ti­ne sei­ner Mut­ter ei­ne ei­ge­ne Kir­che grün­de­te. Gut zwei Jahr­zehn­te spä­ter kas­siert er jähr­lich rund 70 Mil­lio­nen Dol­lar Spen­den und lässt sich im Rolls-Roy­ce chauf­fie­ren.

Stolz schiebt Sonya Jo­nes ei­nen Sweet Po­ta­to Cheese­ca­ke über die The­ke. Ei­ne Ka­lo­ri­en­bom­be aus Süß­kar­tof­feln, cre­mi­gem Kä­se, Ei­ern und Zu­cker, ge­würzt mit Mus­kat. Ein Ge­nuss, so­gar Bill Cl­in­ton hat ihn pro­biert. Den­noch, der klei­ne La­den hat zu kämp­fen, die Re­zes­si­on wirkt noch nach. „Har­te Zei­ten“, sagt die Che­fin, „aber wenn die Zei­ten hart sind, kom­men die Har­ten erst rich­tig in Fahrt.“ Als jun­ge Frau ging sie nach New York, um an ei­ner Kochschule zu ler­nen. 1993 kam sie zu­rück, wie Mil­lio­nen von Afro­ame­ri­ka­nern, de­ren El­tern oder Groß­el­tern einst der Apart­heid und der Ar­mut des Sü­dens ent­flo­hen wa­ren. Wäh­rend De­troit ver­fiel, blüh­te At­lan­ta auf. Bald ent­deck­ten im­mer mehr wei­ße UniAb­sol­ven­ten die Boom­town, är­me­re Schwar­ze da­ge­gen wur­den ab­ge­drängt in die Rand­ge­bie­te. „At­lan­ta ist ein Pa­ra­dox“, sagt der So­zio­lo­gie­pro­fes­sor Ro­bert Bul­lard. „Die Stadt hat die höchs­te Kon­zen­tra­ti­on von schwar­zen Mil­lio­nä­ren. Und ei­ne Kin­der­ar­mut, die noch hö­her ist als die von De­troit.“

FO­TO: DPA

Die Sky­line von At­lan­ta äh­nelt der an­de­rer ame­ri­ka­ni­scher Groß­städ­te – die Ge­schich­te da­hin­ter nicht. Im­mer mehr Men­schen strö­men in die auf­stre­ben­de Me­tro­po­le des Sü­dens, vie­le da­von Kin­der oder En­kel von Schwar­zen, die einst vor Ras­sis­mus und Ar­mut in den Nor­den ge­flo­hen wa­ren. Sie lo­cken die Chan­cen in At­lan­ta, wo Tel­ler­wä­scher-Kar­rie­ren noch mög­lich schei­nen.

FO­TO: HERR­MANN

Sonya Jo­nes ist für ih­ren Kä­se­ku­chen aus Süß­kar­tof­feln be­rühmt. Die Klein­un­ter­neh­me­rin hat zu kämp­fen, aber kla­gen kommt ihr nicht in den Sinn.

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