Ab­bas-Re­de schürt Sor­ge vor Re­vol­te der Pa­läs­ti­nen­ser

Rheinische Post Goch - - POLITIK - VON SUSANNE KNAUL

Auf die flam­men­de UN-Re­de von Pa­läs­ti­nen­ser-Prä­si­dent Mahmud Ab­bas folgt das gro­ße Rät­sel­ra­ten. Was wird sich nach der er­klär­ten Auf­kün­di­gung der Frie­dens­ver­trä­ge mit Is­ra­el prak­tisch än­dern? Ei­ne Auf­lö­sung der Au­to­no­mie­be­hör­de folgt wohl nicht. Be­fürch­tet wird aber neue Ge­walt.

JERUSALEM Ei­nen Tag nach sei­ner auf­se­hen­er­re­gen­den Re­de vor den Ver­ein­ten Na­tio­nen wächst der Druck auf Pa­läs­ti­nen­ser­prä­si­dent Mahmud Ab­bas, sei­ne War­nung, dass die Pa­läs­ti­nen­ser den Os­lo­er Frie­dens­ver­ein­ba­run­gen nicht län­ger ver­pflich­tet sei­en, kon­kret um­zu­set­zen. „Es geht nicht dar­um, die Pa­läs­ti­nen­si­sche Au­to­no­mie­be­hör­de auf­zu­lö­sen“, sag­te die Po­li­to­lo­gin Am­neh Ba­dran von der Uni­ver­si­tät Al-Kuds in Ost-Jerusalem ges­tern un­se­rer Re­dak­ti­on. Al­ler­dings wer­de die Füh­rung in Ramallah nicht um­hin kom­men, „Tei­le der Os­lo­er Ver­ein­ba­run­gen aus­zu­set­zen“. Ab­bas hat­te am Vor­abend in New York Is­ra­els fort­ge­setz­ten Sied­lungs­bau und die „erns­te Ge­fahr“kri­ti­siert, die von ex­tre­mis­ti­schen Grup­pen „un­ter dem Schutz is­rae­li­scher Be­sat­zungs­trup­pen“auf dem Tem­pel­berg aus­ge­he.

„Ab­bas ist kein Mann, der schnell agiert“, mein­te Ba­dran. Die Re­de sei ein Hil­fe­ruf an die in­ter­na­tio­na­le Ge­mein­schaft, mit dem er ver­su­che, „die Pa­läs­ti­nen­ser, die über Sy­ri­en und Iran in den Hin­ter­grund ge­rie­ten, der Welt er­neut ins Be­wusst­sein zu ru­fen“. Die­ser Hil­fe­ruf sei ernst zu neh­men, denn Ab­bas bü­ße in­nen­po­li­tisch an Le­gi­ti­mi­tät ein, wenn er sei­ne War­nung nicht um­set­ze. „Wir kön­nen nicht für Is­ra­els Si­cher­heit sor­gen, wenn es po­li­tisch kei­nen Fort­schritt gibt“, re­sü­mier­te die Po­li­to­lo­gin, die ei­ne even­tu­el­le Rück­kehr der is­rae­li­schen Sol­da­ten nach Ramallah, Beth­le­hem und Nab­lus nicht schreckt. Zu­min­dest wä­re da­mit klar, dass „Is­ra­el ei­ne Be­sat­zungs­macht ist“. Mehr als 20 Jah­re ha­be die in­ter­na­tio­na­le Ge­mein­schaft in das Pro­jekt der Zwei-Staa- ten-Lö­sung in­ves­tiert und müs­se sich über­le­gen, „ob sie ta­ten­los zu­se­hen will, wenn die Trup­pen zu­rück­kom­men“.

So­lan­ge Is­ra­el sich wei­ge­re, den Sied­lungs­bau ein­zu­stel­len und die ver­ein­bar­te Am­nes­tie pa­läs­ti­nen­si­scher Häft­lin­ge um­zu­set­zen, so hat­te Ab­bas ge­warnt, blei­be den Pa­läs­ti­nen­sern kei­ne Wahl, als „dar­auf zu be­ste­hen, dass wir nicht die ein­zi­gen sind, die die Ab­kom­men ein­hal­ten“. Kern­punkt der vor 22 Jah­ren in Oslo un­ter­zeich­ne­ten Prin­zi­pi­en­er­klä­run­gen ist die Si­cher­heits­ko­ope­ra­ti­on mit Is­ra­el. Seit Be­ginn der pa­läs­ti­nen­si­schen Spal­tung und den bru­ta­len Kämp­fen zwi­schen Ha­mas und Fa­tah im Ga­za-Strei­fen in­ten­si­vier­ten die Si­cher­heits­kräf­te der Au­to­no­mie­be­hör­de die Zu­sam­men­ar­beit mit der is­rae­li­schen Ar­mee ge­gen den ge­mein­sa­men is­la­mis­ti­schen Feind im West­jor­dan­land.

Im ver­gan­ge­nen März ent­schied der Zen­tral­rat der Pa­läs­ti­nen­si­schen Be­frei­ungs­or­ga­ni­sa­ti­on, die Si­cher­heits­ko­ope­ra­ti­on zu be­en­den. Ab­bas be­ton­te nun, dass die­se Ent­schei­dung bin­dend sei.

Die ver­an­schlag­ten 175.000 pa­läs­ti­nen­si­schen Si­cher­heits­an­ge­hö­ri­gen, von de­nen et­wa ein Drit­tel im Ga­za-Strei­fen lebt, sind mit Ab­stand der kos­ten­in­ten­sivs­te Pos­ten für das Bud­get der Au­to­no­mie­be­hör­de. Ein Teil der Ge­häl­ter wird aus den Steu­er­ein­nah­men be­gli­chen, die Is­ra­el für die Pa­läs­ti­nen­ser ein­zieht, den Rest fi­nan­zie­ren Spen­der­na­tio­nen. Soll­te Ab­bas die Ko­ope­ra­ti­on ein­stel­len, setzt er bei­de Fi­nanz­quel­len aufs Spiel und da­mit die Exis­tenz der Be­hör­de, die sämt­li­che Zi­vil­an­ge­le­gen­hei­ten der pa­läs­ti­nen­si­schen Be­völ­ke­rung re­gelt.

Als „Schrei aus Ver­zweif­lung“hat Avi Pri­mor, der ehe­ma­li­ge is­rae­li­sche Bot­schaf­ter in Deutsch­land, die Auf­kün­di­gung des Frie­dens­pro­zes­ses be­zeich­net. „Aber ich glau­be nicht, dass Ab­bas wirk­lich die Ab­sicht hat, die Pa­läs­ti­nen­si­sche Au­to­no­mie auf­zu­ge­ben“, stell­te auch Pri­mor fest. Aus sei­ner Sicht fürch­tet Ab­bas die schwin­den­de Po­pu­la­ri­tät: „Die Ju­gend un­ter den Pa­läs­ti­nen­sern will ei­nen neu­en Auf­stand, will ei­ne neue In­ti­fa­da ha­ben. Er ist sehr un­ter Druck.“Wäh­rend Is­ra­els Mi­nis­ter­prä­si­dent Ben­ja­min Ne­tan­ja­hu die Re­de von Ab­bas als dop­pel­zün­gig be­zeich­ne­te, er­mu­tig­te Op­po­si­ti­ons­po­li­ti­ker Avigdor Lie­ber­man den Pa­läs­ti­ne­ner-Chef gleich zum Rück­tritt: „Je frü­her er sei­nen Pos­ten ver­lässt, des­to bes­ser.“

Das Nah­ost-Quar­tett, be­ste­hend aus den UN, den USA, der Eu­ro­päi­schen Uni­on und Russ­land, re­agier­te rasch und will, wie die EU-Au­ßen­be­auf­trag­te Fe­de­ri­ca Mo­g­her­i­ni mit­teil­te, die Ar­beit um­ge­hend wie­der auf­neh­men. Das Quar­tett soll sich da­bei auf „kon­kre­te Schrit­te vor Ort“kon­zen­trie­ren, um si­cher­zu­stel­len, dass bei­de Kon­flikt­par­tei­en ih­ren Frie­dens­ver­pflich­tun­gen nach­kom­men. Ta­ten­lo­sig­keit könn­te zu ei­ner „be­deu­ten­den Qu­el­le der Ra­di­ka­li­sie­rung nicht nur in der Re­gi­on son­dern welt­weit wer­den“, warn­te Mo­g­her­i­ni. Ei­ner Um­fra­ge des Pa­läs­ti­nen­si­schen Zen­trums für Po­li­tik­for­schung in Ramallah zu­fol­ge steigt die Ge­walt­be­reit­schaft un­ter den Pa­läs­ti­nen­sern: 57 Pro­zent un­ter­stüt­zen dem­nach ei­ne Re­vol­te. Vor drei Mo­na­ten wa­ren es 49 Pro­zent.

Am Abend nach der Re­de von Ab­bas weh­te zum ers­ten Mal die pa­läs­ti­nen­si­sche Flag­ge vor dem UN-Ge­bäu­de. Bis zum Be­ginn der Frie­dens­pro­zes­se droh­te Pa­läs­ti­nen­sern Haft, wenn sie sie zeig­ten. „Hisst die Flag­ge Pa­läs­ti­nas ganz hoch“, sag­te Ab­bas bei der his­to­ri­schen Ze­re­mo­nie. „Sie ist ein Sym­bol der pa­läs­ti­nen­si­schen Iden­ti­tät.“

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.