Sprach­lo­se Men­schen sind chan­cen­lo­se Men­schen

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Frü­her gin­gen vor­mit­tags Kin­der­gar­ten-Grup­pen auf ge­führ­te Ex­pe­di­ti­on durch un­se­re Stra­ßen; heu­te sind es klei­ne­re For­ma­tio­nen von Flücht­lin­gen, die in Be­glei­tung ei­nes Pa­ten das nä­he­re Um­feld ih­rer neu­en Blei­be er­kun­den. Ei­ne sol­che Grup­pe über­hol­te ich mit dem Rad un­längst an ei­ner Stra­ßen­kreu­zung (Ne­ben­stra­ße, un­ge­fähr­lich) un­ter Miss­ach­tung der Fuß­gän­ger­si­gna­le – und wur­de so­gleich und un­ge­wollt Teil des An­schau­ungs­un­ter­richts. Denn noch im Rü­cken hör­te ich ei­ne päd­ago­gisch warm­her­zi­ge Stim­me, dass die­ser Mann dort auf dem Rad ganz falsch ge­han­delt ha­be.

Na­tür­lich ist es wich­tig, Re­geln des Stra­ßen­ver­kehrs zu ken­nen

Die Schlüs­sel­kom­pe­tenz der In­te­gra­ti­on ist das Ler­nen der Lan­des­spra­che. Doch de­ren Ver­mitt­lung wird hier­zu­lan­de eher nach­läs­sig be­han­delt.

(und zu be­ach­ten). Doch un­se­re In­te­gra­ti­ons­be­mü­hun­gen vie­ler­orts mu­ten bis­wei­len wie Ak­tio­nis­mus an, der schnel­ler wie­der er­lah­men kann, als es die po­li­ti­sche La­ge rat­sam er­schei­nen lässt. Weit nach­hal­ti­ger und so­mit zu­kunfts­ori­en­tier­ter ist die Ver­mitt­lung un­se­res zen­tra­len Kul­tur­guts: der deut­schen Lan­des­spra­che. Sie ist die Schlüs­sel­kom­pe­tenz je­der In­te­gra­ti­on. Denn sprach­lo­se Men­schen sind chan­cen­lo­se Men­schen.

Dass wir das im­mer noch eher zweit­ran­gig be­han­deln, ist ein deut­sches Phä­no­men – und ei­ne Ku­rio­si­tät. Im­mer­hin lei­tet sich der Na­me un­se­res Lan­des nicht von ei­nem Volks­stamm ab, son­dern von der so­ge­nann­ten lin­gua theo­dis­ca, je­ner Volks­spra­che, die sich un­ter Karl dem Gro­ßen her­aus­bil­de­te. In die­sem Sin­ne ist Deutsch­land vor al­lem ei­ne Sprach­ge­mein­schaft. Wie we­nig dies im Be­wusst­sein des Lan­des ist, lässt sich im Grund­ge­setz nach­le­sen. Vie­les wird dort er­wähnt, so­gar die Far­ben der Na­tio­nal­flag­ge. Ei­nen Hin­weis auf die Spra­che aber sucht man ver­ge­bens. Sprach­un­ter­richt für Flücht­lin­ge wä­re dann auch ei­ne Art deut­sches Be­kennt­nis und ech­te In­te­gra­ti­ons­hil­fe. Denn wer hier le­ben will, soll­te na­tür­lich mit dem Stra­ßen­ver­kehr ver­traut sein. Er muss aber auch nach dem Weg fra­gen kön­nen.

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