Kür­bis­se in al­ler Mun­de

Nicht nur zu Hal­lo­ween (31. Ok­to­ber) ist das Ge­mü­se be­gehrt: Das ehe­ma­li­ge Ar­me-Leu­te-Es­sen hat auch die Gour­met­kü­che ent­deckt. In NRW ha­ben sich ei­ni­ge Land­wir­te be­reits auf den An­bau spe­zia­li­siert.

Rheinische Post Goch - - Gesellschaft - VON STE­FAN BAR­TELS

JÜ­CHEN In Sa­chen Kür­bis macht Jo­chen Roe­len so schnell kei­ner et­was vor. Der 32-jäh­ri­ge Land­wirt aus Jü­chen be­sitzt im­mer­hin das größ­te Kür­bis-Test­feld Eu­ro­pas. Auf ei­nem Hekt­ar Flä­che hat er al­lei­ne in die­ser Sai­son 286 ver­schie­de­ne Sor­ten an­ge­pflanzt: „Wenn ei­ne neue auf­taucht, pro­bie­re ich sie aus.“ Der Grund: Von Jahr zu Jahr wer­den ver­mehrt Spei­se­kür­bis­se nach­ge­fragt, sagt Roe­len. Vie­le Fa­mi­li­en hät­ten das Ge­mü­se ent­deckt – vor al­lem für die Her­stel­lung von Ba­by­nah­rung. Der Han­del mit den oran­ge­far­be­nen Kür­bis­sen, die zu Hal­lo­ween (in der Nacht von Sonn­tag zu Mon­tag) aus­ge­höhlt vor vie­len Tü­ren leuch­ten, ha­be dem­ge­gen­über ab­ge­nom­men.

Der Spei­se­kür­bis ge­hört zum fes­ten Be­stand­teil der Frucht­fol­ge auf Ro­elens Hof, auf ins­ge­samt sechs Hekt­ar Acker­flä­che wer­den be­lieb­te Sor­ten wie zum Bei­spiel der Hok­kai­do an­ge­baut. Von An­fang Au­gust bis Mit­te De­zem­ber ist Sai­son. Wie vie­le Ex­em­pla­re er in die­sem Jahr vom Feld ge­holt hat, ver­mag Jo­chen Roe­len nur zu schät­zen: „Mehr als 100 000 wer­den es wohl ge­we­sen sein.“ Längst wird die Wa­re nicht mehr nur im Hof­la­den an­ge­bo­ten – Re­stau­rants und Groß­händ­ler zäh­len zum fes­ten Kun­den­stamm.

Dass sich der Kür­bis zu­neh­men­der Be­liebt­heit er­freut, hat auch die Agrar­markt In­for­ma­ti­ons-Gm­bH (AMI) fest­ge­stellt. Nach ih­ren An­ga­ben wur­den 2009 rund 48 000 Ton­nen Kür­bis­se auf deut­schen Äckern ge­ern­tet – das ent­spricht ei­ner Stei­ge­rung von mehr als 25 Pro­zent ge­gen­über dem Vor­jahr. Solch ho­he Wachs­tums­ra­ten sei­en im Ge­mü­se­seg­ment eher un­ge­wöhn­lich, sagt AMI-Ana­lys­tin Son­ja Il­lert.

Ei­ni­ge Bau­ern in NRW ha­ben sich mitt­ler­wei­le auf das Ni­schen­pro­dukt spe­zia­li­siert, teilt die Land­wirt­schafts­kam­mer mit. Seit Be­ginn der 90er Jah­re ha­be der An­bau des Ge­mü­ses kon­ti­nu­ier­lich zu­ge­nom­men, sagt Spre­cher Bern­hard Rüb. „Frü­her hat der Kür­bis kei­ne Rol­le ge­spielt, in­zwi­schen hat er sich aber zu ei­nem ernst­zu­neh­men­den Wirt­schafts­fak­tor ent­wi­ckelt.“ Nach Schät­zun­gen der Land­wirt­schafts­kam­mer wer­den in Nord­rhein-West­fa­len auf et­wa 500 Hekt­ar Flä­che Spei­se-und Zier­kür­bis­se kul­ti­viert.

Das Image vom Ar­me-Leu­te-Es­sen hat der Kür­bis, der frü­her oh­ne gro­ßes Zu­tun auf vie­len Mist­hau­fen wuchs, ab­ge­streift. Tei­le der Ern­te lan­den so­gar in den Kü­chen von Spit­zen­re­stau­rants. Für den Rem­schei­der Ster­ne­koch Ul­rich Held­mann ist zwar der Spar­gel noch im­mer „die Kö­ni­gin“ des Ge­mü­ses. Aber der Kür­bis ran­giert dicht da­hin­ter. „Vor ei­ni­gen Jah­ren konn­te man die Men­schen mit Kür­bis nicht be­geis­tern“, meint Held­mann. Vie­le hät­ten über­haupt nur die ein­ge­leg­te Va­ri­an­te aus dem Glas ge­kannt. Heu­te ist der Kür­bis von der Spei­se­kar­te gar nicht mehr weg­zu­den­ken. „Die Nach­fra­ge der Gäs­te ist un­wahr­schein­lich hoch“, sagt Held­mann. Die Kür­bis­sup­pe zählt in sei­ner Kü­che zu den Klas­si­kern. Pas­send zur Jah­res­zeit wird der­zeit zu­dem ein vier­gän­gi­ges Kür­bis­me­nü ser­viert. Der Ster­ne­koch schätzt vor al­lem die viel­sei­ti­ge Ver­wend- bar­keit des Ge­mü­ses – man kön­ne es ba­cken, bra­ten, ko­chen, schmor­ren oder auch Sa­la­te da­mit gar­nie­ren. Dar­über hin­aus sei der Kür­bis „ex­trem ge­sund und un­heim­lich aro­ma­tisch“. Um mög­lichst viel Aro­ma und ei­nen fes­ten Biss zu be­wah­ren, emp­fiehlt Ul­rich Held­mann ei­ne kur­ze Gar­zeit.

Jo­chen Roe­len hat die Lie­be zum Kür­bis wäh­rend sei­ner Aus­bil­dung in North Da­ko­ta, USA ent­deckt. In der ame­ri­ka­ni­schen Kü­che sei der Kür­bis das Ge­mü­se schlecht­hin, be­rich­tet der Land­wirt. Er schwört auf den Mi­kro­wel­len-Kür­bis „Sur­pri­se“, der für die schnel­le Zu­be­rei­tung ge­züch­tet wur­de. „Den neh­me ich ab und zu nach dem Fei­er­abend di­rekt vom Feld mit nach Hau­se“, sagt der Land­wirt. Der Clou: Der durch­schnitt­lich zehn Zen­ti­me­ter gro­ße, grün­lich wei­ße Kür­bis wird oben ab­ge­schnit­ten und für we­ni­ge Mi­nu­ten in der Mi­kro­wel­le er­hitzt. Vom Ge­schmack her sei das Gan­ze mit ei­ner gro­ßen Fo­li­en­kar­tof­fel ver­gleich­bar, meint Jo­chen Roe­len. Ein Snack, der mit Si­cher­heit auch der Ren­ner auf je­der Hal­lo­weenPar­ty wird.

FO­TO: ILGNER

Land­wirt Jo­chen Roe­len aus Jü­chen baut 286 ver­schie­de­ne Kür­bis­sor­ten an.

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