Das En­de der Brief­kas­ten­fir­men

Rheinische Post Goch - - WIRTSCHAFT - VON FLO­RI­AN RIN­KE

Mit neu­en Re­geln wol­len die gro­ßen In­dus­trie- und Schwel­len­län­der die Steu­er­tricks in­ter­na­tio­na­ler Kon­zer­ne ver­hin­dern. Klappt das?

DÜSSELDORF/BRÜSSEL Es gibt Wer­be­kam­pa­gnen, die sich als Bu­me­rang er­wei­sen. Dann et­wa, wenn ein Un­ter­neh­men in ei­nem Ge­schäfts­jahr rund 2,6 Mil­li­ar­den Eu­ro Net­to­ge­winn macht, aber nur 48.000 Eu­ro Steu­ern be­zahlt. Dann, wenn die­ser Welt­kon­zern ein ver­schach­tel­tes Fir­men­ge­flecht er­rich­tet, das qua­si in je­dem Steu­er­pa­ra­dies der Welt ei­ne An­schrift hat. Da kann es schnell zy­nisch wir­ken, wenn man gleich­zei­tig für sei­ne Ikea-Ein­rich­tungs­häu­ser mit dem Spruch: „Ent­de­cke die Mög­lich­kei­ten“wirbt.

Ikea, bzw. der Mut­ter­kon­zern In­ter Ikea Hol­ding, ist nicht das ein­zi­ge Groß­un­ter­neh­men, das mit al­len Mit­teln ver­sucht, Geld am Fis­kus vor­bei­zu­schleu­sen. Auch App­le, Ama­zon oder Star­bucks wer­den sol­che Prak­ti­ken im­mer wie­der vor­ge­wor­fen. Ein Steu­er­satz von rund 0,002 Pro­zent, den die „Süd­deut­sche Zei­tung“im Fall Ikea für das Jahr 2010 re­cher­chier­te, ist zwar un­ge­wöhn­lich nied­rig, aber nicht die Aus­nah­me. Auch dem US-Kon­zern App­le ge­lang es in der Ver­gan­gen­heit be­reits, im Aus­land trotz ei­nes Ge­winns von 36,8 Mil­li­ar­den Dol­lar nur 1,9 Pro­zent Steu­ern zu zah­len.

Egal, ob ein, fünf oder fünf­zehn Pro­zent: Die gro­ßen In­dus­trie- und Schwel­len­län­der wol­len mit der Pra­xis ge­ne­rell Schluss ma­chen, denn der Scha­den ist für sie im­mens. Schät­zungs­wei­se 100 bis 240 Mil­li­ar­den Eu­ro ge­hen den Staa­ten jähr­lich durch die Ge­winn­ver­schie­bun­gen ver­lo­ren.

Ges­tern leg­te die Or­ga­ni­sa­ti­on für wirt­schaft­li­che Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung (OECD) da­her ei­nen 15-Punk­te-Plan vor, mit dem die krea­ti­ve Steu­er­ge­stal­tung von Groß­kon­zer­nen und das Ver­schie­ben von Ge­win­nen in be­son­ders steu­er­güns­ti­ge Län­der ein En­de ha­ben soll. Er soll ge­gen En­de der Wo­che von den 20 wich­tigs­ten In­dus­trie­na­tio­nen der Welt (G20) am Ran­de der Jah­res­ta­gung des In­ter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds im pe­rua­ni­schen Li­ma be­schlos­sen wer­den.

Ih­re An­kün­di­gung fei­er­ten die Po­li­ti­ker aber schon jetzt mit mar­ki­gen Wor­ten. Von ei­nem „Mei­len­stein“sprach bei­spiels­wei­se Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le (CDU). Und OECD-Ge­ne­ral­se­kre­tär An­gel Gur­ría nann­te die Maß­nah­men die größ­te Ve­rän­de­rung für das in­ter­na­tio­na­le Steu­er­recht seit fast ei­nem Jahr­hun­dert.

So sol­len Län­der künf­tig leich­ter Da­ten über mul­ti­na­tio­na­le Un­ter­neh­men mit ei­nem Jah­res­um­satz von mehr als 750 Mil­lio­nen Eu­ro aus­tau­schen kön­nen. Die­se müs­sen den Fi­nanz­be­hör­den da­zu mehr Da­ten über­mit­teln, un­ter an­de­rem über Ver­mö­gens­wer­te in Staa­ten.

Brief­kas­ten­fir­men, un­durch­sich­ti­ge Fi­nanz­strö­me und merk­wür­di­ge Li­zenz-Kon­struk­tio­nen – all das soll so der Ver­gan­gen­heit an­ge­hö­ren. Bei­spiel Pa­t­ent­bo­xen: Bis­lang war es gän­gi­ge Pra­xis in vie­len Groß­kon­zer­nen, die Steu­er­last durch Li­zenz­ge­büh­ren zu sen­ken. Weil vie­le Re­gie­run­gen Un­ter­neh­men für Ge­win­ne aus Pa­ten­ten oder Li­zen­zen ei­nen Steu­er­ra­batt ge­wäh­ren, war es für Kon­zer­ne lu­kra­tiv, die Li­zen­zen in ein Land zu ver­schie­ben, wo mög­lichst we­nig Steu­ern an­fal­len. So be­rich­te­te die „Süd­deut­sche Zei­tung“, dass die welt­weit mehr als 300 Ikea-Fi­lia­len vom Ver­kaufs­preis je­des Pro­dukts drei Pro­zent an ei­ne hol­län­di­sche Fir­ma über­wei­sen müs­sen. Die­ser ge­hö­re die Ike­aI­den­ti­tät, in­klu­si­ve Ikea-Lo­go. Ähn­lich ver­fährt laut „Spie­gel“auch Goog­le, das sei­ne eu­ro­päi­schen Um­sät­ze jah­re­lang nach Ir­land schleus­te – zu gro­ßen Tei­len in Form von Li­zenz­ge­büh­ren.

Künf­tig dürf­te das Pri­vi­leg nur noch ge­währt wer­den, wenn Un­ter­neh­men vor Ort auch wirk­lich for­schen und ent­wi­ckeln. Doch genau dar­in liegt na­tür­lich auch ein Ri­si­ko. Un­ter­neh­men könn­ten ih­re For­schung in be­son­ders steu­er­güns­ti­ge Län­der ver­le­gen. Ver­lie­rer wä­re dann der Wirt­schafts­stand­ort Deutsch­land, in dem deut­lich hö­he­re Ab­ga­ben an­fal­len.

Ge­ne­rel­le Kri­tik gab es ges­tern aus der deut­schen In­dus­trie. Die deut­schen Re­ge­lun­gen im Un­ter­neh­mens­steu­er­recht gin­gen wei­ter­hin deut­lich über die in­ter­na­tio­na­len Stan­dards hin­aus, kri­ti­sier­te Mar­kus Ker­ber, Haupt­ge­schäfts­füh­rer des Bun­des­ver­bands der Deut­schen In­dus­trie. Ri­si­ken be­stün­den au­ßer­dem bei dem Plan, um­fang­rei­che Steu­er­da­ten und be­triebs­wirt­schaft­li­che Da­ten der Un­ter­neh­men zwi­schen den Fi­nanz­ver­wal­tun­gen aus­zu­tau­schen. „Da­mit wer­den das Steu­er­ge­heim­nis und die Ver­trau­lich­keit von Ge­schäfts­da­ten be­droht.“Noch bleibt den Lob­by­is­ten Zeit, um Ein­fluss zu neh­men: Die Staats- und Re­gie­rungs­chefs wer­den das Pa­ket erst Mit­te No­vem­ber bei ih­rem Gip­fel im tür­ki­schen An­ta­lya be­schlie­ßen.

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