Deutsch­land ist Brett­spiel-Welt­meis­ter

Nir­gends wer­den so vie­le Brett­spie­le wie in Deutsch­land ge­spielt. Das sagt auch et­was über die Men­schen aus.

Rheinische Post Goch - - Spielfeld - VON ANDRE­AS BUCH­BAU­ER

Jetzt ist es schon wie­der pas­siert: Ab ins Ge­fäng­nis, zum vier­ten Mal. Wie­der­ho­lungs­tä­ter, schlim­mer Fin­ger. Viel schlim­mer aber noch ist, dass der Ru­in droht. Denn der bes­te Freund hat ei­nem ge­ra­de ei­ne hor­ren­de Sum­me ab­ge­knöpft, bloß weil man mal eben sein Ho­tel be­sucht hat. Ganz schön hart. Doch wer nicht hart ist, bleibt auf der Stre­cke. Beim Mo­no­po­lyAbend ist das Mot­to aus dem Film­klas­si­ker „High­lan­der“ un­ge­schrie­be­nes Ge­setz: „Es kann nur ei­nen ge­ben“, und auch der lan­det zwi­schen­zeit­lich mal im Knast. Den­noch muss das Spiel ein Ge­heim­nis ber­gen, ei­nen Zau­ber, der Ge­ne­ra­tio­nen von Ge­sell­schafts­spie­leFans im­mer wie­der zu dem Brett­spiel grei­fen lässt, das längst so et­was ist wie der al­te, zu­ver­läs­si­ge Damp­fer in der Flut der rund 500 jähr­li­chen Neu­er­schei­nun­gen al­lein auf dem deut­schen Spiele­markt. Jetzt fei­ert Mo­no­po­ly sei­nen 75. Ge­burts­tag.

Doch das Ge­burts­tags­ständ­chen hät­te pom­pö­ser aus­fal­len kön­nen. Zwar er­schien zum Ju­bi­lä­um mit „Mo­no­po­ly Re­vo­lu­ti­on“ ei­ne neue Ver­si­on mit run­dem Spiel­brett und elek­tro­ni­schen Sound­ef­fek­ten. Der gro­ße Plan der Fir­ma Has­bro, der die Li­zenz­rech­te am Spie­le-Klas­si­ker ge­hö­ren, ist al­ler­dings noch nicht auf­ge­gan­gen: Mo­no­po­ly als Hol­ly­wood­film auf die Ki­n­o­lein-

DSeit 1979 wird all­jähr­lich ein Spiel des Jah­res ge­kürt. Ge­ra­de die­se Spie­le ver­kau­fen sich be­son­ders gut. Wie lan­ge hält der Er­folg ei­nes Spie­les? Schwarz Im Schnitt sind Spie­le nur drei bis fünf Jah­re er­hält­lich, die „Spie­le des Jah­res“ sind aber in der Re­gel sehr viel län­ger auf dem er Spiele­markt boomt. Helmut Schwarz, 58, Di­rek­tor des Spiel­zeug­mu­se­ums Nürnberg und kom­mis­sa­ri­scher Lei­ter des dort an­säs­si­gen Deut­schen Spie­le-Ar­chi­ves, er­klärt, war­um die Deut­schen die Spie­le-Na­ti­on Num­mer 1 sind und aus wel­chen Grün­den der wach­sen­de Com­pu­ter­spie­le-Sek­tor kei­ne Ge­fahr für den Brett­spie­le-Markt ist. Markt. Der Er­folg von „Spiel des Jah­res“ ist ein Aus­druck der gro­ßen Spiel­kul­tur, die wir in Deutsch­land ha­ben. Nir­gend­wo auf der Welt wer­den so vie­le Ge­sell­schafts­spie­le ge­spielt und er­fun­den. Woran liegt das? Schwarz Bei uns neh­men Woh­nung und Fa­mi­lie ei­ne ganz an­de­re Rol­le ein als in an­de­ren Län­dern. In süd­li­chen Län­dern zum Bei­spiel spielt sich ein Groß­teil des ge­sell­schaft­li­chen Le­bens auf der Stra­ße ab. Dort trifft man sich. Wir hin­ge­gen la­den Freun­de viel öf­ter nach Hau­se ein. Tja, und dann sitzt man da und muss den Abend ir­gend­wie rum­krie­gen. Spie­le sind da ei­ne gu­te Mög­lich­keit. Frü­her wa­ren Dia­vor­trä­ge ei­ne Al­ter­na­ti­ve. Aber die sind ja nicht mehr so ge­fragt. Wie ha­ben sich Spie­le ent­wi­ckelt? Schwarz Ei­ne wich­ti­ge Zeit wa­ren die 70er Jah­re. Da hiel­ten Ge­sell­schafts­spie­le Ein­zug ins stu­den­ti­sche Mi­lieu. Zu­vor hat­ten sich Er­wach­se­ne kaum zum Spie­len ge­trof­fen, jetzt gab es über­all Spie­le- aben­de in der Wohn­ge­mein­schaft. Da­durch wur­de das Ver­ständ­nis von Spie­len ver­än­dert. Zu­gleich gibt es seit­her ei­ne viel grö­ße­re Ziel­grup­pe, die so­zu­sa­gen al­le Al­ters­klas­sen um­fasst. Vie­le der heu­ti­gen Spie­le­au­to­ren ent­stam­men zu­dem eben der Spiel­kul­tur aus den Wohn­ge­mein­schaf­ten der 70er Jah­re. Wie kam es zu die­sem ver­än­der­ten Ver­ständ­nis von Spie­len? Schwarz Das hat­te durch­aus mit den Stu­den­ten­pro­tes­ten und der Kon­sum­ver­wei­ge­rung zu tun. Spie­le för­dern die di­rek­te Kom­mu­ni­ka­ti­on. Zu­dem ver­kör­pern sie ge­leb­te De­mo­kra­tie: Für die Dau­er ei­nes Spiels ha­ben al­le die­sel­ben Rech­te, die Spiel­re­geln er­set­zen die ge­sell­schaft­li­che Re­geln. Die­ser ega­li­tä­re Cha­rak­ter von Spie­len mach­te da­mals den Reiz aus. In der Fol­ge­zeit hat sich auch der In­halt der Spie­le ver­än­dert. Ein Spiel­prin­zip kann auch durch­aus für ein Ge­sell­schafts­prin­zip ste­hen. Ein Bei­spiel, bit­te. Schwarz Neh­men wir den Klas­si­ker Mo­no­po­ly: Das Spiel­prin­zip fußt auf dem ka­pi­ta­lis­ti­schen Grund­ge­dan­ken. Seit den 70er und 80er Jah­ren gibt es auch zu­neh­mend Spie­le, die nicht das Kon­kur­renz­den­ken för­dern, son­dern ko­ope­ra­ti­ven Cha­rak­ter ha­ben. „Sau­er­baum“ von 1986 ist so ein Spiel. Hier müs­sen die Spie­ler ei­ne ge­mein­sa­me Tak­tik fin­den, um das Ziel zu er­rei­chen: den Baum vor sau­rem Re­gen zu schüt­zen. Was sa­gen Spie­le denn über die Men­schen aus, die sie spie­len? Schwarz Es gibt sehr un­ter­schied­li­che Spie­ler­ty­pen. An­ge­fan­gen bei dem, der all das spielt, was er in die Hän­de be­kommt, bis zum Spie­ler, der nur an Par­ty­spie­len im Freun­des­kreis par­ti­zi­piert. Aber es gibt na­tür­lich auch den Spie­ler, dem es we­ni­ger ums Spiel an sich, son­dern nur ums Ge­win­nen geht. Die Ver­kaufs­zah­len von Brett­spie­len sind trotz des wach­sen­den Com­pu­ter­spie­le-Mark­tes nicht rück­läu­fig. Schwarz Der Brett­spie­le-Markt ist seit Jah­ren sta­bil mit ei­ner star­ken Wachs­tums­ten­denz vor al­lem im Seg­ment Kin­der­spie­le. Der Com­pu­ter­spie­le-Markt ist eher da­ne­ben ent­stan­den, und nicht als di­rek­te Kon­kur­renz. Das zei­gen nicht nur die Ver­kaufs­zah­len, son­dern auch die Be­su­cher­zah­len bei­spiels­wei­se bei den Spiel­eta­gen in Es­sen. Da ka­men dies­mal 160 000 In­ter­es­sier­te, um sich über die neu­es­ten Spie­le zu in­for­mie­ren.

Andre­as Buch­bau­er führ­te das In­ter­view.

FO­TO: HAS­BRO

Das Mo­no­po­ly-Spiel­feld in sei­ner klas­si­schen Aus­füh­rung. Welt­weit wird heut­zu­ta­ge mit dem Mo­no­po­ly-Dol­lar ge­zahlt. Ein­zi­ge Aus­nah­me: die USA.

FO­TO: PRI­VAT

Helmut Schwarz ist kom­mis­sa­ri­scher Lei­ter des Deut­schen Spie­le­ar­chivs in Nürnberg.

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