Mit Geld und Or­den ge­gen die Er­in­ne­rung

Rheinische Post Goch - - WEITSICHT - VON JOHN­NY ER­LING

Im chi­ne­si­schen Tian­jin wol­len die Be­hör­den die Che­mie-Ex­plo­si­on mit 173 To­ten mög­lichst schnell ver­ges­sen ma­chen.

TIAN­JIN Song Yu­qin blickt ge­quält zu Bo­den. Sie hört, wie ihr Mann be­rich­tet, wie es zum Tod ih­res 18-jäh­ri­gen Soh­nes Jia Naiyuan kam. Er sagt: „Ich will kein Geld. Ich will nur ‚ming’, das An­se­hen, das mei­nem Jun­gen zu­steht.“Da be­ginnt die Mut­ter zu wei­nen: „Sie kön­nen mir noch so viel ge­ben. Sie brin­gen mir mei­nen Sohn nicht wie­der.“

Mit­te Au­gust kam es zu den ver­hee­ren­den Che­mie­ex­plo­sio­nen im Fracht­ha­fen Bin­hai der chi­ne­si­schen Küs­ten­stadt Tian­jin, die ki­lo­me­ter­weit Ge­bäu­de und Fa­b­ri­ken zer­stör­ten. Die Fo­tos Tau­sen­der aus­ge­brann­ter Pkw und kom­plett zer­stör­ter Hoch­h­aus­fron­ten gin­gen um die Welt. Weil sich die Ka­ta­stro­phe ei­ne hal­be St­un­de vor Mit­ter­nacht er­eig­ne­te und die auf­ein­an­der ge­sta­pel­ten Con­tai­ner die Wucht der De­to­na­tio­nen dämm­ten, star­ben „nur“173 Men­schen. 104 von ih­nen wa­ren Feu­er­wehr­leu­te, so wie Jia Nayuan, Sohn ei­ner ein­fa­chen Bau­ern­fa­mi­lie.

An ei­nem Mitt­woch, 35 Ta­ge nach sei­nem Tod, ha­ben sei­ne El­tern nach tra­di­tio­nel­ler Sit­te die See­le ih­res Jun­gen be­freit. Sie und sei­ne Schwes­ter ver­neig­ten sich vor sei­nem Fo­to in der Ur­nen­hal­le ih­res Vier­tels am süd­li­chen Stadt­rand von Tian­jin. Sie ver­brann­ten Pa­pier­geld für die ab­schlie­ßen­de And­acht, die sie „Wu Qi“nen­nen. Fünf­mal, al­le sie­ben Ta­ge, muss der See­le ei­nes Ge­stor­be­nen ge­dacht wer­den, da­mit sie nicht mehr in der Welt um­her­irrt.

Die Hin­ter­blie­be­nen je­doch fin­den kei­ne Ru­he, und die Be­am­ten von Tian­jin fürch­ten um das Image ih­rer Stadt. Der Che­mie-Un­fall hat die ge­setz­lo­se Kehr­sei­te von Chi­nas Wachs­tums­wun­der of­fen­bart. Die Be­hör­den in der su­per­mo­der­nen Ha­fen­me­tro­po­le, die über Hoch­ge­schwin­dig­keits­zü­ge mit der 120 Ki­lo­me­ter ent­fern­ten Haupt­stadt Pe­king ver­bun­den ist, tun da­her al­les, um die gräss­li­che Wun­de un­sicht­bar zu ma­chen und mög­lichst schnell zur Ta­ges­ord­nung über­zu­ge­hen Noch im­mer wacht ein gro­ßes Po­li­zei­auf­ge­bot dar­über, dass die Pres­se ih­nen da­bei kei­nen Strich durch die Rech­nung macht. Die Be­am­ten ver­hin­dern die Be­geg­nung mit De­mons­tran­ten, ver­lan­gen Aus­wei­se und wol­len Jour­na­lis­ten ab­füh­ren. Nur un­ter Mü­hen und über Schleich­we­ge lässt sich mit Be­trof­fe­nen spre­chen.

Vie­le An­woh­ner trau­en den Of­fi­zi­el­len nicht mehr. Nie­mand hat­te sie da­vor ge­warnt, dass sie in un­mit- tel­ba­rer Nä­he von 3000 Ton­nen Che­mi­ka­li­en leb­ten. Als die Sub­stan­zen sich aus bis heu­te un­ge­klär­ten Grün­den ent­zün­de­ten und mit ei­ner Spreng­kraft von um­ge­rech­net 21 Ton­nen TNT ex­plo­dier­ten, wur­den 17.000 Woh­nun­gen zer­stört oder stark be­schä­digt. Die Stadt hat den Ei­gen­tü­mern zwar Ent­schä­di-

Ei­ne An­woh­ne­rin gun­gen in Hö­he des 1,3-Fa­chen des Markt­wer­tes ih­rer Woh­nun­gen ver­spro­chen. Das klingt gut. „Aber wer stellt den Wert fest? Bis­her be­kam je­der von uns nur 6000 Yuan (um­ge­rech­net 900 Eu­ro), um ir­gend­wo un­ter­zu­kom­men“, sagt ei­ne Frau, die sich Yang nennt. „Sie wol­len uns zwin­gen, ei­ne pau­scha­le Ab­fin­dungs­er­klä­rung zu un­ter­schrei­ben und un­se­re Pro­tes­te ein­zu­stel­len. Aber wir ge­hen hier nicht weg.“Wie vie­le an­de­re hat die Mit­tel­stand­sBür­ge­rin ih­re Wut und ih­re Angst, be­tro­gen zu wer­den, auf ihr T-Shirt ge­schrie­ben. Drum­her­um sit­zen Po­li­zis­ten in Au­tos. Sie schrei­ten ein, als sie se­hen, wie die aus­län­di­schen Jour­na­lis­ten sich den An­woh­nern nä­hern.

Die El­tern des 18-jäh­ri­gen Jia hat­ten sich an­fangs gar nicht be­schwert. Sie wa­ren so­gar die ers­te Fa­mi­lie, die der Ei­n­äsche­rung ih­res Soh­nes zu­stimm­te, nach­dem ei­ne DNA-Un­ter­su­chung nach acht Ta­gen sei­nen Tod zwei­fels­frei be­stä­tigt hat­te. Un­bü­ro­kra­tisch und schnell er­hiel­ten sie wie al­le an­de­ren Fa­mi­li­en ge­tö­te­ter Feu­er­wehr­leu­te je­weils 2,3 Mil­lio­nen Yuan (300.000 Eu­ro) Ent­schä­di­gung. Kurz zu­vor war Pre­mier Li Ke­qiang in die Stadt ge­kom­men und hat­te an­ge­ord­net, sich rasch um die An­ge­hö­ri­gen der Feu­er­wehr­leu­te zu küm­mern und die Ur­sa­chen der Ka­ta­stro­phe auf­zu­klä­ren. Zwei Ur­kun­den lo­ben den Sohn als Mär­ty­rer. Zu der, wie Va­ter Jia Shuang­lai sagt, „wür­di­gen“Trau­er­ze­re­mo­nie ka­men auch vie­le Be­hör­den­ver­tre­ter und sa­lu­tier­ten vor dem Gr­ab sei­nes Jun­gen auf dem Hel­den­fried­hof von Tang­gu.

Doch dann ent­wer­te­te ei­ne amt­li­che Nach­richt die­se of­fi­zi­el­len Ges­ten des Mit­leids. In den TV-Nach­rich­ten wur­de ei­ne wei­te­re To­ten­fei- er ze­le­briert, dies­mal für die 24 Brand­be­kämp­fer un­ter den 104 To­ten, die Mit­glie­der der staat­li­chen Feu­er­weh­ren wa­ren. Ih­re An­ge­hö­ri­gen er­hiel­ten post­hum höchs­te mi­li­tä­ri­sche Ver­dienst­aus­zeich­nun­gen und da­zu ein gol­de­nes „Ab­zei­chen für das zur Lan­des­ver­tei­di­gung er­brach­te Op­fer“. Die 24 Feu­er­wehr­män­ner hat­ten dem Mi­nis­te­ri­um für Öf­fent­li­che Si­cher­heit un­ter­stan­den, wäh­rend ih­re 80 üb­ri­gen Kol­le­gen nur als Hel­fer auf Ver­trags­ba­sis zur Ha­fen­feu­er­wehr ge­hör­ten.

Sein Sohn sei ei­nen Tod zwei­ter Klas­se ge­stor­ben, klagt der Va­ter tief ver­letzt. Wie stolz war er auf ihn ge­we­sen, als er mit 16 Jah­ren nach der Mit­tel­schu­le bei der Ha­fen­feu­er­wehr an­fing und es dort zum Te­am­chef brach­te. Der Jun­ge war ihr zwei­tes Kind, sagt der Va­ter. Mit sei­ner Ge­burt hat­ten sie ge­gen Chi­nas Ein­kind-Po­li­tik ver­sto­ßen. Die Fa­mi­lie ha­be 1997 al­les Geld zu­sam­men­krat­zen müs­sen, um die Straf­ge­bühr auf­zu­brin­gen. „Wir ha­ben 80.000 Yuan für un­se­ren Sohn ge­zahlt.“

So ver­hei­len die Wun­den nicht, zu­mal die Be­hör­den sich zu den Ur­sa­chen des Un­glücks wei­ter in Schwei­gen hül­len, wie auch zu den mög­li­chen Re­ak­tio­nen zwi­schen den teils hoch­gif­ti­gen Che­mi­ka­li­en, die auf dem Ha­fen­ge­län­de ge­la­gert wa­ren. Im Ge­gen­teil: Seit An­fang Sep­tem­ber dru­cken die staat­lich ge­lenk­ten Zei­tun­gen in Tian­jin Nach­rich­ten über das Un­glück nur noch ganz klein. Nur noch als Rand­no­tiz er­schien Mit­te Sep­tem­ber ei­ne Mel­dung, wo­nach die Ver­wand­ten der letz­ten acht noch Ver­miss­ten ih­re An­ge­hö­ri­gen nun­mehr amt­lich für tot er­klä­ren las­sen kön­nen. Die mu­ti­ge fi­nanz­po­li­ti­sche Zeit­schrift „Cai­xin“ist ei­ne der we­ni­gen Pu­bli­ka­tio­nen, die sich noch trau­en, bri­san­te Fak­ten zu ent­hül­len. So wuss­ten die Ha­fen­feu­er­weh­ren of­fen­bar nicht, wel­che Che­mi­ka­li­en ge­la­gert wur­den, von de­nen vie­le was­ser­ent­zünd­lich sind. Vier Fünf­tel der Che­mie-Händ­ler hät­ten Si­cher­heits­do­ku­men­te ge­fälscht.

Der Um­schlag im Ha­fen läuft längst wie­der auf vol­len Tou­ren. Die Stadt hält nur die Zu­fahr­ten zum Epi­zen­trum des Un­glücks wei­ter ge­sperrt. Doch ent­lang des Sei­ten­strei­fens der Au­to­bahn las­sen sich die Kon­trol­len zu Fuß um­ge­hen. Von ei­ner Über­füh­rung aus ist der we­ni­ge hun­dert Me­ter ent­fern­te, einst sechs Me­ter tie­fe, mit Was­ser voll­ge­lau­fe­ne Ex­plo­si­ons­kra­ter zu er­ken­nen. Er ist in­zwi­schen ab­ge­deckt. Die zya­ni­d­hal­ti­ge Gift­brü­he wird ab­ge­pumpt und mit Tank­las­tern ab­ge­fah­ren. Zu­gleich soll auch die ver­seuch­te Er­de nach und nach ab­ge­tra­gen wer­den. Der rie­si­ge La­ger­platz, wo im Au­gust ein­ge­stürz­te Hal­len, Con­tai­ner­wracks und aus­ge­brann­te Au­tos zu se­hen wa­ren, ist pla­niert. Bald soll auf dem Platz nichts mehr an die Ex­plo­sio­nen er­in­nern. Vor der Stra­ße ist wie­der fri­sches Bu­sch­werk ge­pflanzt. Das für die „Bin­hai New Area” zu­stän­di­ge Bau­amt hat Plä­ne für ei­nen gut 24 Hekt­ar gro­ßen Ge­denk­park vor­ge­stellt. Dort soll ein „Denk­mal des Stol­zes“er­rich­tet wer­den – Stolz dar­auf, die Fol­gen des Un­glücks über­wun­den zu ha­ben.

Ein Ehe­paar hält eben­falls auf dem Sei­ten­strei­fen der Au­to­bahn. Bei­de bli­cken vom Ge­län­der schwei­gend auf den Fracht­hof un­ter ih­nen. Der Mann deu­tet auf ein klei­nes, stark be­schä­dig­tes Ge­bäu­de, das ein­zi­ge, das auf dem ab­ge­räum­ten Ge­län­de noch steht. „Da un­ten starb un­ser 21-jäh­ri­ger Sohn“, sagt er. „Er war Feu­er­wehr­mann. Seit­her kom­men wir je­den Tag hier­her, um auf die Stel­le zu schau­en.“

„Sie wol­len uns zwin­gen, ei­ne pau­scha­le Ab­fin­dungs­er­klä­rung zu

un­ter­schrei­ben“

FO­TO: DPA

Ei­ne An­ge­hö­ri­ge be­weint den Tod ei­nes Feu­er­wehr­man­nes, der bei der Ex­plo­si­on im Ha­fen von Tian­jin ge­tö­tet wur­de. Mit Ent­schä­di­gungs­zah­lun­gen und of­fi­zi­el­len Ge­denk­fei­ern wur­de ver­sucht, ei­nen schnel­len Schluss­strich zu zie­hen. Doch die Fa­mi­li­en der Op­fer kön­nen und wol­len nicht so schnell ver­ges­sen.

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