Tan­te Ros­je – die Frau, die im KZ tanz­te und die über­leb­te

Rheinische Post Goch - - LOKALE KULTUR - VON BAR­BA­RA MÜHLENHOFF

KLE­VE Das Buch „Die Tän­ze­rin von Au­schwitz“er­schien 2015 erst­mals auf Deutsch. Es han­delt von „Tan­te Roos­je“, de­ren Ge­schich­te ihr Nef­fe Paul Gla­ser ans Licht hol­te und da­mit ein Fa­mi­li­en­ge­heim­nis lüf­te­te. In Le­sun­gen im Kol­ping­haus und Stadt­hal­le mit Film- und Fo­to­do­ku­men­ten er­zählt er gleich zwei „wah­re Ge­schich­ten“: wie das Ge­heim­nis der jü­di­schen Fa­mi­li­en­ver­gan­gen­heit für den ei­gent­lich ka­tho­lisch er­zo­ge­nen Nie­der­län­der ans Licht kam, und wie das Le­ben sei­ner jü­di- schen Tan­te ver­lief. So in Kle­ve mit ei­nem ganz be­son­de­ren Hin­ter­grund: Tan­te Roos­je, ge­bo­ren 1914, wuchs wie Gla­sers Va­ter in der Schwa­nen­stadt auf und blieb ihr wohl zeit­le­bens ver­bun­den. Schon ein­gangs sieht man auf der Lein­wand das Fo­to mit dem Pro­fil ei­ner schö­nen Frau, Blu­men im Haar, Ge­schmei­de am Ohr, und wenn der Nef­fe da­vor her­läuft meint man, ähn­li­che Zü­ge zu er­ken­nen. Lan­ge Jah­re war Tan­te Roos­je für ihn ein­fach „die Tan­te in Schwe­den“, zu der es kei­nen Kon­takt gab. Heu­te ist sie die Frau, die im KZ tanz­te – de­ren Le­ben so in­ten­siv ge­lebt wer­den woll­te, dass es ei­nen als Le­ser und Zu­hö­rer im In­ners­ten packt. Ei­ne tem­pe­ra­ment­vol­le, star­ke Frau. Sie fin­det schon jung ih­re gro­ße Lie­be Wim, der tra­gisch ver­stirbt. Und es bleibt nicht nur bei ei­ner Li­ai­son: auf Wim fol­gen Ehe­mann Leo, Ge­lieb­ter Kees und spä­ter SS-Funk­tio­nä­re dort im KZ, wo lie­be Wor­te ih­re Her­zens­flam­me mit ein biss­chen Ge­bor­gen­heit näh­ren. Im­mer wie­der er­lebt sie Ver­rat und Trau­ma­ti­sches, an dem an­de­re zer­bro­chen wä­ren. Doch sie lässt sich nicht bre­chen, wird kein Op­fer, sie bleibt im- mer „Mensch“. Tan­zen ist ihr Ver­gnü­gen, ih­re Lei­den­schaft und schon früh auch ihr Be­ruf. Selbst als es ei­gent­lich il­le­gal ist, lei­tet sie er­folg­reich meh­re­re Tanz­schu­len und ver­an­stal­tet Tanz­aben­de auf dem Dach­bo­den ih­res Hau­ses, „Nights of Swing“. Das ist un­vor­sich­tig, aber so lebt sie: im­mer mit volls­tem Ein­satz. Sie schafft es mit der „Sher­lo­cki­net­te“auf die Film­lein­wand und mit ih­rem blen­den­den Aus­se­hen auf das Co­ver von Il­lus­trier­ten.

Dass sie es schätzt, Fo­tos und Fil­me von sich als Er­in­ne­rung auf­zu­neh­men, ist heu­te un­ser Ge­winn. Tan­te Roos­je über­lebt un­vor­stell­bar sie­ben KZs (u.a. Bir­ken­au und Au­schwitz) in drei Jah­ren, in­iti­iert dort Ka­ba­rett­auf­füh­run­gen, fin­det ih­re Ni­schen zum Über­le­ben und sorgt auch für je­ne, die ihr wich­tig sind. Sie bleibt da­bei in Kon­takt u.a. mit ei­ner in Hol­land le­ben­den deut­schen Da­me, die die Brie­fe be­wahrt als Zeug­nis­se ei­nes be­mer­kens­wer­ten Le­bens. Dank ih­res star­ken und durch­aus ich-be­zo­ge­nen Cha­rak­ters über­lebt Roos­je als ei­ne der we­ni­gen. Ich-be­zo­gen: weil sie für sich selbst denkt, weil sie sich nicht ver­liert, weil sie kämpft um ih­rer selbst und auch der an­de­ren wil­len. 1946 hei­ra­tet sie ei­nen Mann aus Schwe­den und fin­det dort Hei­mat, wo sie 2000 ver­stirbt. Paul Gla­sers Va­ter schweigt über al­les. Er selbst ent­schließt sich ir­gend­wann zur ak­ti­ven Aus­ein­an­der­set­zung mit der Ge­schich­te: gründ­lich re­cher­chiert, ehr­lich, elo­quent, und bei der Le­sung in Kle­ve be­son­ders nah. Lek­tü­re und Le­sung: emp­feh­lens­wert! Paul Gla­ser: Die Tän­ze­rin von Au­schwitz. Über­setzt von Eva Schwei­kart, Bar­ba­ra Hel­ler. 286 S. Auf­bau Ver­lag ISBN 978-3-351-03587-7, 19,95 Eu­ro.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.