Der Al­ler­wer­tes­te auf dem Weg zu Beet­ho­ven

Rheinische Post Goch - - BLICKPUNKT KULTUR -

Dass der gu­te al­te Knig­ge in Kon­zert­sä­len und Opern­häu­sern nicht au­ßer Kraft ist,ver­steht sich von selbst. Viel­mehr scheint dort sein Wir­kungs­kreis erst zu be­gin­nen. Man kann ja viel falsch ma­chen, es sei denn, man pfeift auf Ri­tua­le wie die Bri­ten. Die kom­men mit dem Pau­sen­brot ins Sin­fo­nie­kon­zert. Ich ha­be mich im­mer ge­fragt, was ge­gen Nah­rungs­auf­nah­me im Kon­zert ein­zu­wen­den ist. Im Jazz­club gibt’s ja auch ein Bier­chen. War­um nicht bei Beet­ho­ven? Wird es zu oft ver­schüt­tet? Lei­den die Sit­ze? Rülp­sen die Hö­rer? Ist es nicht schick­lich? Stö­rend fin­de ich viel­mehr, wenn Kon­zert­gän­ger un­an­ge­nehm rie­chen – und wie sie ei­ne Rei­he be­tre­ten, in der schon an­de­re Leu­te sit­zen.

Das Elend be­ginnt da­mit, dass Kon­zert­be­su­cher, die in der Mit­te ei­ner Rei­he sit­zen, meist als Letz­te kom­men, oft erst kurz vor Be­ginn der Sin­fo­nie. Falls sie noch Rest­ma­nie­ren be­sit­zen, lä­cheln sie un­ter­wür­fig, wie als Ent­schul­di­gung da­für, dass nun ei­ne gan­ze Rei­he

Be­su­cher von Oper und Kon­zert las­sen es oft an Ma­nie­ren ver­mis­sen. Vor al­lem beim Be­tre­ten ei­ner Saal­rei­he ge­sche­hen oft gro­tes­ke Din­ge. Doch gilt der Knig­ge nicht im­mer.

wie­der auf­ste­hen muss, oder stam­meln keu­chend ei­nen halb­wegs glaub­haf­ten Satz wie: „Wir ha­ben lei­der kei­nen Park­platz ge­fun­den.“

Manch­mal war­ten die­se Leu­te gar nicht, bis wir auf­ge­stan­den sind, son­dern rat­schen an un­se­ren Kni­en vor­bei und stür­zen auf ih­re Sit­ze. Neu­lich hat das in Bay­reuth ein hoch­nä­si­ges Ehe­paar, das mit­ten in Rei­he 23 saß, vor dem ers­ten und zwei­ten Akt von „Tris­tan“so prak­ti­ziert: Sie ka­men zwei­mal als Letz­te und ram­po­nier­ten mei­ne Knie. Vor dem drit­ten Akt, als sie es er­neut pro­bier­ten, ließ ich die Bei­ne aus­ge­fah­ren. Die Fle­gel muss­ten klet­tern.

Was das Durch­schrei­ten ei­ner Rei­he (im Ki­no oder im Kon­zert oder in der Oper) an­langt, so gibt es bei Knig­ge ei­ne Richt­li­nie: Man geht durch die Rei­he und guckt die Leu­te da­bei an. Kei­nes­falls wen­det man ih­nen den Al­ler­wer­tes­ten zu. Das al­ler­dings tun doch sehr vie­le. Sie wol­len uns nicht ins Ge­sicht se­hen. Oder sie zei­gen uns un­be­wusst, dass wir sie oder sie uns kreuz­wei­se . . .

Ich weiß nicht, was mir lie­ber ist. Die Chan­ce, dass ei­nem bei kor­rek­tem Zu­gang zur Rei­he schlech­ter Mund­ge­ruch ent­ge­gen­schlägt, ist näm­lich hö­her als die, dass man un­er­wünsch­te Ge­räu­sche aus tie­fe­ren ana­to­mi­schen Re­gio­nen ab­kriegt.

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