Der star­ke Mann am Bo­spo­rus

Rheinische Post Goch - - STIMME DES WESTENS - VON CHRIS­TO­PHER ZIED­LER

Be­such des tür­ki­schen Prä­si­den­ten in Brüssel zeigt: Die EU kommt an An­ka­ra nicht vor­bei, wenn es um die Flücht­lings­kri­se geht. Das hilft dem Macht­po­li­ti­ker Er­do­gan – so sehr, dass Kri­ti­ker schon ei­nen fau­len De­al wit­tern.

BRÜSSEL Re­cep Tay­yip Er­do­gan ist die­ses Mal nicht als Bitt­stel­ler nach Brüssel ge­kom­men, der die fest­ge­fah­re­nen EUBei­tritts­ver­hand­lun­gen wie­der­be­le­ben und Vi­sa-Er­leich­te­run­gen für sei­ne Bür­ger ha­ben will. Er hat sich ges­tern auch nicht vor­ran­gig für die Ver­fol­gung kri­ti­scher Jour­na­lis­ten und kur­di­scher Po­li­ti­ker recht­fer­ti­gen müs­sen. Zum ge­frag­ten Mann, dem Wün­sche er­füllt wer­den, ist der tür­ki­sche Prä­si­dent viel­mehr im Zu­ge der Flücht­lings­kri­se ge­wor­den. „Die Tür­kei spielt ei­ne wich­ti­ge und zen­tra­le Rol­le bei de­ren Be­wäl­ti­gung“, sag­te der Spre­cher von Kom­mis­si­ons­chef Je­anClau­de Juncker, der Er­do­gan zu­sam­men mit den an­de­ren EU-Spit­zen emp­fing.

Das Man­dat da­für hat­ten sie vor knapp zwei Wo­chen vom EU-Son­der­gip­fel er­hal­ten, der ei­ne „Ver­stär­kung des Dia­logs auf al­len Ebe­nen“be­schlos­sen hat­te, „um un­se­re Zu­sam­men­ar­beit bei der Be­wäl­ti­gung und Steue­rung der Mi­gra­ti­ons­strö­me aus­zu­bau­en“. Das stell­te ei­ne Kehrt­wen­de dar, weil das Ver­hält­nis zu An­ka­ra zu­letzt im­mer stär­ker ab­ge­kühlt war. „Es ist gut“, so ein hoch­ran­gi­ger EU-Di­plo­mat, „dass nun al­le wie­der die stra­te­gi­sche Be­deu­tung des Lan­des er­ken­nen und die Be­zie­hun­gen nicht auf die auf Eis lie­gen­den Bei­tritts­ge­sprä­che be­schränkt sein darf.“Und al­len ist klar, dass das et­was kos­tet – fi­nan­zi­ell wie po­li­tisch: „Für ei­nen ver­nünf­ti­gen Dia­log“, hat­te es schon vor dem jüngs­ten Gip­fel aus dem Bun­des­kanz­ler­amt ge­hei­ßen, „muss man auch auf das ein­ge­hen, was die Tür­kei vor­schlägt.“

Die Eu­ro­päi­sche Uni­on will al­so et­was von der Tür­kei – und zwar dass der Flücht­lings­strom Rich­tung Eu­ro­pa ab­schwillt und die Re­gie­rung in An­ka­ra ih­ren Teil da­zu bei­trägt. So sol­len so­wohl die grü­ne Gren­ze zu Grie­chen­land als auch der kur­ze See­weg auf die In­seln Kos oder Les­bos viel stär­ker ge­si­chert wer­den als bis­her. Da­zu soll es den ers­ten Über­le­gun­gen ei­nes Brüs­se­ler Ak­ti­ons­plans zu­fol­ge ge­mein­sa­me grie­chisch-tür­ki­sche Pa­trouil­len ge­ben, die von der EU-Grenz­schutz­agen­tur Fron­tex ko­or­di­niert wür­den. Die Tür­kei müss­te sich dem­nach ver­pflich­ten, al­le an der ab­ge­rie­gel­ten Gren­ze zu­rück­ge­wie­se­nen Flücht­lin­ge auf­zu­neh­men und zu ver­sor­gen.

Er­staun­lich sind die Zah­len, die im Raum ste­hen und in Brüssel be­stä­tigt wer­den – als „Grö­ßen­ord­nun­gen, über die man nach­den­ken könn­te“. Wei­te­re zwei Mil­lio­nen Flücht­lin­ge vor­ran­gig aus Sy­ri­en soll die Tür­kei be­her­ber­gen – in sechs neu­en Auf­nah­me­la­gern. Da­für wür­den aus dem EU-Etat 250 Mil­lio­nen Eu­ro be­reit­ge­stellt – zu­sätz­lich zu der Mil­li­ar­de, die in den ver­gan­ge­nen Wo­chen be­reits an­ge­kün­digt wur­de. Ziel ist, die Le­bens­be­din­gun­gen für Flücht­lin­ge so er­träg­lich zu gestal­ten, dass sie sich gar nicht erst auf den Weg nach Wes­ten ma­chen. Zur­zeit näm­lich sind vie­le Ge­mein­den und lo­ka­le Struk­tu­ren über­for­dert, ste­hen Ge­sund­heits- und Bil­dungs­sys­tem vor dem Kol­laps, wie ein Brüs­se­ler Tür­kei-Ex­per­te be­rich­tet. Ne­ben dem Geld soll auch ein gro­ßes „Re­set­t­le­ment-Pro­gramm“für Ent­las­tung sor­gen – bis zu 500.000 Men­schen könn­ten aus den Flücht­lings­la­gern in der Tür­kei oh­ne die oft töd­li­che Rei­se in die EU um­ge­sie­delt wer­den. Ein wei­te­res Bon­bon: Das vi­sums­freie Rei­sen, das vor al­lem tür­ki­sche Ge­schäfts­leu­te seit Jah­ren er­folg­los ein­for­dern, könn­te nun Rea­li­tät wer­den.

Ob Er­do­gan ein­ge­schla­gen hat, war am gest­ri­gen Abend, der in ei­nem lan­gen Abend­es­sen mit Juncker, EU-Rats­chef Do­nald Tusk und Par­la­ments­prä­si­dent Mar­tin Schulz mün­de­te, noch nicht zu er­fah­ren. Zu­min­dest aber gab Er­do­gan der EU kei­nen Korb, son­dern sag­te, sein Land sei „of­fen für al­le Ar­ten von Ko­ope­ra­ti­on in Mi­gra­ti­ons­fra­gen“. Mit ei­ner so­for­ti­gen Ent­schei­dung war

Re­cep Tay­yip Er­do­gan we­gen des lau­fen­den tür­ki­schen Wahl­kampfs oh­ne­hin nicht ge­rech­net wor­den. „Wir ha­ben heu­te ei­nen Pro­zess ge­star­tet“, sag­te ein hoch­ran­gi­ger Di­plo­mat. „Er­do­gan dürf­te sich vor den Wah­len je­doch kaum zu et­was ver­pflich­ten.“Zu­mal wenn es um die Auf­nah­me vie­ler neu­er Flücht­lin­ge geht in ei­nem Land, des­sen Wirt­schaft zu­letzt au­ßer Tritt ge­kom­men ist und we­ni­ger Steu­ern zahlt, die für die Be­glei­chung der bis­he­ri­gen Rech­nung für die Flücht­lings­un­ter­brin­gung in Hö­he von sie­ben Mil­li­ar­den Dol­lar not­wen­dig sind.

Die­se Sicht­wei­se je­doch spielt her­un­ter, dass das nun auf dem Tisch lie­gen­de An­ge­bot der Eu­ro­pä­er Er­do­gan schlicht noch nicht rei­chen könn­te. So ver­lang­te der tür­ki­sche Staats­chef er­neut Un­ter­stüt­zung für sei­ne Idee, Schutz­zo­nen für Flücht­lin­ge in Sy­ri­en ein­zu­rich­ten – wo­zu es ein mi­li­tä­ri­sches UN-Man­dat bräuch­te. Und Er­do­gan sieht sein Land na­tur­ge­mäß auf der Lis­te si­che­rer Dritt­staa­ten für Flücht­lin­ge. Von der EUKom­mis­si­on und Schulz be­kam er da­für Un­ter­stüt­zung: „Es ist ab­so­lut un­mög­lich, von der Tür­kei ei­ner­seits als Bei­tritts­kan­di­dat zu spre­chen, ihm an­de­rer­seits aber den Sta­tus ei­nes für Flücht­lin­ge un­ge­fähr­li­chen Lan­des zu ver­wei­gern.“Die Bun­des­re­gie­rung sieht das bis­her an­ders, weil die Asy­l­A­n­er­ken­nungs­quo­te spe­zi­ell tür­ki­scher Kur­den in Deutsch­land deut­lich hö­her ist als für Men­schen vom Bal­kan. Al­ler­dings sei­en „die Be­ra­tun­gen noch nicht ab­ge­schlos­sen“, räumt ein EU-Di­plo­mat ein. Die De­bat­te dar­über, wie die Bei­tritts­ge­sprä­che mit der Tür­kei wie­der­be­lebt wer­den könn­ten, hat noch nicht ein­mal be­gon­nen.

Die Ge­mein­schaft könn­te al­so noch wei­ter auf Er­do­gan zu­ge­hen, als dies bis­her schon be­kannt ist. „Die EU ist be­reit, mit der Tür­kei über al­les zu re­den“, sag­te Tusk nach dem Tref­fen. Das ist viel mehr, als den Kri­ti­kern lieb ist. „Wenn Er­do­gan Flücht­lin­ge auf­hält, darf er wei­ter kri­tik­los Kur­den und Jour­na­lis­ten ver­fol­gen“, rügt die Grü­nen­Eu­ro­pa­ab­ge­ord­ne­te Ska Kel­ler, „so sieht der De­al aus.“Die Or­ga­ni­sa­ti­on Pro Asyl sprach von ei­ner „mo­ra­li­schen Bank­rott­er­klä­rung Eu­ro­pas“.

„Die Tür­kei ist of­fen für al­le

Ar­ten von Ko­ope­ra­ti­on“

Tür­ki­scher Prä­si­dent

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