„VW-Ak­tio­nä­re soll­ten noch nicht kla­gen“

Rheinische Post Goch - - WIRTSCHAFT - VON GE­ORG WIN­TERS

Ex­per­ten war­nen An­teils­eig­ner da­vor, mög­li­che Kurs­ver­lus­te so­fort ein­kla­gen zu wol­len. In Ba­den-Würt­tem­berg hat in­des der ers­te Pri­vat­an­le­ger ge­klagt. Er will 20.000 Eu­ro Scha­den­er­satz. VW ha­be sei­ne Mit­tei­lungs­pflich­ten ver­letzt.

DÜSSELDORF Der Ab­sturz der VWAk­tie hat sich ges­tern fort­ge­setzt. Knapp 4,7 Pro­zent ver­lor die im Dax no­tier­te Vor­zugs­ak­tie ges­tern wie­der, und da­mit ist sie schon re­la­tiv na­he an die vor zwei Wo­chen noch mei­len­weit ent­fern­te 90-Eu­ro­Gren­ze her­an­ge­kom­men, die sei­ner­zeit nur die schlimms­ten Pes­si­mis­ten nä­her­rü­cken sa­hen. Seit dem Be­kannt­wer­den der Ma­ni­pu­la­ti­on vor gut zwei Wo­chen hat das Pa­pier 44 Pro­zent sei­nes Wer­tes ein­ge­büßt.

Da kann man als Ak­tio­när schon mal auf die Idee kom­men, VW we­gen des er­lit­te­nen Scha­dens zur Re­chen­schaft zu zie­hen. Das hat ein An­teils­eig­ner aus Ba­den-Würt­tem­berg ge­macht. Er hat nach An­ga­ben sei­nes An­walts im April und Ju­li Ak­ti­en ge­kauft und be­klagt ei­nen Scha­den von 60 Eu­ro je Ak­tie, ins­ge­samt et­wa 20.000 Eu­ro. Sei­ne An­wäl­te, die sei­ne Kla­ge vor dem Land­ge­richt Braun­schweig ver­tre­ten, ar­gu­men­tie­ren, VW ha­be In­for­ma­tio­nen ent­we­der gar nicht oder un­voll­stän­dig an den Ka­pi­tal­markt ge­ge­ben und sich da­mit scha­den­er­satz­pflich­tig ge­macht. Sie wol­len eben­so wie an­de­re Kanz­lei­en in Deutsch­land ein Mus­ter­ver­fah­ren nach dem Ka­pi­tal­an­le­ger-Mus­ter­ver­fah­rens­ge­setz an­stren­gen, bei dem Kla­gen von Ein­zel­in­ves­to­ren ge­bün­delt wer­den. VW woll­te sich da­zu nicht äu­ßern. Der Fall sei bis­her noch nicht be­kannt, sag­te ein Spre­cher.

17.09. 167,8 € 80 Mrd. €

18.09.

21.09. 106,0 € € 52 Mrd. €

22.09. Das heißt: Die Kla­ge ist noch nicht zu­ge­stellt.

In den USA sind üb­ri­gens Sam­mel­kla­gen be­reits in Vor­be­rei­tung. Hier­zu­lan­de gibt es in­des auch Ex­per­ten, die die Kla­ge-Aus­sich­ten von Ak­tio­nä­ren eher skep­tisch be­ur­tei­len: „Ich ha­be Zwei­fel, ob An­le­ger ih­re Kurs­ver­lus­te ein­kla­gen kön-

23.09.

24.09. 112,2 € 55 Mrd. €

25.09.

28.09.

29.09.

30.09.

01.10. Ak­ti­en­kurs* Bör­sen­wert** 96,5 € 48 Mrd.€

*Kurs der im Dax no­tier­ten Vor­zugs­ak­ti­en **Der Bör­sen­wert er­gibt sich aus der Ad­di­ti­on

von Stamm- und Vor­zugs­ak­ti­en nen“, sagt Ul­rich Noack, Pro­fes­sor für Ge­sell­schafts- und Ka­pi­tal­markt­recht an der Düs­sel­dor­fer Hein­rich-Hei­ne-Uni­ver­si­tät. Aus sei­ner Sicht ist noch völ­lig un­klar, zu wel­chem Zeit­punkt VW sei­ne Ei­gen­tü­mer hät­te in­for­mie­ren müs­sen: „Das ist in ei­nem solch rie­si­gen Kon­zern nicht so ein­fach zu be­ant- wor­ten. Und nur wenn die­se Fra­ge ge­klärt ist, gibt es über­haupt die Ba­sis für ei­ne er­folg­rei­che Kla­ge.“Ge­nau­so ar­gu­men­tiert Marc Tüng­ler, Haupt­ge­schäfts­füh­rer der Deut­schen Schutz­ver­ei­ni­gung für Wert­pa­pier­be­sitz (DSW, Düsseldorf): „Wir ra­ten Ak­tio­nä­ren aus­drück­lich da­von ab, jetzt schnell zu kla­gen. Es gibt kei­ne har­ten In­for­ma­tio­nen dar­über, ob VW sei­ne Ad-hoc-Pflich­ten ver­letzt hat. Die Fi­nanz­auf­sicht Ba­fin hat das ge­prüft, aber die Er­geb­nis­se kennt noch nie­mand. Da soll­ten sich Ak­tio­nä­re Zeit las­sen. Sie ha­ben nach dem Be­kannt­wer­den ein gan­zes Jahr Zeit, um An­sprü­che gel­tend zu ma­chen.“Al­so bis Mit­te Sep­tem­ber 2016, un­ab­hän­gig da­von, ob sie al­lein kla­gen oder sich der Sam­mel­kla­ge an­schlie­ßen. „Die Ein­zi­gen, die von ei­ner schnel­len Kla­ge pro­fi­tie­ren, sind die An­wäl­te. Aber ei­ne schnel­le Kla­ge ist kei­ne gu­te Kla­ge, denn sie ist ri­si­ko­rei­cher. Dies al­ler­dings nur für die be­trof­fe­nen An­le­ger, denn die An­wäl­te ver­die­nen am En­de im­mer“, sagt Tüng­ler.

Die An­wäl­te, de­ren Man­dant ge­klagt hat, sind sich ih­rer Sa­che in­des si­cher. Be­trof­fen sind aus ih­rer Sicht vor al­lem Ak­ti­en­käu­fe im Zei­t­raum vom 6. Ju­ni 2008 bis 17. Sep­tem­ber 2015, al­so vom Tag der ers­ten Zu­las­sung ei­nes ma­ni­pu­lier­ten Fahr­zeugs bis zum Be­kannt­wer­den des Skan­dals. Der Düs­sel­dor­fer Ka­pi­tal­markt­recht­ler Noack sieht al­ler­dings auch in dem von den An­wäl­ten ge­nann­ten Zei­t­raum ein Pro­blem: „Da gibt es ja auch vie­le, die von stei­gen­den Kur­sen pro­fi­tiert ha­ben. Kla­gen wird aber nur der, der ins fal­len­de Mes­ser ge­grif­fen hat.“Zwi­schen Mit­te Sep­tem­ber 2008 und Mit­te Sep­tem­ber 2010 lag der Kurs un­ter dem von ges­tern. Die Ak­tio­nä­re, die da kauf­ten, hät­ten gar kei­nen Scha­den er­lit­ten, heißt es.

QU­EL­LE: ON­VIS­TA, EI­GE­NE BE­RECH­NUNG | FO­TO: DPA | GRA­FIK: FERL

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