JUN­GE KÜNST­LER IM RHEIN­LAND (4) Gro­ße Kunst in Ne­ga­ti­ven

Rheinische Post Goch - - KULTUR - VON BER­TRAM MÜL­LER

Der Düs­sel­dor­fer Se­bas­ti­an Rie­mer ver­än­dert Bil­der be­rühm­ter Künst­ler so, dass sie dem Be­trach­ter be­kannt vor­kom­men und zu­gleich et­was Un­er­war­te­tes bie­ten. Wich­tig ist ihm, dass sei­ne Fo­to­gra­fi­en kei­ne Bot­schaft ver­mit­teln.

DÜSSELDORF Se­bas­ti­an Rie­mer kann aus al­lem et­was ma­chen. Gleich­gül­tig, ob er auf ei­nem Trö­del­markt ei­ne se­pia­far­be­ne Fo­to­gra­fie er­stan­den hat und sie schwarz-weiß ins Groß­for­mat setzt oder ei­ne Re­pro­duk­ti­on des wand­fül­len­den Ge­mäl­des von Jack­son Pol­lock aus der Kunst­samm­lung NRW ver­frem­det – per­fekt ist je­des Stück, das sein Ate­lier ver­lässt. Als Meis­ter­schü­ler von Tho­mas Ruff hat er an der Düs­sel­dor­fer Aka­de­mie auch ver­in­ner­licht, dass die Hand­schrift des Fo­to­gra­fie­künst­lers vor dem fer­ti­gen Bild liegt: im Pro­zess, der dort­hin führt.

Rie­mers Aka­de­mie­brief, sein Ab­schluss, ist nun be­reits fünf Jah­re alt. Erst seit ei­nem Jahr aber kon­zen­triert der Künst­ler sich ganz auf sei­ne Kunst. Zu­vor hat­te er sich fi­nan­zi­ell mit kunst­na­hen Jobs über Was­ser ge­hal­ten: als Re­pro­graf für Ma­ler, als Füh­rer in der Kunst­samm­lung NRW oder als Be­treu­er ei­ner mi­nis­te­ria­len Samm­lung. Schon seit 2004 prä­sen­tiert er sei­ne Wer­ke in Aus­stel­lun­gen. In Düsseldorf lässt er sich von Se­tareh ver­tre­ten, in Pa­ris von der Ga­le­rie Dix9.

Wir tref­fen Rie­mer in sei­nem Ate­lier zu ei­nem Zeit­punkt, da ei­ni­ge der Bil­der an der Wand hän­gen, die an­schlie­ßend im Es­se­ner Kunst­raum „Bau­stel­le Schau­stel­le“zu se­hen sein wer­den. Man glaubt, die Mo­ti­ve zu ken­nen und ist doch ver­stört. Denn sie sind durch ei­nen Kunst­griff ver­frem­det: Rie­mer hat sie fo­to­gra­fisch ins Ne­ga­tiv ver­kehrt. Die Ma­rio­net­ten­men­schen von Os­kar Schlem­mer schei­nen al­so in an­de­ren Far­ben auf. In den Schwar­zweiß-Bil­dern ist hell, was im Ori­gi­nal dun­kel ist, und um­ge­kehrt. Ein ge­wen­de­ter Kand­ins­ky sieht dann Rie­mer zu­fol­ge aus „wie ei­ne Eis­die­le aus den 80ern“. Der Pol­lock aus der Kunst­samm­lung NRW, den er in die­sem Jahr im „Park­haus“des Düs­sel­dor­fer Mal­kas­tens zeig­te, be­kommt als Ne­ga­tiv eben­falls ei­ne an­de­re Gestalt. Auch Cas­par Da­vid Fried­richs „Wan­de­rer über dem Ne­bel­meer“wirkt in sei­ner Be­kannt­heit selt­sam fremd.

Die Idee zu sol­cher Ve­rän­de­rung kam dem Künst­ler in Moskau, als er vor Ma­le­witschs be­rühm­tem „Schwar­zen Qua­drat“stand. Was wä­re, wenn man das um­dreht, frag­te er sich. Und was ist, wenn das Un­er­war­te­te wo­mög­lich als rich­tig er­scheint? Was Rie­mer beim Be­trach­ter be­wir­ken will, ist dies: Er kommt mit sei­nem „mind pa­lace“, sei­ner See­le und sei­nem Geist, und er­blickt et­was an­de­res als das, was ihn die Er­fah­rung lehrt. Was ist das Au­then­ti­sche in ei­ner Zeit zu­neh­men­der Un­si­cher­heit, in der man das meis­te le­dig­lich durch me­dia­le Ver­mitt­lung kennt? Dar­an sol­len die Be­trach­ter den­ken, wenn sie den üb­li­cher­wei­se hel­len Schlem­mer auf ein­mal als düs­te­res Trau­er­bild er­le­ben. Bot­schaf­ten sind in die­sen Bil­dern nicht ent­hal­ten.

Im Fal­le der Ne­ga­tiv­bil­der hat Rie­mer in Se­rie ge­ar­bei­tet, doch im Prin­zip ist das nicht sei­ne Ar­beits­wei­se: „Für mich ist es nichts, ein The­ma zu fin­den und das dann durch­zu­nu­deln.“Die Wän­de sei­nes Ate­liers zeu­gen denn auch da­von, dass er zwar Se­ri­en her­stellt, aber auch wie­der neue We­ge be­tritt. Rie­mer hat mit Hil­fe sei­nes Smart­pho­nes und ei­nes ein­fa­chen op­ti­schen Ge­räts ver­gilb­te Por­träts fo­to­gra­fiert und dar­aus Po­la­ro­ids ge­macht. Ja, so et­was gibt es noch – dank ei­nes nie­der­län­di­schen Un­ter­neh­mens. Da rei­hen sich nun die­se im 21. Jahr­hun­dert ent­stan­de­nen Po­la­ro­ids von Men­schen an­ein­an­der, die längst tot sind – er­neut ei­ne Ir­ri­ta­ti­on, wie Rie­mer be­ab­sich­tigt, dies­mal durch die zeit­li­che Di­men­si­on ei­ne dop­pel­te.

„Ein Teil mei­ner Ar­beit ist die Maß­stab­ver­schie­bung“, sagt Rie- mer. Das gilt auch für die­je­ni­gen sei­ner Fo­to­gra­fi­en, die aus Pres­se­fo­tos der 20er bis 50er Jah­re her­vor­ge­gan­gen sind. Da­mals wur­den Zei­tungs­fo­tos durch mal­tech­ni­sche Ein­grif­fe nach­be­ar­bei­tet, ähn­lich wie im di­gi­ta­len Zeit­al­ter durch Pro­gram­me wie Pho­to­shop. Fo­tos wur­den auf die­se Wei­se „nach­ge­schärft“, teil­wei­se auch in ih­ren Mo­ti­ven ver­än­dert. Un­ter Rie­mers Hän­den ent­steht dar­aus er­neut et­was an­de­res.

„Die Din­ge müs­sen hun­dert­pro­zen­tig sit­zen“, sagt er. Und das tun sie. Das Kunst­mu­se­um Bonn und das Mu­se­um Kunst­pa­last in Düsseldorf ha­ben be­reits Ar­bei­ten von ihm er­wor­ben, und Ga­le­ri­en schei­nen sei­ne Kunst aus der Span­ne zwi­schen 200 und 25.000 Eu­ro gut zu ver­kau­fen. An­ge­fan­gen hat­te er vor dem Stu­di­um denk­bar be­schei­den: „Ich hat­te Fo­tos ge­macht und zu ,dm’ ge­bracht.“

FO­TO: ANDRE­AS BRETZ

Se­bas­ti­an Rie­mer im Ate­lier. Die Vor­la­ge des Bil­des links hin­ter ihm ist ein Ge­mäl­de von Os­kar Schlem­mer, das er farb­lich ins Ne­ga­ti­ve ver­kehrt hat.

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