Deutsch­lands düs­ters­te Se­rie

Rheinische Post Goch - - FERNSEHEN - VON SE­BAS­TI­AN DALKOWSKI

TNT-Se­rie will mit dem Sechs­tei­ler „Wein­berg“zei­gen, was ein deut­scher Be­zahl­sen­der leis­ten kann.

DÜSSELDORF Ein Mann öff­net die Au­gen und stellt fest, dass er in ei­nem Wein­berg liegt. Er hat ei­ne Platz­wun­de am Kopf. Ne­ben ihm hängt ei­ne leb­lo­se Frau mit Kro­ne und Kleid in den Re­ben. Der Mann hat kei­ne Ah­nung, was pas­siert ist und in wel­cher Ge­gend er sich be­fin­det. Er weiß nicht ein­mal, wer er ist und wie er heißt. Will­kom­men in Kal­ten­zell. Will­kom­men in der Mys­te­ry-Se­rie „Wein­berg“, die heu­te ih­re Pre­mie­re auf dem deut­schen Pay-TV-Ka­nal TNT-Se­rie fei­ert.

Wann im­mer es um deut­sche Fern­seh­se­ri­en geht, heißt es gleich: „War­um krie­gen das die Ame­ri­ka­ner ei­gent­lich so viel bes­ser hin?“Ein paar Ver­su­che hat es im­mer­hin ge­ge­ben. „Im An­ge­sicht des Ver­bre­chens“zum Bei­spiel, das lei­der ein Quo­ten­flop war, oder das nicht nur bei Kri­ti­kern be­lieb­te „Wei­ßen­see“. Doch wäh­rend in den USA die Re­vo­lu­ti­on des fol­gen­über­grei­fen­den Er­zäh­lens vom Pay-TV-Sen­der HBO aus­ging („So­pra­nos“, „The Wi­re“), ist sie in Deutsch­land eher ei­ne An­ge­le­gen­heit des öf­fent­lich-recht­li­chen Fern­se­hens.

Der klei­ne Pay-TV-Ka­nal TNT-Se­rie, der wie HBO zu Ti­me War­ner ge­hört, will nun mit dem Sechs­tei­ler „Wein­berg“zei­gen, dass auch hier­zu­lan­de das Be­zahl­fern­se­hen ei­ge­ne fik­tio­na­le In­hal­te ent­wi­ckeln kann. 3,6 Mil­lio­nen Eu­ro hat sich der Sen­der das kos­ten las­sen. 48 Ta­ge lang wur­de ge­dreht. Die Haupt­rol­len spie­len Fried­rich Mü­cke („Tat­ort Er­furt“) und Ant­je Traue („Man Of Steel“), Gu­drun Land­gre­be gibt ei­ne all­wis­sen­de Psy­cho­lo­gin. Vie­le an­de­re Ge­sich­ter hat man schon auf ARD und ZDF ge­se­hen.

Da ist al­so die­ser na­men­lo­se Frem­de, der plötz­lich in Kal­ten­zell auf­taucht, ei­nem ver­ne­bel­ten und ver­düs­ter­ten Dorf im Ahr­tal. Als er den Be­woh­nern von der To­ten im Wein­berg er­zählt, schi­cken die­se ei- nen Trupp hin­auf. Der wird al­ler­dings nicht fün­dig. Auf dem Wein­fest sieht der Frem­de die Frau wie­der – quick­le­ben­dig. Sie ist die Wein­kö­ni­gin von Kal­ten­zell. Doch die Freu­de währt nicht lan­ge, denn kur­ze Zeit spä­ter ist sie wirk­lich tot. Auf­ge­spießt im Wein­berg. Genau dort, wo er sie zu­vor ge­se­hen hat­te. Fort­an hat der Mann zwei Zie­le: Her­aus­zu­fin­den, wer er ist und wer die Frau um­ge­bracht hat. Kein ein­fa­ches Un­ter­fan­gen, weil die Dorf­be- völ­ke­rung nicht gera­de pfle­ge­leicht ist. Da gibt es den por­no­süch­ti­gen Bür­ger­meis­ter, die scha­ma­nisch ver­an­lag­te Fri­sö­rin, den heim­lich schwu­len Fa­mi­li­en­va­ter, die se­xu­ell un­er­füll­te Haus­frau, den neu­en Pfar­rer aus Fer­n­ost, der kaum ein Wort Deutsch spricht, und ei­nen schwei­gen­den Jun­gen, so­zu­sa­gen der Dorf­trot­tel von Kal­ten­zell. Von ei­nem fröh­li­chen Ge­sichts­aus­druck sind sie so weit ent­fernt wie der Ort von der Zi­vi­li­sa­ti­on.

Es ist die zwei­te Se­ri­en­pro­duk­ti­on des Sen­ders, die ers­te, „Add a Fri­end“, spiel­te nur im Stu­dio. Die Kon­kur­renz von Sky hat es bis­her nur auf ei­ne Co-Pro­duk­ti­on ge­bracht („100 Co­de“). Das Ri­si­ko, das TNT Se­rie ein­ge­gan­gen ist, hat sich ge­lohnt. Zwar hat „Wein­berg“ei­ni­ge Schwä­chen. Es gibt die be­kann­ten Mys­te­ry-Ste­reo­ty­pe und Ver­satz­stü­cke wie Blut aus Was­ser­häh­nen und Men­schen, die sich mit Blut ein­schmie­ren, Ra­ben und Ne­bel, da­mit auch al­len klar ist: „Hal­lo, ist düs­ter hier“. Und manch­mal ge­ben sich die Schau­spie­ler all­zu knor­rig. Aber mit der Zeit ent­wi­ckelt die­se Se­rie den aus US-Pro­duk­tio­nen be­kann­ten Sog. Fragt sich nur, ob die Dreh­buch­au­to­ren „Wein­berg“zu ei­nem be­frie­di­gen­den En­de füh­ren. Soll­te sich her­aus­stel­len, dass ein Hund das al­les nur ge­träumt hat – dann hat­te er ziem­lich vie­le Dro­gen im Napf. „Wein­berg“läuft ab heu­te je­den Di­ens­tag, 21.10 Uhr, auf TNT-Se­rie.

FO­TO: TUR­NER

Haupt­dar­stel­ler Fried­rich Mü­cke im Wein­berg.

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