Kreuz­feu­er

Rheinische Post Goch - - UNTERHALTUNG -

Von mei­nem Ver­steck aus sah ich zwar die Son­ne nicht, aber die veränderte Po­si­ti­on der Schat­ten ver­riet mir, dass vie­le St­un­den ver­gan­gen wa­ren, und die Zeit­an­ga­be auf mei­nem zur Kon­trol­le kurz ein­ge­schal­te­ten Han­dy be­stä­tig­te das.

Ich trank et­was Milch und war­te­te wei­ter. Nie­mand kam. Ab und zu stand ich auf und lief in dem kur­zen Durch­gang ein paar­mal hin und her, da­mit die Bei­ne durch­blu­tet wur­den. In den Stall­hof woll­te ich nicht ge­hen für den Fall, dass gera­de dann mei­ne Beu­te ein­traf.

All­mäh­lich wünsch­te ich mir, ich hät­te mir ei­ne Stel­le aus­ge­sucht, von der man das Ein­gangs­tor se­hen konn­te. Von mei­nem Ver­steck aus konn­te ich An­kom­men­de erst se­hen, wenn sie schon da wa­ren.

Im­mer wie­der ging ich den mög­li­chen Ablauf in Ge­dan­ken durch.

Ich rech­ne­te fest da­mit, dass mein ver­hin­der­ter Mör­der mit dem Wa­gen ein­traf, über den Wen­de­platz di­rekt auf den Stall­hof fuhr und nicht weit von der Box an­hielt, in der er mich noch ver­mu­te­te. Ich hat­te vor, so­bald er die Box be­trat, schnell und lei­se über den Hof zu lau­fen und ihn in mein ehe­ma­li­ges Ge­fäng­nis zu sper­ren, be­vor er noch be­griff, dass ich da nicht mehr an­ge­ket­tet und schon gar nicht tot war.

Wie es dann wei­ter­ge­hen soll­te, war ein we­nig un­scharf in mei­nem Kopf. Vie­les hing da­von ab, mit wem ich es zu tun hat­te. Ein sport­li­cher jun­ger Mann wür­de über die Wän­de und durch die Sat­tel­kam­mer flie­hen kön­nen wie ich. Ein äl­te­rer oder auch ein über­ge­wich­ti­ger Geg­ner wä­re we­ni­ger pro­ble­ma­tisch. Ich könn­te ihn ein we­nig im Stall schmo­ren las­sen, wie er mich. Aber bis er starb?

Und was wür­de ich tun, wenn sich her­aus­stell­te, dass der Feind mehr als ei­ner war?

Die­se Fra­ge hat­te mich den gan­zen Mor­gen be­schäf­tigt. Ein be­wusst­lo­ser Mensch, auch ein ein­bei­ni­ger, war schwer und un­hand­lich. Konn­te ei­ner al­lein mich in den Stall ge­schleppt und dann noch auf­recht ge­hal­ten ha­ben, wäh­rend er mich an die Wand ket­te­te? Wenn ja, dann muss­te der­je­ni­ge sehr kräf­tig sein und al­so sehr wohl in der La­ge, durch das Fens­ter in der Sat­tel­kam­mer zu ent­kom­men.

Je mehr ich dar­über nach­dach­te, des­to wahr­schein­li­cher schien mir, dass sie min­des­tens zu zweit ge­we­sen wa­ren. Und da­mit sah die Sa­che schon ganz an­ders aus. Woll­te ich al­lein es mit zwei oder noch mehr Leu­ten auf­neh­men?

Sun­zi, der Va­ter des tak­ti­schen Kamp­fes, schrieb: Wenn wir dem Feind an Stär­ke gleich sind und ihn über­ra­schen kön­nen, kämp­fen wir. Sind wir ihm zah­len­mä­ßig un­ter­le­gen, hal­ten wir uns fern.

Und genau das be­ab­sich­tig­te ich zu tun: Wenn sie zu zweit oder meh­re­ren auf­tauch­ten, wür­de ich sie nur von mei­nem Ver­steck aus be­ob­ach­ten und mich fern­hal­ten.

Den Stall­hof wei­ter­hin genau im Blick, rief ich am Nach­mit­tag um drei Mr. Hoo­g­land an. Mei­ne Ruf­num­mer un­ter­drück­te ich, da ich nicht woll­te, dass er sie, wenn auch un­wis­sent­lich, an den Fal­schen wei­ter­gab.

„O hal­lo“, be­grüß­te er mich. „Ich ha­be auf Ih­ren An­ruf ge­war­tet.“„Wie­so?“„Ich kann ei­ni­ge Ih­rer Fra­gen be­ant­wor­ten.“„Näm­lich?“, half ich nach. „Der Ver­stor­be­ne war de­fi­ni­tiv Ro­de­rick Ward“, sag­te er. „Aha.“„Sie hö­ren sich ent­täuscht an.“„Das we­ni­ger“, sag­te ich. „Nur et­was über­rascht bin ich. Ich hat­te mir ein­ge­re­det, Ro­de­rick Ward ha­be zum Schein sei­nen ei­ge­nen Tod in­sze­niert und sei noch am Le­ben.“

„Wer wä­re denn dann der To­te im Wa­gen ge­we­sen?“, frag­te er.

„Das weiß ich nicht. Ich hat­te nur Zwei­fel, dass es Ward war. Wie­so sind Sie sich jetzt si­cher?“

„Ich ha­be den Rechts­me­di­zi­ner ge­fragt.“

„Er hat­te al­so die DNA be­reits ana­ly­siert?“

„Nein, nein. Erst nach­dem ich ihn dar­um ge­be­ten ha­be.“Er lach­te. „Ich glau­be, dem Ärms­ten ha­be ich ei­nen ganz schö­nen Schre­cken ein­ge­jagt. Er ist blass ge­wor­den und so­fort in sein La­bor ver­schwun­den. Aber heu­te Mor­gen rief er an und sag­te, dass er jetzt den Ab­gleich ge­macht hat und das Pro­fil mit dem in der Da­ten­bank über­ein­stimmt. Es steht ganz au­ßer Zwei­fel, dass der To­te im Fluss der­je­ni­ge war, für den wir ihn ge­hal­ten ha­ben.“

Zu­min­dest schied Ro­de­rick da­mit als der Er­pres­ser aus.

„Hat der Arzt auch be­stä­tigt, dass das Was­ser in Wards Lun­ge aus dem Fluss stammt?“

„Ach, tut mir leid, das ha­be ich ver­ges­sen zu fra­gen.“

„Und Wards Schwes­ter?“, sag­te ich. „Ha­ben Sie über die et­was her­aus­ge­fun­den?“

„Al­ler­dings. An­schei­nend ist ihr Wa­gen am Mor­gen der Ge­richts­ver­hand­lung lie­gen­ge­blie­ben, und sie kam nicht recht­zei­tig hin. Man sag­te ihr, dann müs­se eben oh­ne sie ver­han­delt wer­den, und sie war da­mit ein­ver­stan­den.“

„Aber sie wohnt doch in Ox­ford“, wun­der­te ich mich. „Konn­te sie nicht den Bus neh­men? Oder zu Fuß ge­hen?“

„Of­fen­bar ist sie um­ge­zo­gen“, ant­wor­te­te er. „Sie hat mir ih­re Adres­se ge­ge­ben, aber ich hab sie nicht genau im Kopf. Ir­gend­wo in An­do­ver.“

„Oh“, sag­te ich. „Gut, dan­ke, dass Sie nach­ge­hört ha­ben. Da war ich viel­leicht doch auf dem fal­schen Damp­fer.“

„Ja­ja“, mein­te er weh­mü­tig. „Scha­de. Wä­re ei­ne gu­te Sto­ry ge­we­sen.“„Ja­ja“, mein­te auch ich. „Für Ih­re Zei­tung?“, klopf­te er auf den Busch.

„Ich bin kein Re­por­ter“, gab ich zu­rück und lach­te. „Bloß ein ge­bo­re­ner Skep­ti­ker. Bis dann wie­der.“

Ich be­en­de­te lä­chelnd das Te­le­fon­ge­spräch und schal­te­te das Han­dy aus. Und noch im­mer kam nie­mand. Ich aß den kal­ten Rest mei­nes Chi­na­me­n­üs vom Vor­abend und trank noch et­was Milch.

War­um trach­te­te mir je­mand nach dem Le­ben? Denn dass man mich ster­ben las­sen woll­te, stand jetzt fest. Ich konn­te mir recht gut vor­stel­len, in was für ei­nem Zu­stand ich ge­we­sen wä­re, wenn ich vier Ta­ge und drei Näch­te auf ei­nem Bein hät­te ste­hen müs­sen. Mit Si­cher­heit wä­re ich jetzt dem Tod nah ge­we­sen, wenn nicht schon tot.

Wer woll­te al­so mei­nen Tod? Und war­um?

Das sah nach ei­ner kras­sen Über­re­ak­ti­on auf die te­le­fo­ni­sche An­kün­di­gung aus, dass die Kau­ri-Pfer­de fort­an ih­rer Form ent­spre­chend lau­fen wür­den und nicht so, wie es ir­gend­ein Er­pres­ser woll­te.

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