Ing­mar Berg­man trifft Mon­ty Py­thon

Rheinische Post Goch - - BLICKPUNKT KULTUR - VON THO­MAS KLIN­GEN­MAI­ER

Drei Fil­me des Re­gie-La­ko­ni­kers Roy An­ders­son lie­gen in ei­ner Box vor.

Von der ame­ri­ka­ni­schen Theo­rie, Fil­me hie­ßen „mo­ving pictures“, kurz „mo­vies“, weil sich in ih­nen stän­dig et­was mög­lichst schnell zu be­we­gen ha­be, hält der schwe­di­sche Re­gis­seur Roy An­ders­son rein gar nichts. In sei­nem vor­erst letz­ten Film mit dem we­nig Action ver­hei­ßen­den Ti­tel „Ei­ne Tau­be sitzt auf ei­nem Zweig und denkt über das Le­ben nach“spie­len ei­ni­ge Sze­nen in ei­nem Na­tur­kun­de­mu­se­um, in dem aus­ge­stopf­te Vö­gel auf Ast-Stü­cken fest­ge­leimt in schma­len Glas­vi­tri­nen ho­cken. Die steif da­vor­ste­hen­den mensch­li­chen Be­su­cher wir­ken kaum le­ben­di­ger. Das ist ein kno­chen­tro­cke­ner Ver­weis des fil­men­den Uni­kums auf die ei­ge­ne Er­zähl­me­tho­de. An­ders­son baut an ei­nem trut­zi­gen Mu­se­um der Mis­an­tro­phie. Sei­ne Fil­me sind we­ni­ger Strö­me zu­sam­men­hän­gen­der Hand­lun­gen als schumm­ri­ge Kor­ri­do­re vol­ler grus­lig-ko­mi­scher Ein­zel­schau­käs­ten. Trotz­dem zäh­len sie für Men­schen mit ent­spre­chen­den Hu­mor-An­ten­nen zu den at­trak­tivs­ten An­ge­bo­ten des Welt­ki­nos.

Drei die­ser Wer­ke kann man jetzt in der „Roy An­ders­son Collec­tion“fürs Heim­ki­no er­wer­ben, „Ei­ne Tau­be sitzt auf ei­nem Zweig und denkt über das Le­ben nach“(2014), „Das jüngs­te Ge­wit­ter“aus dem Jahr 2007 und „Songs from the Se­cond Floor“von 2000. Wer das an­hand der Jah­res­zah­len für ei­ne lü­cken­haf­te Zu­sam­men­wür­fe­lung des be­lie­big Her­aus­ge­grif­fe­nen hält, irrt al­ler­dings. Der 1943 in Gö­te­borg ge­bo­re­ne An­ders­son ist nicht nur ei­ner der ver­schro­bens­ten, son­dern auch ei­ner der be­däch­tigs­ten Re­gis­seu­re der Welt. In vier­ein­halb Jahr­zehn­ten hat er fünf Spiel­fil­me vor­ge­legt.

Das hat nicht nur mit Ge­müt­li­che­keit zu tun. Mit sei­nem De­büt „Ei­ne schwe­di­sche Lie­bes­ge­schich­te“, das Te­enager­lie­be und Ha­der mit der Ge­sell­schaft schil­dert, lan­de­te An­ders­son 1970 ei­nen Kri­ti­ker­hit. Der dar­aus re­sul­tie­ren­de Er­war­tungs­druck nerv­te ihn. 1975 leg­te er mit „Gil­liap“ei­ne bis­si­ge Ko­mö­die vor, die ver­ris­sen und ge­mie­den wur­de. An­ders­son bau­te sich ei­ne neue Kar­rie­re als Wer­be­fil­mer auf.

Zum Glück für uns brauch­te er spä­ter doch wie­der ein Ven­til für all die Ge­dan­ken und Ge­füh­le, die in der Wer­bung hin­ter dem Lob­preis ei­nes Pro­duk­tes zu­rück­tre­ten müs­sen. Die Fil­me der Roy-An­ders­sonCollec­tion bie­ten al­le­samt ein Ge­flecht von Sze­nen, Epi­so­den und Stim­mun­gen, ein ku­rio­ses Kalei­do­skop von Un­glück, Ein­sam­keit und oft zä­hem Fest­hal­ten am Le­bens­mut. Die grüb­le­rischs­ten See­len­fins­ter­nis­er­kun­dun­gen von Ing­mar Berg­man mi­schen sich hier mit dem ab­stru­sen Hu­mor von Mon­ty Py­thon. An­ders­son selbst sagt, er ha­be da le­dig­lich ei­ne Tri­lo­gie über das mensch­li­che Le­ben ab­ge­lie­fert. „Roy An­ders­son Collec­tion“,

FO­TO: VER­LEIH

Sze­ne aus „Das jüngs­te Ge­wit­ter“von Roy An­ders­son.

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