Herbst­me­di­ta­ti­on bei Aal­fred

Rheinische Post Goch - - KINDERSEITE - VON MICHAEL ZEHENDER

Na­tur pur bie­tet die Meck­len­bur­gi­sche Se­en­plat­te. Gera­de für Stadt­kin­der ist das per­fekt. Hier kön­nen sie Fi­schern bei der Ar­beit zu­se­hen, Pil­ze sam­meln und La­ger­feu­er am See ge­nie­ßen. Ein Va­ter-Toch­ter-Wo­che­n­en­de.

So­phie schaut et­was skep­tisch in den Plas­tik­ei­mer. Dar­in lie­gen ein Aal, ein Kar­p­fen und ein paar Zan­der. „Pa­pa, ich mag auch mal ei­nen Fisch an­fas­sen“, sagt sie schließ­lich. Die Neu­gier­de ist of­fen­bar doch stär­ker als die Zwei­fel. Kein Pro­blem, die meis­ten der Fi­sche im Ei­mer sind oh­ne­hin zu klein und müs­sen wie­der zu­rück in den See. Al­so greift So­phie be­herzt zu und packt ei­nen klei­nen Fisch. Der win­det sich in ih­ren Hän­den und liegt – schwupp! – auf dem Steg. Mit ei­ner wei­te­ren Be­we­gung ist er im Was­ser. „Cool, darf ich noch mal?“Die Fünf­jäh­ri­ge ist be­geis­tert.

Ein paar St­un­den zu­vor war sie noch zu­rück­hal­ten­der, als es am frü­hen Sonn­tag mit Fi­scher Mar­tin Bork in We­sen­berg an der Meck­len­bur­gi­schen Se­en­plat­te auf den See hin­aus geht. „Nein, ich mag die nicht an­fas­sen“, hat­te sie ab­ge­lehnt, als Bork die ers­ten Fi­sche aus den Reu­sen zog. Drei von ih­nen fährt er mit sei­nem klei­nen Boot heu­te an. „Manch­mal ist auch gar nichts drin.“Aber an die­sem Tag sind die Net­ze voll. Hech­te, Zan­der, Aal, ein paar Kreb­se – ein rei­cher Fang. Nach der rund ein­stün­di­gen Tour wer­den die Fi­sche an Land sor­tiert und in Be­cken um­ge­setzt, wo sie in ein paar Ta­gen wei­ter­ver­ar­bei­tet wer­den. Das fer­ti­ge Pro­dukt, le­cker ge­räu­chert oder ein­ge­legt, gibt es di­rekt ne­ben­an im klei­nen La­den zu kau­fen.

Gera­de ein­mal an­dert­halb St­un­den sind es mit dem Au­to von Berlin bis We­sen­berg oder Neu­stre­litz an der Meck­len­bur­gi­schen Se­en­plat­te: per­fekt für ein herbst­li­ches Va­terToch­ter-Wo­che­n­en­de. Die im Ge­gen­satz zur Mü­ritz noch re­la­tiv un­be­kann­te Re­gi­on bie­tet vor al­lem ganz vie­le Na­tu­rer- leb­nis­se. Das war schon am Vor­tag nicht an­ders.

Ka­nu­fah­ren hieß der ers­te Pro­gramm­punkt am Sams­tag. Vor­ne ein Er­wach­se­ner, hin­ten ein Er­wach­se­ner, in der Mit­te das Kind. Tie­fer grau­er Ne­bel liegt über dem Was­ser. Kor­mo- ra­ne zie­hen ih­re Krei­se, hier und da schwim­men ein paar En­ten. Glas­klar ist das Was­ser, man kann bis zum Grund des Sees bli­cken, wo sich Fi­sche tum­meln.

Kalt ist es, und ir­gend­wann wird das me­di­ta­ti­ve Da­hin­g­lei- ten So­phie et­was lang­wei­lig. Jetzt will sie auch ans Pad­del. Al­so: mit ei­ner Hand oben an­pa­cken, mit der an­de­ren wei­ter un­ten und dann im­mer schön ne­ben dem Boot ein­s­te­chen. Schnell hat sie den Dreh raus.

Vom Ka­nu stei­gen wir auf ein an­de­res Boot um: Ei­ne Seil­fäh­re be­för­dert die Fahr­gäs­te bei Feld­berg auf die an­de­re Sei­te des Schma­len Lu­zin. Heu­te kann sich der Fähr­mann aus­ru­hen. Die Kin­der über­neh­men die Ar­beit. Kräf­tig wird am gro­ßen Rad ge­kur­belt. Lang­sam nä­hert sich die Fäh­re dem an­de­ren Ufer.

Dort war­tet be­reits Jo­chen Kurth. Der ist ei­gent­lich Bio­che­mi­ker. In sei­ner Frei­zeit wid­met er sich aber seit rund 45 Jah­ren den Pil­zen. Im­mer sams­tags bie­tet er Tou­ren durch den Wald für Gäs­te an. Auch für jun­ge Be­su­cher ist das ein Er­leb­nis. Auf­ge­regt springt So­phie im Wald vor­aus. Im­mer wie­der zeigt sie Kurth die ver­schie­dens­ten Pil­ze, die sie fin­det. „Was ist das?“, fragt sie au­ßer Atem. „Das ist ein Lacktrich­ter­ling“, er­klärt Kurth. „Der da“, sagt er, „das ist ein Igel­sta­chel­bart. Da brau­chen Sie kei­ne drei Wo­chen, und Ihr Reiz­darm ist weg.“Ein be­son­de­rer Spaß für So­phie ist der Bir­nen­stäu­bling. Be­rührt man ihn, ent­weicht ei­ne braune Staub­wol­ke. „So et­was ha­ben wir in Berlin nicht“, sagt So­phie fast et­was trau­rig.

Nicht we­ni­ger span­nend ist am spä­ten Nach­mit­tag ei­ne Tour mit Fred Boll­mann. Schnell wird das Elek­tro­boot an­ge­schmis­sen, und hin­aus

Ein Bio­che­mi­ker bie­tet sams­tags Pilz­tou­ren durch den Wald für Be­su­cher an

geht es auf den Brei­ten Lu­zin – auf die Jagd nach Aal­fred. Na­tür­lich nur auf Fo­to­jagd. Denn Aal­fred ist ei­ne Be­son­der­heit. Vor ei­ni­gen Jah­ren sie­del­te sich der See­ad­ler hier an der Meck­len­bur­gi­schen Se­en­plat­te an. Dank Boll­mann hat er es zu ei­ni­ger Be­rühmt­heit ge­bracht. Denn über die Jah­re ist er so zu­trau­lich ge­wor­den, dass er bis auf rund zehn Me­ter an sein Boot her­an­kommt. „Das ist schon ma­jes­tä­tisch, wenn der mit sei­nen zwei Me­tern Flü­gel­spann­wei­te auf ei­nen zu­ge­flo­gen kommt“, er­zählt Boll­mann. Er wirft ihm da­zu im­mer wie­der mal Fi­sche zu, so auch heu­te. Das er­klärt den stren­gen Ge­ruch im Boot. „Ei­gent­lich frisst der al­le Fi­sche“, sagt Boll­mann. „Doch am al­ler­liebs­ten mag er Aal. Da­her auch der Na­me Aal­fred.“

FO­TO: THINKSTOCK/COCK­PIT

Wie ein Fli­cken­tep­pich aus Was­ser: Un­zäh­li­ge Se­en do­mi­nie­ren die Land­schaft an der Meck­len­bur­gi­schen Se­en­plat­te.

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