Zu Hau­se in der Frem­de

Rheinische Post Goch - - NORDRHEIN-WESTFALEN -

Oh­ne Hei­mat sein, heißt lei­den, be­fand der rus­si­sche Groß­dich­ter Fjo­dor Dos­to­je­w­ski. Wie wahr die­se Er­kennt­nis ist, zeigt das Elend der Flücht­lin­ge, die ihr Zu­hau­se ver­las­sen und in ei­ne un­ge­wis­se Zu­kunft mar­schie­ren. Ih­re Hei­mat kann ih­nen we­der Ge­bor­gen­heit noch Zuflucht bie­ten. So wer­den die Flücht­lin­ge vor­über­ge­hend zu Hei­mat­lo­sen, Ent­wur­zel­ten. Vor­über­ge­hend, weil auch die Frem­de ir­gend­wann zu ei­ner Hei­mat wer­den kann. Es kommt nur auf das Ver­hält­nis an, das man da­zu auf­zu­bau­en in der La­ge ist.

Was zu der Fra­ge führt, was Hei­mat heu­te über­haupt ist. Für je­den et­was an­de­res, muss die Ant­wort wohl lau­ten: ein Ge­fühl, ein Ge­ruch, ein Ge­schmack, für man­che Men- schen si­cher auch ein un­ver­wech­sel­ba­rer Ort, ei­ne cha­rak­te­ris­ti­sche Land­schaft oder nur ein ver­trau­tes Zim­mer. Oft ist es Spra­che, an der sich hei­mi­sche Emp­fin­dun­gen fest­ma­chen, noch häu­fi­ger si­cher­lich die Men­schen, mit de­nen man sich um­gibt, Fa­mi­lie, Freun­de, Part­ner, Kol­le­gen.

Wis­sen­schaft­lich be­legt ist, dass Hei­mat sich in die Sy­nap­sen des Ge­hirns ein­brennt, un­wie­der­bring­li­che phy­sio­lo­gi­sche Spu­ren hin­ter­lässt, so­ge­nann­te En­gram­me. Sie sind so­zu­sa­gen die Brand­zei­chen, die den Men­schen auf ewig mit sei­nen Wur­zeln ver­bin­den. Da­bei gilt: Je mehr po­si­ti­ve Er­fah­run­gen der Mensch emo­tio­nal ver­knüp­fen kann, des­to eher wird er sich hei­misch füh­len. Hei­mat ist al­so nichts an­de­res als ei­ne po­si­ti­ve Prä­gung – was sich wie­der­um nicht auf ei­nen Ort be- schrän­ken muss. In Zei­ten ei­ner glo­ba­li­sier­ten Welt mag der Ein­zel­ne al­so ver­schie­de­ne Hei­ma­ten ne­ben­ein­an­der ha­ben.

In­so­fern be­steht ei­ne gu­te Chan­ce, auch in der Frem­de hei­misch zu wer­den. Selbst wenn der Mensch in der Fer­ne zu­nächst der Hei­mat oft be­son­ders nah ist, weil er in der Ab­gren­zung den Ver­lust deut­lich spürt. Aber es liegt an uns, die­se Gren­zen durch po­si­ti­ve Er­fah­run­gen ab­zu­bau­en, so­zu­sa­gen neue Spu­ren in die Ge­hir­ne ein­zu­bren­nen, der Fer­ne das Frem­de zu neh­men. Das muss man sich ver­ge­gen­wär­ti­gen, wenn man die Si­tua­ti­on der Flücht­lin­ge be­trach­tet – wir ha­ben die Chan­ce, un­se­re Hei­mat auch zu der ih­ri­gen zu ma­chen. Das Schö­ne dar­an: Un­se­re Hei­mat geht da­bei nicht ver­lo­ren, son­dern wird um neue Vor­stel­lun­gen, Ide­en, Visionen be­rei­chert. Wohl nie war Hei­mat of­fe­ner und viel­fäl­ti­ger als heu­te. Jörg Isringhaus

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