Kreuz­feu­er

Rheinische Post Goch - - UNTERHALTUNG -

Die­ser gan­ze Auf­tritt!“, sag­te er. „Was lau­ern Sie mir auf wie ein Ein­bre­cher? Wie­so sind Sie nicht ins Haus ge­gan­gen? Und wie­so ha­ben Sie Hun­ger und sind schmut­zig?“

„Das er­klä­re ich Ih­nen al­les“, er­wi­der­te ich. „Aber ich brau­che Ih­re Hil­fe, und mei­ne Mut­ter soll ei­gent­lich nicht wis­sen, dass ich hier bin.“

„Wie­so nicht?“, frag­te er. „Ha­ben Sie Är­ger mit der Po­li­zei?“„Na­tür­lich nicht!“Ich tat em­pört. „War­um soll Ih­re Mut­ter dann nicht wis­sen, dass Sie hier sind?“

Wie konn­te ich dar­auf über­zeu­gend ant­wor­ten?

„Mei­ne Mut­ter und ich ha­ben uns ge­strit­ten“, sag­te ich. Schon war ich mit mei­nem Vor­satz, ihn nicht zu be­lü­gen, kläg­lich ge­schei­tert. „Wor­über?“, woll­te er wis­sen. „Ist das wich­tig? Sie ken­nen doch mei­ne Mut­ter. Man kann we­gen je­der Klei­nig­keit mit ihr an­ein­an­der­ge­ra­ten.“

„Ja, ich weiß“, sag­te er. „Aber wor­um ging es bei die­sem Streit?“

Ich sah ihm an, dass er nicht nach­ge­ben wür­de. Er woll­te ei­ne Ant­wort.

„Es ging dar­um, wie die Pfer­de lau­fen.“Das in­ter­es­sier­te ihn. „Er­zäh­len Sie!“„Dürf­te ich erst mal Ihr Bad be­nut­zen?“, frag­te ich. „Ich brau­che drin­gend ei­ne Du­sche. Sie hät­ten nicht viel­leicht was zum An­zie­hen in mei­ner Grö­ße?“„Wo sind denn Ih­re Sa­chen?“„Im Haus.“„Soll ich Ih­nen was ho­len?“, frag­te er.

„Wie denn? Mei­ne Mut­ter wür­de Sie doch se­hen.“

„Sie ist nicht da. Sie und Mr. Phi­lips sind zu ir­gend­ei­ner gro­ßen Fei- er nach Lon­don ge­fah­ren. Um fünf, hab ich selbst ge­se­hen. In Ga­l­a­mon­tur. Sie sag­te mir, mor­gen früh zum ers­ten Trai­ning sei­en sie wie­der da.“„Im Haus brennt doch Licht.“„We­gen der Hun­de“, sag­te er. „Die lass ich noch mal raus, be­vor ich schla­fen ge­he. Dann mach ich das Licht aus und schlie­ße ab.“

Of­fen­bar hät­te ich al­so auch ins Haus ge­hen kön­nen, statt Ian zu be­hel­li­gen. Ich ging mit mir ins Ge­richt, weil ich schon wie­der die La­ge nicht hin­rei­chend er­kun­det hat­te. Ich hat­te an­ge­nom­men, mei­ne Mut­ter sei zu Hau­se, aber ich hät­te mich ver­ge­wis­sern sol­len.

„Der Wa­gen mei­ner Mut­ter steht aber doch in der Ein­fahrt.“Da hat­te ich ihn ge­se­hen, als ich ums Haus ge­gan­gen war.

„Sie sind von ei­nem gro­ßen Schlit­ten mit Chauf­feur ab­ge­holt wor­den“, sag­te er. „Mrs. Kau­ri ist an­schei­nend der Eh­ren­gast oder so was.“

„Kom­men sie heu­te noch zu­rück?“

„Das weiß ich nicht. Mir hat sie nur ge­sagt, dass wir uns mor­gen früh um halb acht se­hen.“

Viel­leicht wä­re ich ganz oh­ne Ian aus­ge­kom­men, aber da ich ihn nun mal ein­ge­spannt hat­te, konn­te er mir ge­nau­so gut auch hel­fen.

„Gut“, sag­te ich und wech­sel­te in mei­nen Be­fehls­ton. „Ich ge­he mich jetzt drü­ben du­schen und um­zie­hen, und Sie kau­fen uns im ChinaTa­kea­way was zu es­sen. Für mich bit­te Rind­fleisch in Schwarz­boh­nen­sau­ce mit ge­bra­te­nem Reis.“Ich hielt ihm Geld aus mei­ner Brief­ta­sche hin. „Und brin­gen Sie bit­te auch Milch mit. Ih­re ha­be ich lei­der aus­ge­trun­ken.“

Er sah mich wort­los an, nahm aber das Geld. – Ich blick­te auf die Uhr an der Wand. „In ei­ner Drei­vier- tel­stun­de bin ich wie­der hier, dann kön­nen wir es­sen und uns da­bei un­ter­hal­ten.“

Knapp fünf­zig Mi­nu­ten spä­ter stieg ich ein wei­te­res Mal die Trep­pe zu Ians Woh­nung hin­auf, nach­dem ich ein lan­ges, hei­ßes Bad ge­nom­men hat­te, um mei­nen im­mer noch schmer­zen­den Schul­tern et­was Gu­tes zu tun. Und ich hat­te ein paar Sa­chen mit her­über­ge­bracht.

„Was ist denn in der Röh­re?“, frag­te Ian.

„Mein Sä­bel“, ant­wor­te­te ich. „Er könn­te viel­leicht nütz­lich sein.“

„Wo­zu denn?“, frag­te er be­stürzt. „Ich ma­che nichts Un­ge­setz­li­ches.“

„Nur die Ru­he. Ich ver­lan­ge schon nichts der­glei­chen.“

„Und Sie selbst?“, frag­te er, im­mer noch be­un­ru­higt.

„Ich wer­de auch nichts Un­ge­setz­li­ches tun“, ver­si­cher­te ich ihm. „Ver­spro­chen.“Das war jetzt schon das drit­te Ver­spre­chen, das ich viel­leicht nicht hal­ten konn­te. Ei­gent­lich hoff­te ich so­gar, es nicht hal­ten zu kön­nen, nur woll­te ich Ian das nicht auf die Na­se bin­den. Er ent­spann­te sich et­was. „Kann ich al­so hier­blei­ben?“, frag­te ich und stell­te mei­ne Ta­sche und die Röh­re ab. „Hier über­nach­ten?“, sag­te er. „Ja.“„Ich ha­be bloß ein Bett.“Man hör­te ihm an, dass er kei­ne Lust hat­te, es zu tei­len.

„Das macht nichts“, sag­te ich. „Mir ge­nügt der Fuß­bo­den.“

„Sie kön­nen auf dem So­fa schla­fen.“

„Um­so bes­ser“, sag­te ich. „Und wie steht’s mit dem Es­sen? Ich ha­be ei­nen Bä­ren­hun­ger.“

Er ser­vier­te es auf zwei halb­wegs sau­be­ren Tel­lern auf sei­nem win­zi­gen Kü­chen­tisch, und ich hau­te rein. Ein Arzt hät­te mir wahr­schein- lich ge­sagt, dass ei­ne La­dung chi­ne­si­sches Es­sen nicht gera­de ide­al für ei­nen aus­ge­hun­ger­ten Ma­gen war, aber das küm­mer­te mich nicht. Mir schien es genau das Rich­ti­ge. Schließ­lich lehn­te ich mich zu­rück und schob mit ei­nem Seuf­zer den Tel­ler von mir.

„Men­schens­kind“, sag­te Ian, der mit sei­nem Schwei­ne­fleisch süß­sau­er erst an­ge­fan­gen hat­te. „Man könn­te mei­nen, Sie hät­ten ei­ne Wo­che nichts zu es­sen ge­kriegt.“

„Was für ein Tag ist heu­te?“, frag­te ich.

Er sah mich ko­misch an. „Mitt­woch.“

War ich wirk­lich am Mon­tag erst nach Ox­ford zu dem Ge­richts­ter­min ge­fah­ren? Vor zwei­ein­halb Ta­gen? Es kam mir län­ger vor. Wie ein hal­bes Le­ben, genau ge­sagt.

Woll­te ich Ian den Grund nen­nen, wie­so ich so ei­nen Hun­ger hat­te? Muss­te er wis­sen, dass ich seit Mon­tag­mor­gen nichts ge­ges­sen hat­te? Nicht un­be­dingt. Es hät­te zu vie­ler Er­klä­run­gen be­durft, und es wä­re ihm viel­leicht ge­gen den Strich ge­gan­gen, dass ich nicht die Po­li­zei rief.

„In der Wild­nis sind Re­stau­rants rar“, sag­te ich statt­des­sen. „Wild­nis?“„Ja. Ich ha­be ein paar Näch­te in den Downs ver­bracht, in ei­ner selbst­ge­bau­ten Un­ter­kunft.“„Bei der Käl­te und dem Re­gen?“„Al­ler­dings. Ich konn­te nicht mal ver­nünf­tig Feu­er ma­chen“, sag­te ich. „Aber es ist ein gu­tes Trai­ning. Nichts här­tet so gut ab wie ein biss­chen Un­ge­müt­lich­keit.“

„Ihr Stahl­hel­me spinnt doch“, mein­te Ian. „So weit kommt’s noch, dass ich bei dem Wet­ter im Frei­en über­nach­te!“(Fort­set­zung folgt)

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