„Doc­tor Re­ver­end Käß­mann“ an der Uni­ver­si­tät

Rheinische Post Goch - - Weitsicht - VON FRANK VOLLMER

DÜSSELDORF Es wä­re schon fast ei­ne Über­ra­schung, wenn nicht auch At­lan­tas Geis­tes­le­ben auf die ei­ne oder an­de­re Art mit Co­ca-Co­la zu tun hät­te. So ist es auch: Dass die Haupt­stadt Geor­gi­as heu­te ei­ne Uni­ver­si­tät be­her­bergt, ist Ver­dienst des Co­ca-Co­la-Grün­ders Asa Cand­ler. 1914 such­te die me­tho­dis­ti­sche Kir­che ei­nen neu­en Stand­ort für ei­ne Hoch­schu­le, nach­dem sie das Ge­richts­ver­fah­ren um die Kon­trol­le über das Emo­ry Col­le­ge in Ox­ford, 60 Ki­lo­me­ter öst­lich von At­lan­ta, ge­gen die Van­der­bilt-Uni­ver­si­tät in Nash­ville ver­lo­ren hat­te. Cand­ler, ge­bo­ren 1851, war Mit­glied der me­tho­dis­ti­schen Kir­che. Er warb für ei­nen Um­zug Emo­rys nach At­lan­ta und hat­te da­für zwei gu­te Ar­gu­men­te: 29 Hekt­ar Land im Nor­den der Stadt – und ei­ne Mil­li­on Dol­lar. Die Ent­schei­dung soll schnell ge­fal­len sein.

An die­sem aus Fröm­mig­keit und Ka­pi­ta­lis­mus ge­bo­re­nen Ge­bil­de na­mens Emo­ry Uni­ver­si­ty ar­bei­ten fast 100 Jah­re spä­ter mehr als 12 000 Men­schen. Die in Deutsch­land Be­kann­tes­te ist ei­ne 52-jäh­ri­ge Frau, Dok­to­rin der Theo­lo­gie, Lan­des­bi­schö­fin au­ßer Di­enst der evan­ge­lisch-lu­the­ri­schen Lan­des­kir­che von Hannover und ehe­ma­li­ge Vor­sit­zen­de des Ra­tes der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land. Ihr Na­me: Mar­got Käß­mann. Sie ist En­de Au­gust für vier Mo­na­te als Gast­pro­fes­so­rin nach Emo­ry ge­gan­gen. In Deutsch­land hat­te sie Wir­bel ver­ur­sacht, als sie En­de Fe­bru­ar mit 1,54 Pro­mil­le Al­ko­hol im Blut ei­ne ro­te Am­pel in Hannover miss­ach­te­te und da­bei von der Po­li­zei er­wischt wur­de. Käß­mann trat als Rats­vor­sit­zen­de und Lan­des­bi­schö­fin zu­rück, ent­zog sich für drei Mo­na­te der Öf­fent­lich­keit, um beim Öku­me­ni­schen Kir­chen­tag in München ein tri­um­pha­les Come­back zu fei­ern – und zu­gleich ihr neu­es Buch zu be­wer­ben.

Jan Lo­ve, De­ka­nin der theo­lo­gi­schen Fa­kul­tät und ih­re Freun­din, ha­be sie drei Ta­ge nach ih­rem Rück­tritt an­ge­ru­fen, hat Käß­mann

Die An­fän­ge der Emo­ry Uni­ver­si­ty: ei­ne Mil­li­on

Dol­lar von Co­ca-Co­la

jüngst er­zählt, und nur ei­nen Satz ge­sagt: „Mar­got, jetzt ist es Zeit.“ Seit ih­rer Pro­mo­ti­on in Bochum 1989 forscht Käß­mann nun erst­mals wie­der wis­sen­schaft­lich. Emo­ry bie­tet da­für gu­te Vor­aus­set­zun­gen: Die Uni­ver­si­tät wird für ihr ex­zel­len­tes Lu­ther-Ar­chiv ge­lobt.

Käß­mann wä­re aber nicht Käß­mann, wür­de sie nicht auch ih­re Aus­zeit, mit der sie nach ei­ge­ner Aus­sa­ge Ab­stand ge­win­nen will vom Tru­bel in der Hei­mat, aus­führ­lich in den Me­di­en dar­stel­len. Meh­re­re deut­sche Zei­tun­gen und Ma­ga­zi­ne ha­ben sie schon an der neu­en Wir­kungs­stät­te be­sucht, und „Doc­tor Re­ver­end Käß­mann“, wie sie in At­lan­ta ge­nannt wird, bloggt auch flei­ßig auf der Nach­rich­ten- sei­te evan­ge­lisch.de. Un­ter dem Ti­tel „Notizen aus Über­see“ hat sie dort bei­spiels­wei­se Fo­tos von ih­ren Aus­flü­gen in die na­hen Black Moun­ta­ins on­line ge­stellt und schil­dert die oft über­wäl­ti­gen­den, manch­mal ver­wir­ren­den Ein­drü­cke aus der Neu­en Welt.

Da wä­re zu­nächst, wie so oft in Ame­ri­ka, die schie­re Grö­ße – von ei­nem En­de des Cam­pus bis zum an­de­ren sind es gut und ger­ne zwei Ki­lo­me­ter. Sie ha­be sich zu Be­ginn nur mit ei­ner Kar­te zu­recht­fin­den kön­nen, ge­steht Käß­mann. Zwi­schen ih­rem Bü­ro und dem Wohn­heim fährt sie nach ei­ge­nen An­ga­ben meist mit dem Fahr­rad – mit dem Bus nur dann, wenn es gar zu heiß sei. In den ame­ri­ka­ni­schen Au­tos frei­lich sei es ihr meis­tens zu kalt, schreibt Käß­mann. Grund ist der groß­zü­gi­ge Ein­satz von Kli­ma­an­la­gen: „Al­les wird hier tief­ge­fro­ren, ich ha­be stän­dig ei­ne Strick­ja­cke da­bei. Ich frie­re mit­ten im herr­lichs­ten Som­mer­wet­ter.“

Von ei­nem Mit­tag­es­sen mit dem ehe­ma­li­gen US-Prä­si­den­ten und Frie­dens­no­bel­preis­trä­ger Jim­my Car­ter, der selbst nach sei­ner Zeit in der Po­li­tik in Emo­ry ge­lehrt hat, be­rich­tet Käß­mann höchst be­ein­druckt – Car­ter sei „ei­nen so ganz ei­ge­nen Weg ge­gan­gen“, weil er sich von sei­ner ur­sprüng­li­chen bap­tis­ti­schen Kir­che ge­trennt ha­be, als ihm die zu kon­ser­va­tiv ge­wor­den sei. Beim Lunch, fügt Käß­mann hin­zu, ha­be Car­ter sie ge­be­ten, das Tisch­ge­bet zu hal­ten.

Dass sich Emo­ry mit so il­lus­tren Na­men wie Jim­my Car­ter schmü­cken kann, ist nicht zu­letzt Fol­ge ei­ner ex­zel­len­ten fi­nan­zi­el­len Aus­stat­tung. Denn die gu­ten Be­zie­hun­gen zu Co­caCo­la ha­ben nicht auf­ge­hört. 1979 er­hielt Emo­ry er­neut ei­ne groß­zü­gi­ge Spen­de der Kon­zern­chefs: dies­mal 105 Mil­lio­nen Dol­lar. Heu­te ver­wal­tet die Uni­ver­si­tät ein Bud­get von mehr als drei Mil­li­ar­den Dol­lar pro Jahr – Grund­la­ge für ei­nen stei­len Auf­stieg in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten. Emo­ry rühmt sich ei­nes Spit­zen­plat­zes in der Er­for­schung von HIV und Aids und in der Neu­ro­wis­sen­schaft.

Jim­my Car­ter bit­tet die deut­sche Ex-Bi­schö­fin

um ein Tisch­ge­bet

FO­TO: VI­NO WONG

Mar­got Käß­mann (52) hat bis Jah­res­en­de ei­ne Gast­pro­fes­sur für Theo­lo­gie an der Emo­ry Uni­ver­si­ty über­nom­men.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.