Ei­ne St­un­de ist kei­ne St­un­de

Rheinische Post Goch - - UNTERHALTUNG -

Ob die Schu­le nun um 8 Uhr am Mor­gen, um 8.15 Uhr oder schon um 7.30 Uhr be­ginnt, ei­nes gilt an den meis­ten deut­schen Schu­len: Ei­ne Schul­stun­de dau­ert nur 45 Mi­nu­ten. Dies ist so, seit der preu­ßi­sche Bil­dungs­mi­nis­ter Au­gust von Trott zu Solz am 2. Ok­to­ber 1911 ver­kün­de­te, das Un­ter­richts­we­sen im Deut­schen Kai­ser­reich re­for­mie­ren zu wol­len. Die Schü­ler muss­ten bis da­hin täg­lich zwei­mal in der Schu­le er­schei­nen, ein­mal am Vor- und ein­mal am Nach­mit­tag. Durch die Ver­kür­zung war es mög­lich, die vor­ge­se­he­nen fünf bis sechs St­un­den pro Tag am Vor­mit­tag ab­zu­ar­bei­ten. Dies war für die Schü­ler prak­ti­scher, die oft lan­ge Schul­we­ge in Kauf neh­men muss­ten, gab den Leh­rern aber auch Ge­le­gen­heit, ih­re an­de­ren Auf­ga­ben auf den Nach­mit­tag zu ver­le­gen. Vie­le Päd­ago­gen sa­hen die Re­form kri­tisch. Den Lern­stoff aus­führ­lich zu be­han­deln, sei in der Kurz­stun­de kaum mög­lich, hieß es. Schü­ler und Leh­rer wür­den durch die 45-Mi­nu­ten-Re­ge­lung in Zeit­druck ver­setzt; die­ser Stress sei dem Ler­nen kaum zu­träg­lich. Von Trott zu Solz setz­te sei­ne 45 Mi­nu­ten trotz­dem durch. Mehr als ein Jahr­hun­dert lang blieb die Kurz­stun­de an Schu­len in Deutsch­land und in vie­len deutsch­spra­chi­gen Län­dern un­an­ge­foch­ten. Erst seit ei­ni­gen Jah­ren gibt es vie­ler­orts Schu­len, die sich der Pra­xis wi­der­set­zen und Schul­stun­den ein­ge­führt ha­ben, die ge­nau­so lan­ge dau­ern, wie der Na­me es ei­gent­lich vor­gibt: ei­ne gan­ze St­un­de.

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