Pu­tins raffinierter Sy­ri­en-Kreuz­zug

Rheinische Post Goch - - POLITIK - VON KLAUS-HEL­GE DO­NATH

Der Kreml-Chef will mit dem Mi­li­tär­ein­satz vor al­lem der rus­si­schen Be­völ­ke­rung im­po­nie­ren. Der Aus­flug in den Na­hen Os­ten ist ein will­kom­me­ner An­lass, um von gro­ßen wirt­schaft­li­chen Schwie­rig­kei­ten ab­zu­len­ken.

MOSKAU Wla­di­mir Pu­tin ist ein Meis­ter der Selbst­dar­stel­lung. Was er auch an­packt, es ge­lingt. Zu Hau­se bleibt er un­an­ge­foch­ten die Num­mer eins, selbst im Wes­ten wird er von vie­len be­wun­dert. Jetzt tritt er auch noch in Sy­ri­en den Sie­ges­zug an. Ent­schlos­sen, skru­pel­los – so wie es die Mehr­heit der Rus­sen von ih­rem Prä­si­den­ten auch er­war­tet.

Dass er in Sy­ri­en in Win­des­ei­le Mi­li­tär­stütz­punk­te aus dem Bo­den stampf­te und den zau­dern­den Ame­ri­ka­nern riet, Kampf­jets auf dem Bo­den zu hal­ten, kommt da­heim bes­tens an. Pu­tins sy­ri­sche In­ter­ven­ti­on ist denn auch vor al­lem fürs hei­mi­sche Pu­bli­kum ge­dacht. Der Kreml-Chef ist ein ta­len­tier­ter Il­lu­si­ons­künst­ler, dem es ge­lang, den Bür­gern Glau­ben und Stolz an Russ­lands welt­be­herr­schen­de Rol­le zu­rück­zu­ge­ben, so, als stün­de das Su­per­macht-Re­vi­val un­mit­tel­bar be­vor. Da­bei steht es um Moskau gar nicht zum Bes­ten. In den 16 Jah­ren Pu­tin-Herr­schaft ist Russ­lands Ab­hän­gig­keit vom Roh­stoff­sek­tor noch ein­mal um die Hälf­te ge­wach­sen. Als Mo­der­ni­sie­rer des Rei­ches tat sich der Kreml-Chef nicht her­vor. Viel­mehr re­agiert das Moskau Pu­tins mit dem En­ga­ge­ment in Sy­ri­en wie des­sen kom­mu­nis­ti­sche und za­ris­ti­sche Vor­gän­ger. Auch sie ver­such­ten, in­ne­re Kri­sen durch ter­ri­to­ria­le Aus­deh­nung, Mi­li­ta­ris­mus, er­höh­te Roh­stoff­aus­beu­tung, sprich: durch ex­ten­si­ves Wirt­schaf­ten zu meis­tern.

Der Aus­flug in den Na­hen Os­ten ist ein will­kom­me­ner An­lass, von wirt­schaft­li­chen Schwie­rig­kei­ten ab­zu­len­ken. Schon sieht es so aus, als müss­te der fi­nanz­klam­me Staat schmerz­haf­te Ein­grif­fe in die Ren­ten­kas­se vor­neh­men. Die äl­te­re Ge­ne­ra­ti­on ist Pu­tins treu­es­te Wäh­ler­schaft. Al­ler­dings ist er ge­gen Tri­via­li­tä­ten des Le­bens auch ge­feit. Die Bür­ger er­war­ten von ihm kei­ne Kärr­ner­ar­beit am Bo­den. Er ist für das Gro­ße und Gan­ze, Russ­lands zi­vi­li­sa­to­ri­sche Mis­si­on zu­stän­dig, zu­mal ter­ri­to­ria­ler Zu­ge­winn und Sta­tus­ge­winn auch Ein­brü­che des Le­bens­stan­dards kom­pen­sie­ren hel­fen, wie das rus­si­sche Vor­rü­cken in der Ukrai­ne zeig­te.

Die mi­li­tä­ri­sche Nie­der­la­ge und der Sturz des sy­ri­schen Staats­chefs Ba­schar al As­sad wür­de Moskau als ei­ne vom Wes­ten ein­ge­fä­del­te Er­nied­ri­gung emp­fin­den. Dem galt die Sta­tio­nie­rung rus­si­scher Flug­ab­wehr­ra­ke­ten­sys­te­me An­fang Sep­tem­ber, die ein wei­te­res Vor­rü­cken ge­mä­ßig­ter Geg­ner des As­sad-Re­gimes un­ter­bin­den soll­te. Moskau be­grün­de­te die In­ter­ven­ti­on mit dem Kampf ge­gen den „Is­la­mi­schen Staat“(IS), doch ver­fü­gen die IS-Re­bel­len über gar kein Flug­ge­rät.

Die Aus­ein­an­der­set­zung mit den Got­tes­krie­gern scheint eher zweit­ran­gig zu sein, auch wenn Russ­land den IS kurz vor den ers­ten Luft­schlä­gen noch als Haupt­grund nann­te, wo­mit Pu­tin auch die rus­sisch-or­tho­do­xe Kir­che hin­ter sich weiß. West­li­che und op­po­si­tio­nel­le sy­ri­sche Qu­el­len ge­hen da­von aus, dass die ers­ten Luft­an­grif­fe nicht dem IS, son­dern der ge­mä­ßig­ten Op­po­si­ti­on gal­ten. Soll­te das der Fall sein, wächst das Ri­si­ko ei­ner Kon­fron­ta­ti­on mit der west­li­chen Ko­ali­ti­on. Pu­tin scheint sich sei­ner Mis­si­on je- doch si­cher zu sein, wenn er es nicht ein­mal fürs Pro­to­koll für nö­tig hielt, zu­nächst den IS ins Vi­sier zu neh­men. Er scheint sich auch des­we­gen si­cher zu sein, weil sich die USA mit dem Ver­bleib As­sads für ei­ne nicht nä­her be­grenz­te Über­gangs­zeit be­reits ab­ge­fun­den ha­ben.

Pu­tin ist kein Stra­te­ge, je­doch ein ge­wief­ter Tak­ti­ker, der den Wes­ten vor sich her­treibt. Klar ist, dass der Kreml-Chef an ei­ner Ko­ali­ti­on mit dem Iran bas­telt. Kä­me die zu­stan­de, wä­re die Kräf­te­ver­tei­lung im Na­hen Os­ten ver­scho­ben. Moskau hät­te nicht nur ei­ne An­nä­he­rung Te­he­rans an die USA ver­ei­telt, son­dern in der Re­gi­on auch ein Ge­gen­ge­wicht zur Ach­se der USA mit Sau­di-Ara­bi­en ge­schaf­fen. Wla­di­mir Pu­tin ist wie sei­ne En­tou­ra­ge be­ses­sen von der Über­macht der USA. Viel­leicht über­sieht er da­her Ri­si­ken, die im Bünd­nis mit Te­he­ran und Bag­dad lau­ern. Sei­ne Po­si­ti­on der Stär­ke täuscht – sie ist das Re­sul­tat per­ma­nen­ten Foul­spiels.

FO­TO: REU­TERS

Bil­der des rus­si­schen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums sol­len die prä­zi­sen Luft­schlä­ge in Sy­ri­en ge­gen Stel­lun­gen des „Is­la­mi­schen Staats“zei­gen. Die hier an­ge­grif­fe­nen Zie­le blei­ben aber un­klar.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.