Nur je­de vier­te Kli­nik auf Ster­ben­de spe­zia­li­siert

Rheinische Post Goch - - POLITIK - VON EVA QUAD­BECK

Rund 60 Pro­zent der Ster­ben­den be­nö­ti­gen pal­lia­tiv­me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung. Sie steht aber nur ei­ner klei­nen Grup­pe zur Ver­fü­gung.

BERLIN Das Le­ben en­det bei et­wa der Hälf­te der Men­schen in Deutsch­land in ei­ner Kli­nik. Aber nur 500 von 2000 Kran­ken­häu­sern im Land sind auf Ster­be­fäl­le spe­zia­li­siert – gera­de ein­mal je­de vier­te Kli­nik. Die­se Zahl geht aus ei­ner Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung auf ei­ne klei­ne An­fra­ge der Links­frak­ti­on im Bun­des­tag her­vor, die un­se­rer Zei­tung vor­liegt.

Bei der schmerz­me­di­zi­ni­schen Ver­sor­gung der Ster­ben­den be­kla­gen die Ver­bän­de schon seit Jah­ren ei­nen Man­gel an Ka­pa­zi­tä­ten. Ins­be­son­de­re in Pfle­ge­hei­men gilt die La­ge als un­zu­rei­chend. Die gro­ße

Eu­gen Brysch Ko­ali­ti­on hat nun ein neu­es Ho­s­pi­zund Pal­lia­tiv­ge­setz auf den Weg ge­bracht, das noch in die­sem Jahr vom Bun­des­tag ver­ab­schie­det wer­den soll. Die Ho­s­pi­ze in Deutsch­land sol­len fi­nan­zi­ell bes­ser aus­ge­stat­tet wer­den. Für Pfle­ge­hei­me und Kli­ni­ken will die Bun­des­re­gie­rung die Struk­tu­ren so ver­bes­sern, dass Pal­lia­tiv­me­di­zin häu­fi­ger und ge­ziel­ter zum Ein­satz kommt.

Das Pal­lia­tiv­ge­setz steht po­li­tisch in Zu­sam­men­hang mit der Ster­be­hil­fe-De­bat­te. Bis­lang gibt es ei­ne Kluft zwi­schen der öf­fent­li­chen Mei­nung, die ei­ne eher li­be­ra­le Re­ge­lung wünscht und den vier kon­kur­rie­ren­den Ge­setz­ent­wür­fen zur Ster­be­hil­fe, bei de­nen sich eher ei­ne Mehr­heit für ei­ne kla­re Be­schrän­kung von le­bens­ver­kür­zen­den Maß­nah­men her­aus­kris­tal­li­siert. Ei­ne bes­se­re Pal­lia­tiv­ver­sor­gung könn­te die Ak­zep­tanz für das na­tür­li­che Le­bens­en­de ver­bes­sern: So soll ei­ne ver­läss­li­che Ver­sor­gung ge­gen Schmer­zen und ei­ne um­fas­sen­de psy­chi­sche Be­treu­ung den Men­schen die Angst vor dem na- tür­li­chen Tod neh­men. Doch in der Pra­xis wird ei­ne um­fas­sen­de Ster­be­be­glei­tung längst nicht al­le Men­schen er­rei­chen, die sie be­nö­ti­gen.

Das Ge­setz sieht ins­be­son­de­re zu­sätz­li­che Fi­nanz­hil­fen für Ho­s­pi­ze vor, für die deutsch­land­weit rund 80.000 Eh­ren­amt­li­che ar­bei­ten. Die Ver­sor­gung in die­sen spe­zi­el­len Ein­rich­tun­gen gilt als vor­bild­lich. Al­ler­dings ist die Zahl der Plät­ze be­grenzt. Nach An­ga­ben der Stif­tung Pa­ti­en­ten­schutz ster­ben jähr­lich rund 26.000 Men­schen in sol­chen Ein­rich­tun­gen. Die Stif­tung geht aber da­von aus, dass et­wa 60 Pro­zent der rund 890.000 Men­schen, die pro Jahr in Deutsch­land ster­ben, ei­ne be­son­de­re Be­glei­tung be­nö­ti­gen. Das wä­ren 534.000 Men­schen.

16.388

Von den rund 440.000 Men­schen, de­ren Le­ben in ei­ner Kli­nik en­det, er­hält nur ei­ner klei­ner Teil ei­ne be­son­de­re Ver­sor­gung: Im ver­gan­ge­nen Jahr rech­ne­ten die Kran­ken­häu­ser in 58.691 Fäl­len ei­ne spe­zi­el­le pal­lia­tiv­me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung ab. 73 Pro­zent da­von lag als Haupt­dia­gno­se Krebs zu­grun­de. Auch dies geht aus der Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung her­vor. Die Fall­zah­len für be­son­de­re Pal­lia­tiv­ver­sor­gung in Kli­ni­ken stei­gen al­ler­dings von Jahr zu Jahr. Als der Abrech­nungs­pos­ten 2007 für die Kli­ni­ken ein­ge­führt wur­de, er­hiel­ten nur rund 16.000 Ster­ben­de die be­son­de­re Pal­lia­tiv­ver­sor­gung. Die Zahl der Ster­ben­den in Kli­ni­ken, die pal­lia­tiv­me­di­zi­nisch an­ge­mes­sen ver­sorgt wer-

21.060

27.922

34.340

39.995

43.798

52.214

58.691 den kön­nen, hat sich al­so in den ver­gan­ge­nen acht Jah­ren mehr als ver­drei­facht.

Aus Sicht der Lin­ken reicht die­ser Auf­wuchs bei wei­tem nicht. „Be­darfs­ge­rech­tig­keit muss end­lich Maß­stab der Ge­sund­heits­ver­sor­gung wer­den“, for­dert die Ge­sund­heits- und Pfle­ge­ex­per­tin der Links­frak­ti­on, Birgit Wöl­lert. „Das gilt be­son­ders für die sta­tio­nä­ren An­ge­bo­te zur Pal­lia­tiv- und Ho­s­piz­ver­sor­gung.“Ein De­fi­zit sieht Wöl­lert ins­be­son­de­re in den Pfle­ge­hei­men: „Auch schwerst­kran­ke und ster­ben­de Men­schen in Pfle­ge­hei­men müs­sen den­sel­ben An­spruch auf ei­ne hoch­wer­ti­ge Ver­sor­gung ha­ben wie Men­schen im sta­tio­nä­ren Ho­s­piz“, for­dert Wöl­lert.

Eu­gen Brysch, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Pa­ti­en­ten­schutz, sieht dies ähn­lich: „In Pfle­ge­hei­men ist die Si­tua­ti­on am schlimms­ten.“Von rund 350.000 Men­schen, die jähr­lich in ei­nem Pfle­ge­heim ster­ben, hät­ten et­wa 210.000 pal­lia­ti­ven Be­darf. Aus Sicht der Pa­ti­en­ten­schüt­zer wird das ge­plan­te neue Pal­lia­tiv­ge­setz die Si­tua­ti­on in Pfle­ge­hei­men nicht ent­schei­dend ver­bes­sern. Im Ge­gen­teil: „Die Kluft wird grö­ßer“, sagt Brysch mit Blick auf die Ho­s­pi­ze, die künf­tig fi­nan­zi­ell bes­ser aus­ge­stat­tet wer­den. Er for­dert, dass die Ver­sor­gung in den Pfle­ge­hei­men auf das glei­che Ni­veau ge­bracht wer­den müs­se. Kos­ten­punkt nach sei­nen Be­rech­nun­gen: 720 Mil­lio­nen Eu­ro pro Jahr. Für das Ho­s­piz­ge­setz plant die Ko­ali­ti­on bis­lang rund 200 Mil­lio­nen Eu­ro an Mehr­aus­ga­ben pro Jahr ein.

Das Pro­blem der schlech­ten Ver­sor­gung Ster­ben­der in Pfle­ge­hei­men hat die Bun­des­re­gie­rung durch­aus er­kannt. „Un­ter­su­chun­gen zei­gen, dass Pfle­ge­be­dürf­ti­ge in der Ster­be­pha­se oft in ein Kran­ken­haus über­wie­sen wer­den, da ein Teil der Pfle­ge­hei­me nicht im er­for­der­li­chen Maß auf die Ver­sor­gungs­be­dar­fe ih­rer Be­woh­ner und Be­woh­ne­rin­nen am Le­bens­en­de ein­geht oder ein­ge­hen kann“, heißt es in der Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung.

Ein Mo­dell­pro­jekt soll nun die Grün­de er­for­schen, war­um es in der Ster­be­pha­se so vie­le Über­wei­sun­gen in Kran­ken­häu­ser gibt. Das Pro­jekt soll bis 2017 lau­fen.

Die Bun­des­re­gie­rung ver­weist auch dar­auf, dass weit mehr als 90 Pro­zent der Pfle­ge­ein­rich­tun­gen ein Kon­zept für Ster­be­be­glei­tung vor­wei­sen könn­ten. Al­ler­dings sagt das Vor­han­den­sein ei­nes sol­chen Kon­zepts nichts dar­über aus, wie gut die Ver­sor­gung tat­säch­lich ist. Zu­mal vie­le Pfle­ge­hei­me un­ter chro­ni­schem Per­so­nal­man­gel lei­den.

„In Pfle­ge­hei­men ist die Si­tua­ti­on am

schlimms­ten“

Vor­sit­zen­der Stif­tung Pa­ti­en­ten­schutz

FO­TO: IMAGO | GRA­FIK: FERL

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.