Je­dem zehn­ten Hof in Frank­reich droht das Aus

Rheinische Post Goch - - WEITSICHT - VON CHRISTINE LON­GIN

Die Land­wirt­schaft ist der Stolz der Na­ti­on. Doch vie­le Be­trie­be sind nicht mehr wett­be­werbs­fä­hig.

PA­RIS Den gan­zen Som­mer über ha­ben Frank­reichs Bau­ern wü­tend pro­tes­tiert ge­gen zu nied­ri­ge Er­zeu­ger­prei­se und zu ho­he Ab­ga­ben. Bar­ri­ka­den wur­den er­rich­tet, Po­li­ti­ker aus­ge­pfif­fen, ein Kon­voi von 1500 Trak­to­ren roll­te nach Pa­ris. Über­all in Eu­ro­pa lei­den die Land­wir­te un­ter nied­ri­gen Prei­sen, dem rus­si­schen Em­bar­go und ei­nem Nach­fra­ge­ein­bruch aus Chi­na. Aber in Frank­reich fällt der Pro­test be­son­ders hef­tig aus – auch ge­gen den deut­schen Nach­barn.

So blo­ckier­ten fran­zö­si­sche Bau­ern Grenz­über­gän­ge nach Deutsch­land, um Last­wa­gen mit deut­schen Agrar­pro­duk­ten zu stop­pen. Die Bau­ern­ge­werk­schaf­ten wer­fen deut­schen Land­wir­ten vor, mit bil­li­gen Sai­son­ar­bei­tern aus Ost­eu­ro­pa ih­re Er­zeug­nis­se zu Dum­ping­prei­sen auf den Markt zu wer­fen und so die fran­zö­si­sche Kon­kur­renz aus­zu­ste­chen. „Gro­ße Un­ter­schie­de im Lohn­be­reich sind nicht mehr ge­ge­ben“, wi­der­spricht Ste­fan Sei­den­dorf vom deutsch-fran­zö­si­schen In­sti­tut in Lud­wigs­burg. Der Min­dest­lohn in Deutsch­land und die Ver­schär­fung der EU-Ent­sen­de­richt­li- nie hät­ten das Lohn­ni­veau weit­ge­hend an­ge­gli­chen.

Trotz­dem steht in Frank­reich fast ein Zehn­tel der Hö­fe kurz vor der Plei­te. Min­des­tens 22.000 dro­he das Aus, sag­te Land­wirt­schafts­mi­nis­ter Sté­pha­ne Le Foll. „Wir durch­le­ben ei­ne schwe­re Kri­se der Land­wirt­schaft“, räum­te der So­zia­list ein. Die La­ge der „Ag­ri­cult­eurs“ist so ka­ta­stro­phal, dass durch­schnitt­lich al­le zwei Ta­ge in Frank­reich ein Land­wirt Selbst­mord be­geht. Da­bei war das Land jahr­zehn­te­lang Agrar­ex­port­na­ti­on Num­mer eins in Eu­ro­pa. Als Pro­du­zent ist Frank­reich im­mer noch füh­rend, doch im Ex­port wur­de es längst von Deutsch­land ab­ge­löst. „Dort wur­de schnel­ler mo­der­ni­siert“, er­klärt Sei­den­dorf. Vor al­lem in Ost­deutsch­land ent­stan­den nach der Wen­de aus den DDR-LPGs Groß­be­trie­be. Elf Pro­zent der deut­schen Hö­fe be­wirt­schaf­ten mehr als 100 Hekt­ar Flä­che – im EU-Durch­schnitt sind es nur drei Pro­zent.

Auch in Frank­reich gibt es vor al­lem Hö­fe mitt­le­rer Grö­ße und klei­ne Fa­mi­li­en­be­trie­be, die nun be­son­ders un­ter der Kri­se lei­den. Drei Mil­li­ar­den Eu­ro for­dert der Vor­sit­zen­de der größ­ten Bau­ern­ge­werk­schaft FNSEA, Xa­vier Beu­lin, an staat­li­chen In­ves­ti­tio­nen, um die fran­zö­si­sche Land­wirt­schaft wett­be­werbs­fä­hig zu ma­chen. Genau die­se Sum­me stell­te Re­gie­rungs­chef Ma­nu­el Valls nun ge­streckt auf drei Jah­re an Hil­fen in Aus­sicht. Zu­dem kün­dig­te die EU-Kom­mis­si­on Mit­te Sep­tem­ber So­fort­hil­fen für die eu­ro­päi­schen Land­wir­te an. Frank­reich er­hält knapp 63 Mil­lio­nen Eu­ro. „Wir sind sehr en­ga­giert bei der Mo­der­ni­sie­rung der Land­wirt­schaft“, sag­te Pre­mier Valls. Die Re­gie­rung will vor den Re­gio­nal­wah­len im De­zem­ber das seit Wo­chen schwe­len­de Pro­blem mit den Land­wir­ten aus der Welt schaf­fen.

Doch wie die Zu­kunft der Land­wirt­schaft aus­se­hen soll, dar­über wird wei­ter ge­strit­ten. Die ei­ne Ent­wick­lung hin zur „XXL-Farm“leh­nen die meis­ten Fran­zo­sen ab, die stolz auf ih­re im Frei­en wei­den­den Kü­he sind. Des­halb warn­te der Spre­cher der Bau­ern­ge­werk­schaft Con­fédé­ra­ti­on Pay­san­ne, Lau­rent Pi­na­tel, auch vor der Mo­der­ni­sie­rung der Land­wirt­schaft und for­dert statt­des­sen mehr Qua­li­täts­pro­duk­te und Bio-An­bau. Die neu­en Hil­fen sind für ihn nur „Fli­cken auf ei­nem über­hol­ten Sys­tem“.

FO­TO: ACTION PRESS

Tau­sen­de fran­zö­si­sche Bau­ern de­mons­trie­ren mit ih­ren Trak­to­ren in Pa­ris für hö­he­re Er­zeu­ger­prei­se. Je­der zehn­te Hof gilt als be­droht.

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