Smart­pho­ne wirkt wie Dro­ge auf Kin­der

Rheinische Post Goch - - PANORAMA - VON PHIL­IPP STEM­PEL

DÜSSELDORF Smart­pho­nes set­zen Kin­der un­ter Stress. Das geht aus ei­ner Stu­die von For­schern her­vor. Je­der Vier­te der be­frag­ten Acht- bis 14-Jäh­ri­gen gab an, sich durch die per­ma­nen­te Kom­mu­ni­ka­ti­on über Mes­sen­ger-Di­ens­te wie WhatsApp ge­stresst zu füh­len. Fast je­der zehn­te jun­ge Smart­pho­ne-Be­sit­zer nutzt sein Ge­rät der­art ex­zes­siv, dass er als sucht­ge­fähr­det gilt. „Es ist fast ein Teil des Kör­pers ge­wor­den“, sagt Me­di­en­for­scher Pe­ter Vor­de­rer, der ges­tern im Auf­trag der Lan­des­me­di­en­an­stalt NRW ei­ne re­prä­sen­ta­ti­ve Stu­die zur Nut­zung von Smart­pho­nes bei Kin­dern und Ju­gend­li­chen vor­ge­legt hat. Die Er­geb­nis­se zei­gen auf, wie ein noch jun­ges Ge­rät un­ser Zu­sam­men­le­ben mas­siv ver­än­dert.

Bei den Acht- bis 14-Jäh­ri­gen be­sitzt be­reits je­der Drit­te ein Smart­pho­ne und steht über das In­ter­net im dau­er­haf­ten Kon­takt mit sei­nen Freun­den, nutzt es zum Spie­len und Mu­sik­hö­ren. In der Teil­grup­pe der 13- und 14-Jäh­ri­gen be­trägt der An­teil be­reits 86 Pro­zent.

Vor al­lem die Ra­s­anz der Ent­wick­lung be­ein­druckt Vor­de­rer. „In­ner­halb we­ni­ger Jah­re hat es ei­nen wahn­sin­ni­gen Schub ge­ge­ben“, sagt er. Das Smart­pho­ne ha­be in­zwi­schen al­le Le­bens­be­rei­che er­fasst. Selbst beim ro­man­ti­schen Din­ner lie­ge das Ge­rät auf dem Tisch, man­che neh­men das Smart­pho­ne mit ins Bett, mor­gens ist es der ers­te Ge­gen­stand, mit dem sich sein Be­sit­zer be­fasst.

Die Da­ten aus der Stu­die ha­ben vor die­sem Hin­ter­grund be­un­ru­hi­gen­de Kraft. Acht Pro­zent der Kin­der stuft sie als sucht­ge­fähr­det ein, 21 Pro­zent nut­zen das Han­dy ex­zes­siv. Mit 500 Schü­lern führ­ten die For­scher In­ter­views. Die Er­geb­nis­se wei­sen dar­auf hin, dass in­zwi­schen eher das Smart­pho­ne die Kin­der kon­trol­liert und nicht um­ge­kehrt. Je­der Zwei­te räum­te ein, dass er der An­zie­hungs­kraft des Han­dys nicht wi­der­ste­hen kann, et­wa bei Haus­auf­ga­ben. Je­der Vier­te emp­fin­det Stress durch Dau­er­prä­senz und stän­di­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­druck durch Mes­sen­ger­diens­te, ins­be­son­de­re Whatsapp. Je­der Fünf­te klagt über schu­li­sche Pro­ble­me we­gen zu in­ten­si­ver Han­dy-Nut­zung. Je­der Sieb­te (15 Pro­zent) be­män­gelt, dass er zu sel­ten Freun­de trifft. Et­wa je­der Zehn­te hat Er­fah­run­gen mit sozialer Aus­gren­zung ge­macht.

„Das Smart­pho­ne hat ei­ne wahn­sin­ni­ge An­zie­hungs­kraft, der sich nur schwer wi­der­ste­hen lässt“, er­läu­tert Vor­de­rer. Erst­mals las­se sich in So­fort­zeit das mensch­li­che Be­dürf­nis nach sozialer Be­stä­ti­gung und Zu­ge­hö­rig­keit er­fül­len. Im Um­kehr­schluss be­deu­tet das für Ju­gend­li­che: Wer nicht bei Whatsapp da­bei ist und chat­tet, ver­liert den An­schluss und ge­hört nicht mehr da­zu. „FoMO“heißt das in Fach­krei­sen, „Fe­ar of Mis­sing Out“. Die Angst, aus­ge­sto­ßen zu wer­den, ist in den Au­gen der Wis­sen­schaft­ler der wich­tigs­te An­trieb für Ju­gend­li­che, ih­re Frei­zeit fast aus­schließ­lich mit dem Han­dy zu ver­brin­gen. „Whatsapp-Grup­pen sind für Ju­gend­li­che ex­trem wich­tig. Mit ih­nen geht aber auch der Druck ein­her, so­fort re­agie­ren zu müs­sen“, sagt Vor­de­rer.

El­tern stellt die­se Ent­wick­lung vor ganz neue Her­aus­for­de­run­gen. Vie­le Er­wach­se­ne un­ter­schät­zen aber die Ge­fah­ren für die Kin­der, sind mit den Smart­pho­nes tech­nisch über­for­dert. Die Fol­ge sei­en das Ge­fühl von Macht­lo­sig­keit und Kon­troll­ver­lust. Er­schwe­rend kom­me hin­zu, dass sie den Zu­gang zu ih­ren Kin­dern zu ver­lie­ren dro­hen, „weil sie nicht mehr mit­be­kom­men, wo­mit sich der Nach­wuchs be­schäf­tigt“, so der Ex­per­te.

Gleich­zei­tig be­to­nen die For­scher aber auch die Chan­cen und Vor­tei­le im fa­mi­liä­ren All­tag. Es er­leich­te­re Ab­spra­chen und Kom­mu­ni­ka­ti­on, kön­ne Men­schen durch Vi­de­os oder Spie­le zu­sam­men­brin­gen. Fa­mi­li­en im Jahr 2015 stün­den da­mit vor ei­ner gro­ßen so­zia­len Her­aus­for­de­rung: „Sie müs­sen neue Ver­hal­tens­stan­dards aus­han­deln“, so Vor­de­rer.

FO­TO: THINKSTOCK

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.