Me­di­zin-No­bel­preis für Na­tur­arz­nei-For­scher

Rheinische Post Goch - - KULTUR - VON RAI­NER KURLEMANN

Die aus­ge­zeich­ne­ten Wis­sen­schaft­ler ha­ben Wirk­stof­fe et­wa zur Be­kämp­fung von Mala­ria ent­deckt.

DÜSSELDORF Vor al­lem die Men­schen in den ärms­ten Län­dern der Welt pro­fi­tie­ren von der For­schung, die in die­sem Jahr mit dem Me­di­zin­No­bel­preis aus­ge­zeich­net wur­de. Et­was über­ra­schend wähl­te das No­bel-Ko­mi­tee drei Wis­sen­schaft­ler aus, die Me­di­ka­men­te ge­gen Krank­hei­ten ent­wi­ckelt ha­ben, die nach ei­nem Mü­cken­stich durch Pa­ra­si­ten aus­ge­löst wer­den. Der US-Ame­ri­ka­ner Wil­li­am C. Camp­bell von der Dr­ew-Uni­ver­si­ty in Ma­di­son, New York, und der Ja­pa­ner Sa­to­shi Omu­ra von der Ki­ta­sa­to Uni­ver­si­tät er­hiel­ten ei­ne Hälf­te des Prei­ses für die Ent­de­ckung ei­ner neu­en Wirk­stoff­klas­se, die ge­gen ge­fähr­li­che Wür­mer ein­ge­setzt wird. Die Chi­ne­sin Youy­ou Tu wur­de für die Ent­wick­lung von Ar­te­mi­si­nin aus­ge­zeich­net. Die Sub­stanz gilt als ers­te Wahl bei der Be­hand­lung von Mala­ria tro­pi­ca. Sie re­du­ziert die Sterb­lich­keit bei Er­wach­se­nen um 20 und bei Kin­dern um 30 Pro­zent. „Von die­sen Ent­de­ckun­gen pro­fi­tie­ren 3,5 Mil­li­ar­den Men­schen in mehr als 100 Na­tio­nen“, sag­te ein Spre­cher in Stock­holm. Das No­bel­preis­Ko­mi­tee ent­schied sich da­mit für an­wen­dungs­be­zo­ge­ne Wis­sen­schaft, nach­dem in den ver­gan­ge­nen vier Jah­ren Grund­la­gen­for­schung ge­ehrt wor­den war.

Die drei Wis­sen­schaft­ler kön­nen am bes­ten als Na­tur­stoff­for­scher be­schrie­ben wer­den. Sie su­chen in der Na­tur nach Sub­stan­zen, die für die The­ra­pie von Krank­hei­ten ge­eig­net er­schei­nen, und ent­wi­ckeln dar­aus Arz­nei­mit­tel. Camp­bell (85) und Youy­ou Tu (84) sind längst im Ru­he­stand, Omu­ra ar­bei­tet im Al­ter von 80 Jah­ren noch im La­bor. Camp­bell und Omu­ra be­schäf­tig­ten sich mit Bak­te­ri­en, die im Erd­reich le­ben. Der Ja­pa­ner iso­lier­te in sei­ner For­scher­zeit 470 che­mi­sche Sub­stan­zen, die die Bo­den­be­woh­ner her­stel­len, um sich ge­gen ih­re Um­welt zu ver­tei­di­gen. Der größ­te Er­folg ist die Wirk­stoff­grup­pe der Aver­mec­ti­ne aus den 1970er Jah­ren, die gleich meh­re­re wur­mar­ti­ge Pa­ra­si­ten be­kämpft. Die Sub­stanz­klas­se ist in ih­rer Be­deu­tung ver­gleich­bar mit An­ti­bio­ti­ka und wird jähr­lich mehr als 300 Mil­lio­nen Mal ver­ab­reicht. Die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (WHO) star­te­te da­mit ei­ne welt­wei­te Kam­pa­gne, um die Fluss­blind­heit und die Ele­fan­tia­sis aus­zu­rot­ten. Bei der ei­nen Krank­heit dro­hen die Be­trof­fe­nen zu er­blin­den, bei der an­de­ren schwel­len die Glied­ma­ßen au­ßer­ge­wöhn­lich stark an.

Youy­ou Tu ist erst die ach­te Frau, die mit ei­nem Me­di­zin-No­bel­preis aus­ge­zeich­net wird. Erst­mals geht die höchs­te Aus­zeich­nung der Na­tur­wis­sen­schaf­ten nach Chi­na. Youy­ou Tu ar­bei­te­te an der Aka­de­mie für tra­di­tio­nel­le chi­ne­si­sche Me­di­zin (TCM). Sie wer­te­te münd­li­che Über­lie­fe­run­gen und die Er­fah­run­gen der TCM-Ärz­te mit wis­sen­schaft­li­chen Me­tho­den aus. Da­bei ent­deck­te sie, dass ei­ne Pflan­ze mit dem bio­lo­gi­schen Na­men „Ar­te­mi­sia an­nua“(ein­jäh­ri­ger Bei­fuß) die Sym­pto­me der Mala­ria lin­dern konn­te. Doch ers­te Be­mü­hun­gen wa­ren nicht er­folg­reich. Dann ent­wi­ckel­te die Phar­ma­zeu­tin ein Ver­fah­ren, um die Wirk­stof­fe aus der Pflan­ze zu iso­lie­ren. Am 4. Ok­to­ber 1971 ha­be sie erst­mals Ar­te­mi­si­nin in rei­ner Form er­hal­ten, be­rich­tet Youy­ou Tu. Das Forscher­le­ben der Frau ver­lief aben­teu­er­lich und zeugt von Hart­nä­ckig­keit. Ih­re Ar­bei­ten er­schie­nen lan­ge nur auf Chi­ne­sisch. Erst 1981 wur­de die in­ter­na­tio­na­le For­schung durch ei­nen Vor­trag bei ei­nem UN-Mala­ria-Kon­gress in Pe­king auf ih­re Leis­tung auf­merk­sam. In Chi­na ist die Ent­de­cke­rin des der­zeit wich­tigs­ten Mala­ria-Me­di­ka­ments weit­ge­hend un­be­kannt.

FO­TO: DPA

Die chi­ne­si­sche Pa­ra­si­ten­for­sche­rin Youy­ou Tu.

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