Mit Zug­sei­len ins Gleich­ge­wicht

Rheinische Post Goch - - KREIS KLEVE – REGIONAL -

nichts an­ha­ben. Der Kern aber war beim Wie­der­auf­bau mit Zie­geln und Mör­tel ver­füllt wor­den. So­gar Holz­stück­chen ha­ben die Mit­ar­bei­ter der Dom­bau­hüt­te ge­fun­den. Seit Jahr­zehn­ten hat sich Was­ser dort sei­nen Weg ge­gra­ben. Was­ser, das im Win­ter ge­friert und dann aus Gips und Tei­len des Port­land­ze­ments Kris­tal­le ge­bil­det hat. Die­se führ­ten da­zu, dass die Ris­se im­mer grö­ßer wur­den, sich der Druck nach au­ßen ver­stärk­te.

Das we­sent­li­che Pro­blem aber: „Der Kern und die Bas­alt­stei­ne müs­sen mit Ei­sen­stä­ben ver­an­kert sein“, sagt Schu­bert. „Die St­ei­ne wa­ren auch mit den ent­spre­chen­den Lö­chern an­ge­lie­fert und ver­baut wor­den – oh­ne die An­ker.“Die Lö­cher wa­ren beim Wie­der­auf­bau nach dem Zwei­ten Welt­krieg nur zu­ge­schmiert wor­den. Ob aus Geld­man­gel oder Un­kennt­nis, das weiß nie­mand. Nach dem Be­fund hat­ten die Sta­ti­ker des Aa­che­ner Bü­ros Kem­penKrau­se das Wort, die seit Jah­ren auch am Dom in Xan­ten tä­tig sind. Fest stand bald: Der schad­haf­te Teil des Pfei­lers, der zig Ton­nen Ge­wicht schul­tert, muss ab­ge­tra­gen wer­den. Doch wie soll­te man die Stand­si­cher­heit des Bau­werks dann si­chern? Vor­bil­der für die nö­ti­gen Ar­bei­ten mit dem Ab­tra­gen ei­nes Pfei­lers ge­be es nicht, so Jo­han­nes Schu­bert.

Nach Vor­ga­ben der Trag­werks­pla­ner wur­den schließ­lich zwei von der Köl­ner Dom­bau­hüt­te ge­lie­he­ne Pa­ra­fil­sei­le durch das Mit­tel­schiff bis zum Schwes­tern­pfei­ler auf der an­de­ren Sei­te des Doms ge­spannt. Zwi­schen den zwei Sei­len ver­läuft ei­ne so­ge­nann­te Last­ver­tei­lungs­tra- ver­sa­le. Mit die­ser Vor­rich­tung kön­nen die Kräf­te ins Gleich­ge­wicht „ge­spannt“wer­den. Ei­ne kniff­li­ge, genau be­rech­ne­te An­ge­le­gen­heit, die bis in kleins­te Grad­be­rei­che hin­ein aus­ge­gli­chen blei­ben muss. Auf ei­nen Bild­schirm in der Dom­bau­hüt­te und selbst auf Schu­berts Han­dy wer­den die Da­ten Tag und Nacht über­tra­gen, da­mit im Not­fall die Sei­le nach­ge­spannt oder ge­lo­ckert wer­den kön­nen. Schon das Lö­sen des Bau­werks vom Stütz­pfei­ler, bei dem die Sei­le bis zu zehn Zen­ti­me­ter nach­ge­spannt wer­den muss­ten, war des­halb un­glaub­lich span­nend. Der ent­ge­gen­ge­setz­te Akt wird es mit Si­cher­heit auch.

Noch ar­bei­ten die St­ein­met­ze der Dom­bau­hüt­te in luf­ti­ger Hö­he und mit wei­tem Blick über die Stadt mit Press­luft­ham­mer, schwe­ren elek­tri­schen Seil­win­den, Lauf­kat­ze und Auf­zug an dem Pfei­ler. Nach dem Ab­tra­gen der 500 Man­tel­stei­ne mit ei­nem Ge­samt­ge­wicht von 20 Ton­nen, die auf dem Pflas­ter der Im­mu­ni­tät la­gern, geht es wie­der auf­wärts – mit den al­ten, dann ge­säu­ber­ten Man­tel­stei­nen, ei­ner re­gel­ge­rech­ten Fül­lung aus Zie­gel­stei­nen und Mör­tel so­wie ei­nem am Ort ent­wi­ckel­ten Fu­gen­kle­ber, „Xan­ten spe­zi­al“ge­nannt.

„Wir ler­nen hier je­de Men­ge über das Ent­ste­hen von Schä­den und Mög­lich­kei­ten der Scha­dens­be­he­bung“, sagt Schu­bert. Das In­ter­es­se, auch das sei­ner Kol­le­gen, sei je­den­falls rie­sig. Die­se kön­nen aber erst nach Be­en­di­gung der Ar­bei­ten zur Fach-Be­sich­ti­gung kom­men.

FO­TOS (2): FI­SCHER

Beim Ab­tra­gen des Pfei­lers hoch oben am Dom (v.l.): St­ein­metz To­bi­as Fels­ke, Aus­zu­bil­den­der Elias Gustov und St­ein­metz Mat­thi­as Dungs

Jo­han­nes Schu­bert über­prüft hoch oben an den Kir­chen­fens­tern die Span­nung der Zug­sei­le. Sie si­chern an­stel­le des Pfei­les die Stand­fes­tig­keit des Doms.

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