Di­ät aus der Do­se

Rheinische Post Goch - - WIRTSCHAFT - VON AN­NET­TE BO­SET­TI

Die Pul­ver-Ei­weiß-Di­ät „Al­ma­sed“ist Kult. Tat­säch­lich hilft sie beim Ab­neh­men. Aber Dis­zi­plin tut not. Ein Topf für 20 Eu­ro hält je nach An­zahl der Er­satz­mahl­zei­ten knapp vier Ta­ge.

Kurz vor den gro­ßen Fe­ri­en brach in mei­nem Freun­des­kreis die­se Di­ät-Epi­de­mie aus wie ei­ne leich­te Som­mer­grip­pe. Mei­ne Freun­din El­ke kreuz­te sams­tags im Ca­fé auf und trug statt ih­rer prall ge­füll­ten Markt­ta­schen Apo­the­ken­tü­ten zur Schau. Was ih­ren Freun­din­nen kei­nes­falls ent­ging: Die Je­ans schlot­ter­ten an Ober­schen­keln und Po, das T-Shirt spann­te nicht mehr über ih­rem Wohl­stands­bäuch­lein. Das sat­te Grin­sen der Freun­din be­rich­te­te von ei­nem ge­gen­tei­li­gen Zu­stand: Satt hat­te sich El­ke schon lan­ge nicht mehr ge­fühlt. „Ich lau­fe seit drei Mo­na­ten auf Al­ma­sed“, sag­te sie leicht zy­nisch, zeig­te auf die Do­sen in der Tü­te, ver­kün­de­te ei­nen Ge­wichts­ver­lust von zehn Ki­lo.

Bald wür­de sie das Di­ät-Pul­ver nur noch als Krü­cke be­nut­zen, kün­dig­te sie an, nach Ta­gen der Völ­le­rei viel­leicht ei­ne Mahl­zeit da­mit er­set­zen statt wie in der hei­ßen Ab­nehm­pha­se zwei oder drei Mahl­zei­ten. Die in der Apo­the­ke er­hält­li­chen Do­sen – ei­ne kos­tet rund 20 Eu­ro – so­wie der Sha­ker reis­ten so­dann mit El­ke in die Fe­ri­en nach Rü­gen.

Han­ne­lo­re und Paul sind deut­lich äl­ter als El­ke. Al­le drei ko­chen ex­trem gut. Das Kunst­händ­ler­paar isst fast noch lie­ber und aus­ge­fal­le­ner auf sei­nen Trips durch die Kunst­me­tro­po­len, bei sei­nen Es­sen für Kun­den, am Ran­de von Mes­sen. Die bei­den rei­sen neu­er­dings mit „Al­ma­sed“im Hand­ge­päck, denn sie wa­ren ih­rer Ru­bens-Run­dun­gen über­drüs­sig ge­wor­den. Sie ha­ben vor al­lem zu Hau­se dank kon­se­quen­ten Ein­sat­zes des Diät­pul­vers meh­re­re Ki­lo ab­neh­men kön­nen.

Wo man sich um­sieht, ist das Pul­ver ver­brei­tet, in Arzt­pra­xen, Ge­schäf­ten und Bü­ros. Mei­ne Freun­din Ja­cki hat zeit­le­bens al­les aus­pro­biert, was ihr Er­leich­te­rung ver­schaf­fen könn­te – auch sie trinkt/ isst jetzt das Zeug. Mit mä­ßi­gem Er­folg, da sie im­mer wie­der un­ter­bricht. Neu­er­dings er­wähn­te ein Kol­le­ge, dass er sei­ner neu er­wor­be­nen Rund­lich­keit ab und zu ei­ne „Al­ma­sed-Mahl­zeit“ent­ge­gen­set­ze, die ihm abends zu­hau­se kre­denzt wer­de an­stel­le von Wie­ner Schnit­zel mit Gur­ken­kar­tof­fel­sa­lat.

Ich ha­be das dann na­tür­lich für mich aus­pro­biert. Wer will nicht Rol­len am Bauch ver­rin­gern, er­wart­ba­ren dra­ma­ti­schen Ki­lo­zu­schlä­gen vor­beu­gen an­ge­sichts des Wil­lens, mit dem Rau­chen auf­zu­hö­ren? An­ders als mei­nen Freun­den hat mir das Pul­ver nicht ge­schmeckt. Erst als ich ei­ge­ne Zu­ta­ten er­fand – al­ler­feins­tes Öl und ge­schro­te­ten Lein­sa­men un­ter­misch­te –, konn­te ich da­mit le­ben. An­ge­sichts mei­ner ho­hen Ar­beits­be­las­tung woll­te und konn­te ich zu kei­nem Zeit­punkt drei Mahl­zei­ten durch „Al­ma­sed“er­set­zen, ich wä­re am zwei­ten Tag zu­sam­men­ge­bro­chen. So ha­be ich für mich be­stimmt, dass ich von Be­ginn an nur zwei Mahl­zei­ten er­set­ze und abends ei­ne selbst­ge­brut­zel­te, völ­lig koh­le­hy­drat­freie Mahl­zeit ein­neh­me.

Was an Fall­bei­spie­len ab­les­bar ist: Ei­ne Di­ät mit „Al­ma­sed“funk­tio­niert dann, wenn sie kon­se­quent ein­ge­hal­ten wird. Und wenn man die Maß­nah­men in Be­zug zu den rea­lis­ti­schen Zie­len setzt. Das ganz stren­ge Ver­fah­ren, das der Her­stel­ler vor­schlägt – in der An­fangs­pha­se drei Mahl­zei­ten durch „Al­ma­sed“er­set­zen und da­zu nur we­nig Brü­he trin­ken –, kön­nen nur Men­schen an­wen­den, die kör­per­lich nicht all­zu leis­tungs­fä­hig sein müs­sen. Die Kom­bi­na­ti­on von zwei Di­ät-Drinks mit ei­ner ech­ten Mahl­zeit führt of­fen­bar auch zum Ziel, wenn Sün­den (Sü­ßes, Al­ko­hol) nicht vor­kom­men. Wer nur ab und zu ei­ne Mahl­zeit er­setzt, der ver­liert schnell den Über­blick und sein Sys­tem aus dem Blick. Bei manch ei­nem führt aber of­fen­bar selbst die­se Maß­nah­me zu klei­nen Er­fol­gen auf der Waa­ge, bei an­de­ren wie­der­um nicht.

Das Fa­zit ist we­nig über­ra­schend. Die durch of­fen­si­ve Wer­bung po­pu­lär ge­wor­de­ne Di­ät aus der Do­se funk­tio­niert. Sie ist recht teu­er, da­für im All­tag we­nig auf­wen­dig. Ge­sund­heit­li­che Be­den­ken ge­gen das als Nah­rungs­er­gän­zungs­mit­tel de­kla­rier­te Pul­ver (s. u.) gibt es kaum. Wer den An­fang schafft, den Aus­stieg aus dem un­be­küm­mer­ten Vor­sich-hin-Müm­meln ins sün­den­freie Er­näh­ren, der hat schnell Er­folg. Das er­mun­tert wei­ter­zu­ma­chen. Das Wort Di­ät meint Le­bens­füh­rung. Wer sich da­zu ent­schließt, muss sein Le­ben än­dern und sein Ver­hal­ten, was Ge­duld ab­ver­langt, Kon­se­quenz und Dis­zi­plin. Der An­fang je­der Di­ät ist schwer, das Durch­hal­ten eben­so. Der Rück­fall in lieb­ge­won­ne­ne Ge­wohn­hei­ten ist da­ge­gen leicht. So lau­ert auch bei die­ser Di­ät der größ­te Feind beim Ab­neh­men: der Jo­jo-Ef­fekt.

FO­TO: BO­SET­TI

Bei ei­ner „Al­ma­sed“-Di­ät wird Was­ser mit Pul­ver und Öl an­ge­rührt, im Sha­ker ge­schüt­telt und ver­zehrt.

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