Statt Neu­see­land: Auszeit in Win­ter­nam

Rheinische Post Goch - - FÜRS LEBEN - VON BI­AN­CA MOKWA

Auf dem Hils­hof ir­gend­wo im Nir­gend­wo ma­chen vier jun­ge Frau­en aus vier ver­schie­de­nen Län­dern Sta­ti­on. Die ei­nen be­nut­zen die Zeit zur Selbst­fin­dung, die an­de­ren ge­nie­ßen das nie­der­rhei­ni­sche Es­sen.

KREIS KLE­VE Neu­see­land, Aus­tra­li­en, das sind die be­gehr­ten Zie­le von Schul­ab­gän­gern. Denks­te. In Win­ter­nam bei Gel­dern tum­meln sich ak­tu­ell vier jun­ge Frau­en, die nach oder wäh­rend des Stu­di­ums ein Aus­lands­jahr ma­chen. Die Be­trei­ber Sacha Sohn und Mar­kus Wel­ters stel­len den Hils­hof seit drei Jah­ren zur Ver­fü­gung und bie­ten Work-and-Tra­vel-Kan­di­da­ten ei­nen kurz­fris­ti­ges Zu­hau­se.

Mit 22 Jah­ren war Sacha Sohn selbst wäh­rend ih­res Stu­di­ums in Aus­tra­li­en. „Das war ei­ne Ori­en­tie­rungs­zeit“, sagt die Hils­hof-Be­sit­ze­rin. „Ich fand das schön und möch­te

„Du spinnst, da pas­siert gar nichts. Wer will schon nach

Win­ter­nam?“

Mar­kus Wel­ters das auch an­de­ren an­bie­ten.“Nicht al­le glaub­ten an die über­zeu­gen­den Rei­ze des Nie­der­rheins. „Ich ha­be noch ge­sagt: Du spinnst, da pas­siert nix“, er­in­nert sich Mar­kus Wel­ters an sei­ne Re­ak­ti­on, als sei­ne Frau Sacha ih­ren Hof bei Hel­pX an­mel­de­te. „Wer will schon nach Win­ter­nam?“

Wer noch nicht dort war: Für ei­nen un­vor­ein­ge­nom­me­nen Be­ob­ach­ter ist Win­ter­nam ein Dorf, ein sehr klei­nes. Es gibt kein Ki­no, kei­nen Su­per­markt, da­für ei­ne Milch­tank­stel­le. Es gibt je­de Men­ge Grün, Wie­sen, Wei­den, Scha­fen und na­tür­lich Kü­he.

Drei Ta­ge stand der Hils­hof im In­ter­net, da ka­men die ers­ten An­fra­gen von Men­schen, die un­be­dingt dort­hin woll­ten. So et­wa die 19-jäh­ri­ge Ta­tya­na By­ko­va. Sie kommt aus ei­ner klei­nen In­dus­trie­stadt in Russ­land. Die El­tern woll­ten, dass sie Me­di­zin stu­diert. In ih­rer Zeit in Deutsch­land will sich Ta­tya­na aber erst ein­mal dar­über klar wer­den, was sie ei­gent­lich will. „Ich möch­te ich sel­ber wer­den“, sagt die 19-Jäh­ri­ge. Sie er­war­te sehr viel von der Zeit in Win­ter­nam, zwi­schen Scha­fen, Ap­fel­bäu­men und ganz viel frei­en Blick auf den Him­mel.

La­chend bie­gen Mo­mo­ko Is­hii aus Ja­pan und Jen­ny Wu aus Tai­wan um die Ecke. Mit bei­den Hän­den um­fasst Mo­mo­ko ei­ne Schub­kar­re. „Whee­l­bar­row“, über­setzt Sacha Sohn ins Eng­li­sche: „Das ist das ers­te Wort was sie ler­nen“, sagt sie la­chend.

Auf die Fra­ge, was sie ei­gent­lich sei, ant­wor­tet Mo­mo­ko: „Ei­ne Rei­sen­de.“Sie ist 32 Jah­re alt und reist durch ganz Eu­ro­pa, Win­ter­nam ist ei­ne Sta­ti­on. Sie hat ein Wor­king- Ho­li­day-Vi­sa, mit dem sie un­ter­wegs sein­kann. Auf dem Hils­hof ar­bei­tet sie für Kost und Un­ter­kunft. „Aber es ist nicht wie ar­bei­ten für mich“, ver­si­chert sie fröh­lich. In ih­rer Schub­kar­re sind St­ei­ne, um ein Stück im Hof zu pflas­tern.

„Je­des Hel­fer­team hin­ter­lässt so sei­ne Spu­ren“, sagt Sacha Sohn: drei bis fünf St­un­den am Tag hel­fen die jun­gen Leu­te auf dem Hof mit. So ste­hen Tie­re füt­tern, Zäu­ne zie­hen, Ap­fel­ern­te, Birnen­ern­te, Obst ein­ko­chen auf der To-Do-Lis­te.

Jen­ny Wu kommt aus Tai­wan. Sie fin­det die Ar­beit auf dem Hof „re­la­xing“. Und was die Ver­sor­gung an­geht: „Das Es­sen ist so gut“, schwärmt sie. Sie mag die tra­di­tio­nel­le Kü­che. Rei­be­ku­chen mit Ap­fel­kom­pott sei der ab­so­lu­te Ren­ner bei den Gäs­ten, ver­rät Sacha Sohn.

Nor­ma­ler­wei­se ar­bei­tet die 26jäh­ri­ge Jen­ny Wu in der Mar­ke­tin­gBran­che und ist un­ter an­de­rem für Face­book-Ad­ver­ti­sing zu­stän­dig. Ein­mal „dis­con­nec­ted“sein von der elek­tro­ni­schen Welt ist auch das Ziel der Fran­zö­sin He­le­ne Es­se. Sie ist für drei Wo­chen auf dem Hils­hof. Es ist ei­ne Hal­te­stel­le in ih­ren hal­ben Sab­bat­jahr. Sie ist Leh­re­rin und will ein­mal oh­ne Com­pu­ter aus­kom­men: „Mich nütz­lich füh­len mit ein­fa­chen Din­gen“, be­schreibt sie.

„Sie sind kei­ne Freun­de, sie sind kei­ne Gäs­te, sie sind ir­gend­was da­zwi­schen“, sagt Mar­kus Wel­ters über das Zu­sam­men­le­ben auf dem Hils­hof. „Wie ei­ne zwei­te Fa­mi­lie“emp­fin­det es Ta­tya­na.

In ih­rer Frei­zeit könn­ten die Be­su­cher die Re­gi­on er­kun­den, mit dem Zug nach Düsseldorf fah­ren oder mit dem Fahr­rad nach Grefrath. Vie­le blei­ben aber ein­fach auf dem Hof. „Ei­ne gan­ze Rei­he ge­nie­ßen es ein­fach, hier zu sein, auf die­ser ,In­sel’“, sagt Sacha Sohn. „Die ge­hen nicht weg.“So­lan­ge, bis die nächs­ten Work-and-Tra­vel­ler an die Tür des Hils­hofs klop­fen.

FO­TOS : MAR­KUS VAN OFFERN

Vier jun­ge Frau­en aus Russ­land, Tai­wan, Ja­pan und Frank­reich ma­chen ih­re Aus­lands­er­fah­run­gen am Nie­der­rhein. Auf dem Hils­hof ar­bei­ten sie für Kost und Lo­gis. Jen­ny Wu aus Tai­wan (links) und Mo­mo­ko Is­hii aus Ja­pan trans­por­tie­ren Pflas­ter­stei­ne mit der Schub­kar­re durch die länd­li­che Sze­ne­rie.

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