Wäh­ler schwä­chen Por­tu­gals Spar-Re­gie­rung

Rheinische Post Goch - - POLITIK - VON BIRGIT MAR­SCHALL UND PAS­CAL PILLATH

Im gera­de erst sta­bi­li­sier­ten Land wird es kom­pli­ziert: Die kon­ser­va­ti­ve Al­li­anz hat die ab­so­lu­te Mehr­heit im Par­la­ment ver­lo­ren.

LIS­S­A­BON In Por­tu­gal hat die Mit­te­Rechts-Re­gie­rung von Mi­nis­ter­prä­si­dent Pe­dro Pas­sos Co­el­ho die Wahl ge­won­nen, ih­re ab­so­lu­te Mehr­heit aber ein­ge­büßt. Im Par­la­ment ha­ben die lin­ken Par­tei­en künf­tig die Mehr­heit, sie ver­fol­gen al­ler­dings kei­nen ge­mein­sa­men Kurs. Co­el­ho kün­dig­te an, ei­ne Min­der­heits­re­gie­rung zu bil­den und sei­ne Re­form­po­li­tik fort­zu­set­zen. Dies er­mun­ter­te An­le­ger ges­tern, bei An­lei­hen des frü­he­ren Eu­roK­ri­sen­lan­des zu­zu­grei­fen. Dies drück­te die Ren­di­ten der zehn­jäh­ri­gen Ti­tel auf den tiefs­ten Stand seit fünf Mo­na­ten.

Por­tu­gal steht da­mit vor ei­ner schwie­ri­gen Re­gie­rungs­bil­dung: Noch ist un­klar, ob der Mi­nis­ter­prä­si­dent wei­ter re­gie­ren kann – oder ob die drei lin­ken Op­po­si­ti­ons­par­tei­en, die sich bis­her nicht be­son­ders ei­nig wa­ren, ge­mein­sam das Ru­der über­neh­men. Pas­sos er­rang aber die meis­ten Stim­men und ist da­mit im­mer­hin der ers­te Mi­nis­ter­prä­si­dent, der in ei­nem Eu­ro-Kri­sen­land ei­nen Spar­kurs durch­setz­te und trotz­dem nicht ab­stürz­te.

Die Wirt­schafts­aus­sich­ten Por­tu­gals blei­ben da­mit deut­lich bes­ser als et­wa die Grie­chen­lands. Por­tu­gal konn­te 2014 erst­mals seit dem Ab­sturz 2011 wie­der in die Wachs­tums­zo­ne zu­rück­keh­ren. Das Brut­to­in­lands­pro­dukt leg­te um 0,9 Pro­zent ge­gen­über dem Vor­jahr zu. Für das lau­fen­de Jahr er­war­ten Volks­wir­te ei­ne et­wa dop­pelt so ho­he Wachs­tums­ra­te von rund 1,5 Pro­zent – trotz der Wah­len. Das Wachs- tum macht sich auch po­si­tiv am Ar­beits­markt be­merk­bar: Die Ar­beits­lo­sen­ra­te sinkt. In Grie­chen­land da­ge­gen ist ein En­de der Re­zes­si­ons­pha­se trotz Auf­wärts­kur­ve beim Wirt­schafts­wachs­tum noch nicht rich­tig in Sicht. Denn wert­vol­le Zeit ging hier ver­lo­ren, weil der Re­form­pro­zess seit Jah­res­be­ginn ge­stoppt wur­de.

In Por­tu­gal muss­ten sich die Kon­ser­va­ti­ven nach gut 50 Pro­zent der Stim­men im Jahr 2011 dies­mal mit 38,8 Pro­zent be­gnü­gen. Doch die So­zia­lis­ten ka­men auch nur auf 32,4 Pro­zent. Die CDU, ein Bünd­nis aus Kom­mu­nis­ten und Grü­nen, lag bei 10,2, der mar­xis­ti­sche Links­block bei 8,3 Pro­zent. Nach der Ver­ga­be von 226 der ins­ge­samt 230 Par­la­ments­sit­ze be­kommt das Re­gie­rungs­bünd­nis 104, 2011 wa­ren es noch 132 ge­we­sen. Die drei lin­ken Par­tei­en brin­gen es zu­sam­men auf 121 Sit­ze. Zur Mög­lich­keit ei­ner lin­ken Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on sag­ten die Op­po­si­ti­ons­par­tei­en ges­tern vor­erst je­doch nichts Kon­kre­tes.

Por­tu­gals Wahl galt vor al­lem als Ab­stim­mung über ei­nes: den har­ten und um­strit­te­nen Spar­kurs von Co­el­ho. Der 51-jäh­ri­ge ge­lern­te Öko­nom hat­te zwar ver­hin­dert, dass Por­tu­gal zu ei­nem „zwei­ten Grie­chen­land“wur­de, war aber im Land we­gen der star­ken Kür­zun­gen und ei­ner zu­neh­men­den Ver­ar­mung der Be­völ­ke­rung von der Op­po­si­ti­on kri­ti­siert wor­den. Im Wahl­kampf hat­te Pas­sos da­ge­gen vor ei­nem dro­hen­den Cha­os im Fal­le ei­ner lin­ken Re­gie­rung ge­warnt.

Der kon­ser­va­ti­ve Mi­nis­ter­prä­si­dent wird vor­aus­sicht­lich zu­nächst

Pe­dro Pas­sos Co­el­ho mit der Re­gie­rungs­bil­dung be­traut. Co­el­ho strebt mit den So­zia­lis­ten ei­ne Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on an, doch die­se lie­ßen of­fen, ob sie auf das An­ge­bot ein­ge­hen – oder statt­des­sen selbst an die Macht wol­len.

Der Spit­zen­kan­di­dat der So­zia­lis­ten (PS) in­ter­pre­tier­te das Er­geb­nis an­ders als Co­el­ho. Der Wäh­ler ha­be sich für ei­nen Re­gie­rungs­wech­sel aus­ge­spro­chen, sag­te An­tó­nio Cos­ta. So­wohl die PS als auch die bei­den an­de­ren Link­s­par­tei­en, die den Ein­zug ins Par­la­ment schaff­ten, lie­ßen wis­sen, dass man ei­ne kon­ser­va­ti­ve Re­gie­rung nicht mit­tra­gen und auch den von Co­el­ho als „obers­te Prio­ri­tät“be­zeich­ne­ten Haus­halt für 2016 nicht ab­seg­nen wer­de.

Der por­tu­gie­si­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent will das Spar­pro­gramm 2016 zwar fort­set­zen, gab aber auch be­kannt, dass er die Ge­halts­kür­zun­gen im öf­fent­li­chen Di­enst gra­du­ell zu­rück­neh­men wol­le. „Wir in­ter­pre­tie­ren die Er­geb­nis­se mit De­mut“, sag­te er am Wahl­abend. Da auch So­zia­lis­ten-Spit­zen­mann Cos­ta trotz al­ler Kri­tik am Spar­kurs die Haus­halts­dis­zi­plin groß­schreibt, se­hen die eu­ro­päi­schen Part­ner die Aus­wir­kun­gen der Wahl noch eher ge­las­sen. Auch Cos­ta möch­te nicht auf Kol­li­si­ons­kurs zu den eu­ro­päi­schen In­sti­tu­tio­nen ge­hen.

Por­tu­gal war mit 78 Mil­li­ar­den Eu­ro von sei­nen eu­ro­päi­schen Part­nern ge­stützt wor­den und hat­te im Ge­gen­zug ei­ge­ne Re­for­men und ei­nen Spar­kurs ein­ge­lei­tet. Im Mai ver­gan­ge­nen Jah­res konn­te das Land den Ret­tungs­schirm wie­der ver­las­sen. Al­ler­dings wa­ren Min­der­heits­re­gie­run­gen in Por­tu­gal bis­lang we­nig er­folg­reich. Seit dem Sturz der Dik­ta­tur 1974 hat kei­ne die vol­le Le­gis­la­tur­pe­ri­ode durch­ge­hal­ten.

„Wir in­ter­pre­tie­ren die Wah­l­er­geb­nis­se

mit De­mut“

Mi­nis­ter­prä­si­dent Por­tu­gals

Vie­le Ana­lys­ten rech­nen je­doch nicht mit ernst­haf­ten Schwie­rig­kei­ten im Par­la­ment. Auch der Markt setz­te auf ei­ne Fort­set­zung der bis­he­ri­gen Li­nie. In Grie­chen­land da­ge­gen muss die wie­der­ge­wähl­te Re­gie­rung von Mi­nis­ter­prä­si­dent Al­exis Tsi­pras jetzt ei­nen emp­find­li­chen Re­form­kurs fah­ren, der das Land wei­te­res Wachs­tum kos­ten dürf­te.

Tsi­pras dringt in wei­te­ren Ver­hand­lun­gen mit den Geld­ge­bern auf ei­nen Schul­den­er­lass für sein Land. Da auch der In­ter­na­tio­na­le Wäh­rungs­fonds auf Er­leich­te­run­gen pocht, wird sich da­mit noch im Ok­to­ber wohl auch der deut­sche Bun­des­tag be­fas­sen müs­sen.

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