Kreuz­feu­er

Rheinische Post Goch - - UNTERHALTUNG -

Ich kehr­te von Kau­ri Hou­se durch den noch schla­fen­den Ort in Rich­tung Wan­ta­ge nach Greysto­ne Sta­bles zu­rück. Dass mein Bein jetzt nicht mehr bei je­dem Schritt klim­per­te, war ei­ne der gro­ßen Er­run­gen­schaf­ten des Abends bei Ian. Ich hat­te die Ver­bin­dung zwi­schen dem Pro­the­sen­schaft und dem Fuß­ge­lenk als Pro­blem­stel­le aus­ge­macht. Das Ge­lenk saß zwar fest, aber es klim­per­te, wenn ich mein Ge­wicht dar­auf ver­leg­te und zwei Me­tall­tei­le auf­ein­an­der­tra­fen. Mit ei­nem Schrau­ben­schlüs­sel und ei­nem Gum­mi­vier­eck, das Ian aus ei­nem ka­put­ten Stie­fel schnitt, war es mir ge­lun­gen, das Klim­pern ab­zu­stel­len. Jetzt ge­noss ich es, mich wie­der laut­los be­we­gen zu kön­nen.

Das Tor war im­mer noch mit Ket­te und Schloss ge­si­chert, und bei­des schien nicht an­ge­rührt wor­den zu sein. Ich moch­te mich aber nicht dar­auf ver­las­sen, dass in den ver­gan­ge­nen zwölf St­un­den nie­mand hier ge­we­sen war; Kon­trol­le war bes­ser.

Ich stieg wie­der über den Lat­ten­zaun und ging vor­sich­tig berg­an, sperr­te Au­gen und Oh­ren auf und hielt mich ne­ben dem As­phalt­weg, um noch lei­ser zu sein. Auf hal­ber Hö­he sah ich nach dem an ei­nen St­ein ge­lehn­ten Stöck­chen, das ich am Abend dort plat­ziert hat­te. Ein vor­bei­fah­ren­des Au­to hät­te das Stöck­chen ka­putt ge­macht, aber es war noch da. Nie­mand war über Nacht hier her­auf­ge­fah­ren, es sei denn, mit dem Mo­tor­rad.

Ich wuss­te nicht, ob ich dar­über froh oder ent­täuscht sein soll­te.

Den­noch blieb ich wach­sam, als ich mich dem Haus nä­her­te, und hielt mich an die Bü­sche auf der ei­nen Sei­te der klei­nen, un­kraut­über­wu­cher­ten Ra­sen­flä­che vor dem Haus. Im Os­ten hell­te sich der Him­mel in herr­li­chen Blau-, Vio­lett- und Rot­tö­nen auf. Ob­wohl ich in der Nacht ganz in mei­nem Ele­ment war, hat­te ich die Mor­gen­däm­me­rung, den An­bruch ei­nes neu­en Ta­ges, schon im­mer sehr schön ge­fun­den.

Der Son­nen­auf­gang, der Licht und Wär­me brach­te und die Käl­te und Dun­kel­heit der Nacht ver­trieb, war ein täg­lich wie­der­keh­ren­der, von Mensch und Tier glei­cher­ma­ßen her­bei­ge­sehn­ter Zau­ber. Wie kam es da­zu? Sei­en wir ein­fach dank­bar da­für.

Der rot­glü­hen­de Ball schob sich über den Ho­ri­zont, brei­te­te ein war­mes Oran­ge über den Hang und scheuch­te das Halb­dun­kel aus den Bü­schen.

Lei­se ver­such­te ich, die Tü­ren am Haus zu öff­nen. Sie wa­ren nach wie vor ab­ge­sperrt.

Ich ging ums Haus her­um, über den schot­ter­be­streu­ten Wen­de­platz und zu­rück in den gu­ten al­ten Stall­hof. Im hel­len Mor­gen­licht war der re­gen­nas­se Platz vom Abend kaum wie­der­zu­er­ken­nen. Die Stäl­le wa­ren als Ge­viert an­ge­legt, mit drei Bo­xen­rei­hen und der of­fe­nen Sei­te zum Haus hin.

Als Ers­tes ging ich zum lin­ken En­de des Stall­blocks, knie­te mich hin und las die Scher­ben auf, die noch un­ter dem ein­ge­schla­ge­nen Fens­ter auf dem Be­ton la­gen. Ich leg­te sie au­ßer Sicht in­nen auf den Fens­ter­sims. Er­set­zen konn­te ich die Schei­be nicht, aber man muss­te schon genau hin­schau­en, um zu se­hen, dass kei­ne drin war.

Ich ging die Bo­xen­rei­he ent­lang zu mei­ner Ge­fäng­nis­zel­le, öff­ne­te bei­de Halb­tü­ren und hak­te sie ein, um zu ver­hin­dern, dass mich je­mand kur­zer­hand wie­der ein­sperr­te, be­vor ich re­agie­ren konn­te.

Noch ein­mal such­te ich die Box ab, haupt­säch­lich nach mei­ner Uhr, aber auch für den Fall, dass mir am Abend im Halb­dun­kel ir­gend­et­was ent­gan­gen war. Ich fand nichts au­ßer dem Häuf­chen mei­nes ei­ge­nen Kots, der nicht weit von der Stel­le, wo der Wan­d­ring ge­we­sen war, am Bo­den trock­ne­te. Mir war be­kannt, dass Sol­da­ten von Son­der­ein­hei­ten wie der bri­ti­schen SAS oder der ame­ri­ka­ni­schen Delta Force dar­in ge­schult wur­den, bei Ein­sät­zen hin­ter den feind­li­chen Li­ni­en kei­ner­lei Spu­ren zu hin­ter­las­sen, und dass sie des­halb auch ih­ren ei­ge­nen Kot auf­la­sen und ihn in Plas­tik­tü­ten in ih­rem Ge­päck mit­führ­ten.

In Er­man­ge­lung ei­ner ge­eig­ne­ten Plas­tik­tü­te ließ ich mei­nen genau da, wo er war.

Schnell such­te ich die Box ne­ben­an ab, in der ich mei­ne Bein­pro­the­se und mei­nen Man­tel ge­fun­den hat­te. Auch da war mei­ne Uhr nicht. Ver­dammt, dach­te ich, an der Uhr hing ich wirk­lich.

Ich schloss die Stall­tür, ver­rie­gel­te sie und über­zeug­te mich da­von, dass die Rie­gel wie­der genau in der Stel­lung wa­ren, in der ich sie vor­ge­fun­den hat­te. Jetzt brauch­te ich mich nur noch zu ver­ste­cken und zu war­ten.

Den Ge­dan­ken, da­zu in ei­ne an­de­re Box zu ge­hen, ver­warf ich schnell. Ers­tens hät­te ich, falls et­was schief­lief, kei­nen ver­nünf­ti­gen Flucht­weg ge­habt. Und zwei­tens woll­te ich wirk­lich nicht, dass mein Feind ein paar nicht rich­tig ge­schlos­se­ne Rie­gel be­merk­te und mich im Vor­über­ge­hen ein­sperr­te, viel­leicht so­gar oh­ne zu ah­nen, dass ich da drin­nen war. Für die­se Wo­che hat­te ich vom Ein­ge­sperrt­sein ge­nug.

Nach ei­ni­gem Su­chen fand ich genau das Rich­ti­ge. In der Mit­te des Stall­blocks ge­gen­über der Bo­xen­rei­he, in der ich ge­fan­gen ge­we­sen war, be­fand sich ein Durch­gang. Zum Stall­hof hin hat­te er ei­ne Schwing­tür mit ei­nem ein­fa­chen Fall­rie­gel. Sie be­stand aus Lat­ten, die im Ab­stand von ei­ni­gen Zen­ti­me­tern auf ei­nen schlich­ten Holz­rah­men ge­schraubt wa­ren. Ei­ne Fe­der an der An­gel hielt die Tür ge­schlos­sen, aber wohl nur, da­mit sich kei­ne frei lau­fen­den Pfer­de da­von­ma­chen konn­ten.

Ich hob den Rie­gel an, stieß die Tür auf und pas­sier­te den Durch­gang. Hin­ter den Stäl­len war ein Mist­hau­fen, ein Berg aus ver­schmutz­tem Streu­s­troh und Sä­ge­spä­nen – der Pfer­de­mist, der nor­ma­ler­wei­se re­gel­mä­ßig ab­ge­holt und für den Gärt­ne­rei­be­darf auf­be­rei­tet wird. Nur war die­ser Mist schon so lan­ge nicht ab­ge­fah­ren wor­den, dass leuch­tend grü­ne Gras­bü­schel aus dem Stroh spros­sen.

Der Durch­gang soll­te of­fen­bar den Zu­gang von den Stäl­len zum Mist­hau­fen er­leich­tern. Und er war das idea­le Ver­steck.

Hin­ter den Bo­xen fand ich ein lee­res blau­es Plas­tik­fass, auf dem ich es mir be­quem mach­te, und so hielt ich bald hin­ter der Tür Aus­schau und war­te­te auf die An­kunft mei­nes Fein­des.

Wie gern hät­te ich mein treu­es SA80-Sturm­ge­wehr mit auf­ge­setz­tem Ba­jo­nett bei mir ge­habt. Oder bes­ser noch, ein mg mit vol­lem Pa­tro­nen­gurt.

Statt­des­sen hat­te ich nur mei­nen Sä­bel, doch er war nicht mehr in der Schei­de, son­dern ein­satz­be­reit.

Ich war­te­te lan­ge.

(Fort­set­zung folgt)

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