Kreuz­feu­er

Rheinische Post Goch - - UNTERHALTUNG -

Er goss noch et­was oran­ge­ro­te Süß­sau­er­sau­ce auf sein Es­sen. Von we­gen kei­ne glat­ten Lü­gen; er hat­te bis jetzt kaum ein wah­res Wort von mir ge­hört.

„Al­so dann“, sag­te er. „Wor­über wa­ren Sie sich denn bei den Pfer­den mit Ih­rer Mut­ter nicht ei­nig?“

„Ach, Lap­pa­li­en“, ru­der­te ich zu­rück. „Und sie wür­de be­stimmt nicht wol­len, dass ich mit Ih­nen dar­über re­de.“

„Da könn­ten Sie recht ha­ben“, stimm­te er mir lä­chelnd zu. „Er­zäh­len Sie’s trotz­dem.“

„Wie ge­sagt, es war nichts wei­ter. Ich ha­be ihr nur ge­sagt, dass Phar­macist nach sei­nem Ab­schnei­den in Chel­ten­ham mei­ner An­sicht nach nicht reif für den Gold Cup ist.“

„Und was mein­te sie da­zu?“Ian wies mit der Ga­bel auf mich.

„Sie sag­te, ich sol­le mir mei­ne An­sicht sonst wo­hin ste­cken.“– Er lach­te. „Das se­he ich ganz ge­nau­so.“

„So?“, tat ich er­staunt. „Als wir uns das Ren­nen hier im Fern­se­hen an­ge­schaut ha­ben, mein­ten Sie doch, Phar­macist kä­me für Chel­ten­ham nicht in Fra­ge.“

„Na ja“, ver­tei­dig­te er sich, „das hab ich viel­leicht aus dem Mo­ment her­aus ge­sagt, aber es war nicht so ge­meint. Wenn er mal schwach läuft, ist er ja des­we­gen noch kein schlech­tes Pferd, oder?“

„Ich ha­be das mei­ner Mut­ter aber nur ge­sagt, weil ich dach­te, Sie se­hen das so.“

„Da hät­ten Sie mich vor­her fra­gen sol­len!“Er spieß­te ei­nen Fleisch­klops auf und stopf­te ihn sich in den Mund.

„Ich wer­de wohl um Ver­zei­hung bit­ten müs­sen, da­mit ich wie­der ins Haus darf.“

„Hat sie Sie bloß des­we­gen raus­ge­wor­fen?“Er sprach mit vol­lem Mund, so dass ich sei­nen süß­sau­ren Fleisch­klops krei­sen sah wie den In­halt ei­ner Misch­ma­schi­ne. – „Na ja, es kam auch noch ei­ni­ges an­de­re da­zu“, sag­te ich. „Fa­mi­li­en­an­ge­le­gen­hei­ten und so.“

Er nick­te wis­send. „Wenn’s rich­tig kracht, führt eins zum an­de­ren, dann rollt die Kis­te.“Er schien sich da­mit aus­zu­ken­nen, und ich frag­te mich, ob es ein­mal ei­ne Mrs. Nor­land ge­ge­ben hat­te. „Sie ha­ben ja so recht.“„Wol­len Sie al­so wirk­lich hier­blei­ben?“, frag­te er.

„Un­be­dingt“, er­wi­der­te ich. „Ich geh auf kei­nen Fall mit ein­ge­knif­fe­nem Schwanz heim zu Ma­mi, sonst hab ich kei­ne Ru­he mehr.“

Er lach­te wie­der und nahm noch ei­nen Bis­sen Süß­sau­res. „Mei­net­we­gen, aber ich muss früh raus.“

„Ich will so­wie­so vor Ta­ges­an­bruch weg sein.“

„Die Son­ne geht mo­men­tan um sie­ben auf“, sag­te er. „Hell wird’s schon ei­ne gu­te hal­be St­un­de vor­her.“

„Dann bin ich um sechs weg“, er­wi­der­te ich. – „Da­mit Sie Ih­rer Mut­ter nicht be­geg­nen?“

„Mag sein. Aber fra­gen Sie sie doch mal, was sie meint, wo ich ste­cke. Das wür­de mich wirk­lich in­ter­es­sie­ren, bloß ver­ra­ten Sie ihr nicht, dass ich hier ge­we­sen bin.“

„Gut, ich frag sie, und ich sa­ge ihr we­der, dass Sie hier sind, noch, wor­über wir ge­re­det ha­ben. Aber wo wol­len Sie denn hin?“

„Da­hin, wo ich die letz­ten Ta­ge ge­we­sen bin“, sag­te ich. „Da ha­be ich noch was zu er­le­di­gen.“

Ich nahm mei­nen noch im­mer ein­ge­pack­ten Sä­bel mit, als ich am Don­ners­tag­mor­gen kurz nach halb sechs aus Ians Woh­nung ver­schwand. Den Rest un­se­res China­es­sens und die Hälf­te der Milch, die Ian am Abend ge­kauft hat­te, nahm ich eben­falls mit.

Au­ßer­dem steck­te ich mein frisch auf­ge­la­de­nes Han­dy und die Kar­te von Mr. Hoo­g­land ein. Ir­gend­wie muss­te ich mir viel­leicht die Zeit ver­trei­ben. (Fort­set­zung folgt)

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