Men­schens­kin­der

Rheinische Post Goch - - BLICKPUNKT KULTUR -

sa, ihr Kind stil­lend“(1898/99) von Ma­ry Cas­s­att – kei­ne re­li­giö­se Kunst, aber doch un­ver­kenn­bar ein Ge­mäl­de, das sich auf die christ­li­che Tra­di­ti­on be­zieht.

Gleich zu Be­ginn der Aus­stel­lung mi­schen sich in die­se Har­mo­ni­en schril­le Tö­ne, zum Bei­spiel in Gestalt von Phil­ip­pe Braults be­reits 2007 ent­stan­de­ner Fo­to­gra­fie „Sy- (1675) von Da­vid van der Pla­es. Der nie­der­län­di­sche Ma­ler hat die Fa­mi­li­en­idyl­le als Keim­zel­le des Staa­tes dar­ge­stellt: Va­ter und Mut­ter be­glei­ten den klei­nen Sohn für­sorg­lich in ein selbst­be­stimm­tes Le­ben. Auf ei­ner Fo­to­gra­fie da­ne­ben scheint ein Mäd­chen auf die­sem Weg al­lein ge­las­sen zu sein. Ra­nia Ma­tar hat die 15-jäh­ri­ge, Kopf­tuch tra­gen­de Pa­läs­ti­nen­se­rin Amal in ih­rem west­lich aus­staf­fier­ten Kin­der­zim­mer ab­ge­lich­tet. In ei­nem Flücht­lings­la­ger er­zähl­te Amal über sich: „In der Schu­le gab man mir den Schlei­er. Mei­ne El­tern wa­ren an­fangs da­ge­gen. Dann woll­te mei­ne Mut­ter, dass ich ihn nicht mehr ab­neh­me. Nun will ich ihn nicht mehr, kann ihn aber nicht ab­neh­men.“Amal sä­he gern aus wie die Hel­den der Pop-Kul­tur, de­ren Por­träts hin­ter ihr an ih­rem Klei­der­schrank kle­ben.

Schon im 19. Jahr­hun­dert war auch der Wes­ten nicht so, wie ihn man­cher heu­te aus der Fer­ne ver­herr­licht. Sta­nis­las Lé­pi­ne zeigt in sei­nem Ge­mäl­de „Die Rue du Mon­tCe­nis auf dem Mont­mart­re“ei­ne Stra­ße mit schlich­ten grau­en Häu­sern, an der Ta­ge­löh­ner ihr Le­ben fris­ten. Im Ver­gleich zur Sze­ne in Ni­clas Ham­mar­ströms Fo­to­gra­fie „Sy­ri­en: Hei­mat ver­las­sen“, dem „Unicef-Fo­to des Jah­res“2013, ist der Mont­mar­te von da­mals ei­ne Idyl­le: In Alep­po setz­te der Fo­to­graf ei­ne vier­köp­fi­ge Fa­mi­lie von hin­ten ins Bild, zwi­schen Schutt von Häu­sern, die dem Krieg zum Op­fer ge­fal­len sind.

Mit die­sem ver­glei­chen­den Blick durch­schrei­tet man die ge­sam­te Aus­stel­lung. Zu den künst­le­ri­schen Glanz­lich­tern zäh­len Pie­tro Long­his Ge­mäl­de „Il Ri­dot­to“, das bun­te Trei­ben ei­nes ve­ne­zia­ni­schen Mas­ken­balls, au­ßer­dem Gi­an­do­me­ni­co Tie­po­los „Al­le­go­ri­sches Por­trät ei­ner jun­gen Frau als Flo­ra“und Gui­do Re­nis bru­tal pla­ka­ti­ve Darstel­lung „Da­vid, Go­li­ath ent­haup­tend“. Das Bild aber, das die Schau auf ih­rem Wer­be­pla­kat trägt, ver­kün­det Zu­ver­sicht: Au­gust Ma­ckes „Clown in grü­nem Ko­s­tüm“von 1912. Ma­cke, der zwei Jah­re spä­ter 27-jäh­rig als Sol­dat des Ers­ten Welt­kriegs in der Cham­pa­gne fiel, zeigt ei­nen Jun­gen in Kar­ne­vals­ver­klei­dung – ei­ne Hom­mage ans rhei­ni­sche Brauch­tum, das sei­nem Na­tu­rell ent­sprach. Fröh­lich­keit in­mit­ten der Trau­er ist auch The­ma von Chris de Bo­des Fo­to­gra­fie ne­ben­an: „Kin­der­träu­me: My-Ta­el­le träumt da­von, Clown zu wer­den“. Vor arm­se­li­ger Ku­lis­se gibt sich ein Mäd­chen not­dürf­tig den An­schein ei­nes Clowns und bringt die Kin­der rings­um zum La­chen. My-Ta­el­le ist zehn Jah­re alt und lebt mit ih­rer Mut­ter und ih­ren Ge­schwis­tern in Hai­ti. Ihr Va­ter hat die Fa­mi­lie ver­las­sen. Nach dem Erd­be­ben des Jah­res 2010 hat­te sie nicht mehr die Chan­ce, ei­ne Schu­le zu be­su­chen. In­zwi­schen sind neue Klas­sen­zim­mer ge­schaf­fen. My-Ta­el­le ist sich be­wusst, dass vie­le Kin­der in ih­rem klei­nen Pu­bli­kum An­ge­hö­ri­ge ver­lo­ren ha­ben. Wenn sie in la­chen­de Ge­sich­ter blickt, weiß sie, dass die Schre­cken der Ver­gan­gen­heit ver­ges­sen sind, zu­min­dest für die­sen Au­gen­blick.

„Kin­der­le­ben zwi­schen Wunsch und Wirk­lich­keit“heißt ei­ne be­rüh­ren­de Schau in Re­ma­gen. Sie zeigt Fo­to­gra­fi­en von Kin­dern aus Kri­sen­ge­bie­ten.

FO­TO: SAMM­LUNG RAU/UNICEF

Au­gust Ma­cke mal­te 1912 die­sen Jun­gen in Kar­ne­vals­ver­klei­dung. Zwei Jah­re spä­ter fiel der Künst­ler als Sol­dat im Zwei­ten Welt­krieg.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.